Es sieht aus wie im Atelier eines Landschaftsmalers alter Schule: an den Wänden großformatige Gemälde, auf denen Landschaften mit üppigem Baumbewuchs, endlose, karge Steppen oder einzelne Pflanzen zu sehen sind. Alles in zarten Acrylfarben mit vielen Blau- und Gelbtönen gemalt, in dramatischeren Momenten mit schwärzlichem Gewölk gekrönt. Birkenwald mit Rhododendron heißt eines dieser Bilder, ein anderes Sibirische Aprikose oder auch Pinus sylvestris am Ufer des Baikalsees . Seit einigen Jahren arbeitet der Wiener Künstler Lukas Pusch, der im 6. Bezirk eine ganze Wohnung zu einem riesigen Atelier mit zahlreichen Nebenräumen ausgebaut hat, an seinem Zyklus Flora Sibirica, der bereits mehr als hundert Gemälde umfasst. Wenn er davon erzählt, gerät er ins Schwärmen: Nichts sei schöner, als während des Sonnenaufganges mit der Staffelei auszurücken und en plein air die farbenprächtige Szenerie festzuhalten. Mit Emphase beschwört er eine Art konservative Adalbert-Stifter-Existenz in Zeiten des Internets herauf.

Doch darin liegt nur die halbe Wahrheit. Denn eigentlich ist der 48-jährige Maler ein anderer: ein raffinierter Konzeptkünstler, mit allen Wassern der zeitgenössischen Diskurse gewaschen. Ein lustvoller Provokateur, der nach dem Motto "Mich interessiert die Form des Konfrontativen" agiert und Konflikte gern bis zum Ende durchsteht – wenn notwendig auch mit den Fäusten. In seiner Jugend war der massige Mann nämlich Kämpfer bei der Box-Union Favoriten. Pusch unternimmt seine Kunstprojekte immer unter der Perspektive eines grand design . Wenn er Gemälde produziert, dann ist das eben nicht nur traditionelles Künstlerhandwerk, sondern, wie es in einem Katalog heißt, "Landschaftsmalerei als politisches Statement". Was in diesem Fall bedeutet, dass die politische Abstinenz in Zeiten eines ständig politisch erregten Kunstbetriebes für Lukas Pusch eine radikalere Position darstellt als wohlfeiles Engagement, das nichts kostet und niemanden schmerzt

Diese Haltung legte Pusch auch seiner Zeitschrift Der Antist zugrunde, deren vierte Ausgabe unlängst erschienen ist und " Non Government Art" propagiert. Leitmotiv des dazugehörigen Manifests eines fiktiven Künstlerkollektivs: "Wer die Kunst liebt, muss den Staat hassen." Klingt wütend. Ist auch so gemeint.

Das subversive Organ mit einer Auflage von 200 Exemplaren ist vor allem ein Gefäß für Polemiken aller Art. Pate stand die Zeitschrift Maintenant, die der englische Dichter Arthur Cravan vor über hundert Jahren herausgab. Auch so ein schriller Vogel aus dem Pantheon des Lukas Pusch: Neffe von Oscar Wilde, Amateurboxer und Proto-Dadaist, der standesgemäß in jungen Jahren auf einem Schiff vor der mexikanischen Pazifikküste verschollen ging. Wie Cravan zürnt sich nun auch Pusch im Antisten die Seele aus dem Leib, lässt eine Maid mit prallen Brüsten das Titelblatt zieren und feiert Brüder und Schwestern im Geiste, von denen so mancher schon der Vergessenheit anheimgefallen ist. Die Solidarität der Zeitschrift gilt in jedem Fall den Mühseligen und Skandalbeladenen.

Der Künstler misst aber nicht nur inhaltlich große Spannbreiten aus, sondern auch geographisch. Vor zehn Jahren gründete er mit Kollegen in einem Elendsviertel der kenianischen Hauptstadt Nairobi Slum TV, einen Lokalfernsehsender aus dem Slum, über den Slum, für den Slum (ZEIT 8/08). Ursprünglich nur Abfallprodukt einer Performance, bei welcher der Künstler im weißen Smoking wie ein dekadenter Kolonialherr durch das Wellblechhüttendickicht flanierte und sich dabei filmen ließ, wurde aus dem Medien-Experiment ein Community-Projekt, das bis heute funktioniert und die Bevölkerung mit Unterhaltung und Informationen versorgt. Eine weitere Kunstaktion mit Globalkolorit war Mozart in China: Im Reich der Mitte brachte Lukas Pusch, ausgestattet mit einer billigen Plastikgeige, Mozarts Violinsonaten an öffentlichen Plätzen zur Aufführung und verblüffte Passanten und Schaulustige.

Seit einigen Jahren zieht es ihn aber in eine sprichwörtlich raue Weltgegend: nach Sibirien. Dort fühlt sich der perfekt Russisch sprechende Künstler – er hatte zu Beginn der neunziger Jahre am Moskauer Surikow-Institut Malerei studiert – besonders beheimatet. Gemeinsam mit Konstantin Skotnikov, einem künstlerischen Anarcho-Punk, gründete er die White Cube Gallery Novosibirsk. Nicht gerade das, was man unter einem herkömmlichen Kunsthandel versteht: Dazu wurde eine verrostete Blechgarage auf die Ladefläche eines alten Sowjetlasters, eines achtzylindrigen ZIL-130, gehievt. Mit diesem sechs Quadratmeter großen Museum auf Rädern, das auf hundert Kilometer 30 Liter Benzin verschlingt, durchquerten die beiden Künstler die Weiten Sibiriens und zeigten an verschiedenen Orten Ausstellungen. "Manchmal nur für Füchse, Hasen und zwei Hirten", erzählt Pusch. Schließlich erreichte das Duo die Gebirgssiedlung Kosch-Agatsch, einen der letzten Orte vor der mongolischen Grenze: "Dort machten wir eine Einzelausstellung mit Erbolat Jurimanov, dem einzigen zeitgenössischen Künstler der Region. Er ist vor allem für seine Dschingis-Khan-Darstellungen bekannt." Ungewiss ist indes, ob es tatsächlich einen Porträtmaler dieses Namens in der gottvergessenen Republik Altai gibt.

Wenn Lukas Pusch über seine Kunstprojekte spricht, ufert er immer in epische Erzählungen aus. Dabei stellt er verblüffende Verknüpfungen her und entwickelt so nebenbei reichlich schräge Theorien. Seine sibirischen Abenteuer sieht er beispielsweise im Kontext der Peredwischniki, einer Gruppe von realistischen Malern, der berühmteste war Ilja Repin, die im Russland des 19. Jahrhunderts aus Protest gegen die rigiden Postulate der Kunstakademie in Sankt Petersburg eine Genossenschaft für künstlerische Wanderausstellungen ins Leben rief. Bis ins Jahr 1923, als der ursprüngliche Elan der Peredwischniki-Bewegung sich verflüchtigt hatte, reisten insgesamt 48 unterschiedliche Gruppenausstellungen durch das russische Riesenreich.