Die Nachricht, eine der weltweit bewunderten Pariser Star-Intellektuellen habe zu Beginn der siebziger Jahre unter dem Decknamen Sabina für den bulgarischen Geheimdienst gearbeitet, klingt so fantastisch, als sei sie einem der französischen Romane dieser Tage entnommen. Ausgerechnet die brillante Pariser Avantgardistin Julia Kristeva soll sich in Paris mit für filmreife Mordanschläge bekannten bulgarischen Geheimagenten getroffen haben, um "Personen und Zentren im französischen Kulturmilieu" zu benennen, die "eine zersetzende ideologische Tätigkeit gegen das sozialistische Lager und vor allem gegen Bulgarien" ausübten? Das behaupten jedenfalls staatliche bulgarische Stellen. Sie stießen bei einer Routineüberprüfung auf eine mehrere Hundert Seiten starke Akte mit Berichten, die im Wesentlichen auf Gespräche des bulgarischen Geheimdienstes mit Kristeva zurückgehen sollen.

Seither redet die ganze Welt davon. Sogar auf der deutschen Wikipedia-Seite über Kristeva steht schon: "Im März 2018 wurde bekannt, dass Kristeva im Jahr 1971 für den bulgarischen Auslandsgeheimdienst angeworben wurde." Mit Verweis auf die Neue Zürcher Zeitung. Es folgte ein Artikel in der New York Times. Ganz schnell ging das. Dass ausgerechnet die skrupulöse Psychoanalytikerin und poststrukturalistische Sprachphilosophin Kristeva in die Maschinerie eines der brutalsten Überwachungsunternehmen des östlichen Imperiums geraten ist, scheint denjenigen recht zu geben, die die Pariser Dekonstruktionsarbeit an der Vernunft schon immer beargwöhnten. Es passt allzu gut in das Klischee vom Poststrukturalismus als theoriebesoffener Denkspielerei im sicheren Abseits der großen Weltkonflikte. Schließlich war es vor allem Julia Kristeva, die für einen neuen, im freien Spiel der Texte wild umherflottierenden Wahrheitsbegriff eintrat. Die Erfinderin der "Intertextualität", die von der Spießer-Unterscheidung zwischen Fakten und Fiktionen nichts mehr wissen wollte.

In den von der sogenannten "Kommission für die Offenlegung der Dokumente und die Bekanntgabe der Zugehörigkeit von bulgarischen Staatsbürgern zur Staatssicherheit und zu den Geheimdiensten der Bulgarischen Volksarmee" veröffentlichten Geheimdienstakten tut sich nun eine verrückte und abgründige Geschichte auf. Julia Kristeva hat zwar nicht eigenhändig Berichte geschrieben und nie eine Einverständniserklärung unterzeichnet, sie hat weder ihren Freund und Mentor Roland Barthes noch ihren Ehemann, den Schriftsteller Philippe Sollers, bespitzelt. Doch das umfangreiche dreiteilige Dossier umfasst insgesamt 378 Seiten, darin auch zahlreiche Informationen, die Julia Kristeva ihren Pariser Verbindungsmännern geliefert haben soll, bisweilen auch eine Bewertung aus der Zentrale, die sich beschwert, dass das von Kristeva gelieferte Material zu allgemein und ohnehin öffentlich zugänglich sei. Man ist schnell von der berühmten Agentin enttäuscht. Immer häufiger, heißt es, sei sie zu den vereinbarten Treffen mit fadenscheinigen Entschuldigungen nicht erschienen. Mal sei ihre Schwiegermutter krank geworden, mal habe sie das Treffen einfach vergessen. Ansonsten habe man sich über Privates ausgetauscht, über die Ferien, ihre Arbeit, die Passangelegenheiten ihrer Schwester, die sie zu einem Treffen begleitet haben soll. Auch Politisches wurde besprochen. "Sabina" berichtet über ein Symposium in Kuwait zum Thema Palästina, an dem Julia Kristeva teilgenommen hat, sie spricht über palästinensische Widerstandsgruppen, über linke marokkanische Organisationen in Frankreich und über die zunehmend prochinesische Stimmung unter den Pariser Autoren, die wie Kristeva selbst in den siebziger Jahren begeistert nach Peking pilgerten.

Die meisten Berichte stammen von dem Agenten Ljubomirov, hinter dem sich möglicherweise Luka Draganov verbirgt, ein Geheimdienstagent der bulgarischen Botschaft in Paris. Das einzige in der Akte enthaltene kompromittierende handschriftliche Dokument, das wirklich von Julia Kristeva stammt, ist eine Postkarte an Luka Draganov vom 13. März 1972: "Grüße aus Belgien, danach fahre ich in den Urlaub, nach den Feiertagen werde ich mich melden".

Kristevas Agentenkarriere war angeblich schon bei ihrer Ankunft in Paris im Dezember 1965 verabredet. Doch erst am 21. Januar 1970, als Kristeva schon seit drei Jahren mit Philippe Sollers verheiratet ist und bereits an ihrem legendären Buch Die Revolution der poetischen Sprache arbeitet, wird sie dem Geheimagenten Ljubomirov durch einen gemeinsamen Bekannten in einem Restaurant in der Rue de l’Odéon vorgestellt. Am 18. November 1970 berichtet Ljubomirov von einem förmlichen Anwerbungstreffen – anwesend sei auch ein gewisser Petrov gewesen, der Kristeva noch aus ihrer Zeit bei der kommunistischen Jugendorganisation in Sofia kenne. Er habe Julia Kristeva kurz vor ihrer Ausreise im Ministerium in Sofia getroffen, und sie habe damals angeblich eingewilligt, bei Bedarf für die Dauer ihres Stipendiums in Frankreich mit dem Ministerium zu kooperieren. Man habe vereinbart, sich auf das kulturelle Milieu in Frankreich zu konzentrieren. Julia Kristeva habe damals darauf bestanden, das von ihr in Erfahrung Gebrachte ausschließlich mündlich darlegen zu dürfen. Im Dezember 1970 triumphiert Ljubomirov: "Die Rekrutierung von J. Kristeva darf als vollständig erfolgreich betrachtet werden." Es folgen Berichte über diverse Treffen an einem "Versteck" genannten Ort oder im Café La Closerie des Lilas auf dem Boulevard du Montparnasse. Am 14. Juni 1972 hält Ljubomirov fest: "Sabina kam ins Versteck, um ein offizielles Dokument zu erhalten – eine Einladung für ihre Eltern." 1973 wurde der Kontakt für unbrauchbar erklärt und abgebrochen.

Die Echtheit des auf einer Schreibmaschine verfassten und mit unzähligen Aktenzeichen versehenen Geheimdienstdossiers steht außer Frage, doch eindeutige Beweise für die einverständige Geheimdiensttätigkeit der berühmten Philosophin enthält es nicht. Julia Kristeva hat sich bisher niemals über ihre Kontakte zu bulgarischen Agenten geäußert. Oder doch?