ZEIT: Sie sorgen sich also um die Sicherheit des Schweizer Frankens. Gleichzeitig sind Sie unglaublich locker im Umgang mit Ihrem eigenen Geld.

Wüthrich: Jeder Mensch kann mit seinem Geld machen, was er will, auch ein Risiko eingehen. Es kann aber nicht sein, dass das Geld auf unseren Konten bei einer Bankenkrise automatisch verloren geht. Unser Schweizer Franken sollte in erster Linie der Gesellschaft und den KMU dienen, und er muss auch in Bankenkrisen sicher sein.

ZEIT: Zurück zu Ihrem Experiment hier in Bolligen, Ihrer gemeinsamen Ökonomie: Frau Widmer, was waren Ihre Befürchtungen, bevor Sie damit starteten?

Widmer: Dass es mich ärgert, wenn sich jemand etwas kauft, das ich sinnlos finde.

Wüthrich: Kurz bevor wir die gemeinsame Ökonomie eingeführt haben, bekam ich zu meiner Überraschung plötzlich panische Angst, das Geld könnte nicht reichen. Schließlich verdienen wir alle nicht sehr viel. Wir machten dann eine Liquiditätsplanung und Budgets. Obwohl ich sonst kein Zahlenmensch bin, hat mich das beruhigt.

ZEIT: Haben sich die Ängste bewahrheitet?

Wüthrich: Wir befürchteten mehrmals, in einem oder zwei Monaten könnte das Geld knapp werden. Bisher hatten wir aber noch nie ein leeres Konto.

Widmer: Mich hat der Kontostand irgendwie nie sehr beschäftigt. Ich mache mir da bis jetzt wenig Sorgen. Für mich ist mehr die Altersvorsorge ein Thema, das wir demnächst auch angehen werden.

ZEIT: Ihre Gemeinschaft funktioniert sehr unbürokratisch. Es gibt kein Budget, keine Quittungen, keine Abrechnungen. Ist es pures Glück, dass Sie bis jetzt nicht in den roten Zahlen gelandet sind?

Wüthrich: Das denke ich nicht. Wir haben früher von unserem Einkommen gelebt, und das tun wir auch jetzt. Und Geld ist nicht alles. Wir leben in einer Gemeinschaft, in der wir gegenseitig füreinander sorgen. Diese Sicherheit wiegt für mich viel mehr als die Zahlen auf unserem Konto.

ZEIT: Was heißt das: "füreinander sorgen"?

Wüthrich: Der Mensch lebt nicht vom Geld allein. Im Gegenteil, und das zeigt auch die Forschung: Menschen, die in einer intakten Gemeinschaft leben, wie auch immer die aussieht, sind gesünder und glücklicher als Menschen, die nur dem Geld huldigen. Sich mit lieben Menschen umgeben, für sie da sein, einander zuhören, wahrnehmen, miteinander diskutieren, aber auch mal miteinander streiten – das sind wohl zutiefst menschliche Bedürfnisse, wenn auch unterschiedlich stark ausgeprägt.