Sieben Erwachsene, ein Konto, ein Schloss. In der Campagne in Bolligen im Kanton Bern haben einst Patrizier ihre Sommertage verbracht. Seit knapp zwei Jahren leben hier drei Frauen und vier Männer, in finanzieller Gleichheit. Was die Sozialarbeiterin, der Lehrer oder der Politologe verdienen, fließt auf ein gemeinsames Konto, und von diesem begleicht die Gemeinschaft alle Ausgaben. Gemeinsame Ökonomie nennen sie ihr Modell. Abrechnungen oder Budgets gibt es keine. Dafür eine goldene Regel: Bedürfnisse sind nicht verhandelbar. Die Sängerin Sarah Widmer und der Projektleiter und Aktivist Raffael Wüthrich gehören zu den Mitgliedern des Experiments.

DIE ZEIT: Herr Wüthrich, hatten Sie schon mal Angst, dass Sie eines Morgens aufwachen und Ihr Konto leer ist?

Raffael Wüthrich: Der Gedanke, dass jemand einfach das Geld abheben könnte, ist für mich völlig absurd. Wir sind wie eine gut funktionierende Familie, dort würde sich auch niemand sorgen, dass ein Familienmitglied alles Geld abzieht.

ZEIT: Trotzdem, Ihr Experiment klingt gewagt: Da entscheiden sich sieben Erwachsene, all ihr Geld zu teilen. Warum tun Sie das?

Sarah Widmer: Ich möchte einerseits, dass Geld nicht mehr so viel Bedeutung hat in meinem Leben. Andererseits überzeugt mich der solidarische Aspekt.

Wüthrich: Für mich ist das ähnlich. Ich finde, Geld hat zu viel Macht über uns.

ZEIT: Sie möchten dem Geld weniger Bedeutung in Ihren Leben geben – und machen es gleichzeitig zum Merkmal Ihres Lebensmodells. Ist das nicht ein Widerspruch?

Wüthrich: In der Gemeinschaft muss ich mich viel weniger um Geld kümmern, als das früher der Fall war. Ich muss nicht mehr jeden Monat die Rechnungen bezahlen, weil das eine Person im Turnus für alle erledigt. Das schafft eine Distanz zum Geld, die ich als sehr befreiend empfinde.

Widmer: Mir bereitet es mehr Freude, wenn ich Geld verdiene, das allen zugutekommt.

ZEIT: Herr Wüthrich, Sie beschäftigen sich intensiv mit Geld: Sie engagieren sich im Komitee der Vollgeld-Initiative, die das Schweizer Geldsystem umbauen will. Was erhoffen Sie sich davon?

Wüthrich: Wie das Geldsystem heute aufgebaut ist, dient es den Großbanken, ihren Aktionären und Managern. Banken haben die Macht, selber elektronisches Geld per Knopfdruck zu erzeugen und damit Gold, Aktien, Unternehmen oder Liegenschaften zu kaufen sowie Kredite gegen Zinsen zu vergeben. Das ist eine gigantische Wettbewerbsverzerrung, kein anderer Wirtschaftsteilnehmer kann sonst Geld erzeugen. Mit der Vollgeld- Initiative soll die Schweizerische Nationalbank wieder alles Geld herstellen, dafür wurde sie aus gutem Grund gegründet.

ZEIT: Ökonomen warnen vor den großen Risiken, die ein Systemwechsel mit sich bringen würde.

Wüthrich: Das sind Ökonomen, die dafür bezahlt werden, dies zu behaupten. Unabhängige und renommierte Wirtschaftswissenschaftler sind sich einig, dass das jetzige Finanzsystem wieder crashen wird, die Frage ist nur, wann. Darauf sind wir nicht vorbereitet, das Geld auf unseren Konten ist in einem solchen Fall akut gefährdet. Vollgeld führt uns zurück zu einem kontrollierbaren System mit sicherem und modernem Geld.