Die Botschaft der #MeToo-Debatte ist in der Film- und Medienbranche angekommen. Und viel spricht dafür, dass sie auch die restliche Welt verändern wird, in der Übergriffe, Missbräuche und Gewaltakte üblich waren. Man reibt sich die Augen, dass erst so spät sichtbar geworden sein soll, was Frauen zu leiden hatten – als habe nie zuvor jemand von einer "Besetzungscouch" gehört oder vom Ausspruch des W. C. Fields, dass alle Hollywoodkarrieren entweder mit Prostitution begönnen oder endeten.

Aber ist die Botschaft des Protests auch bei jenen Männern angekommen, die sich gar nichts vorzuwerfen haben – außer ihrer Zugehörigkeit zum verfluchten Geschlecht? Glaubt man den Frauen, die sich in Zeitungen, Talkshows und sozialen Medien unentwegt äußern, wird der Ertrag der Debatte bislang als höchst unbefriedigend eingeschätzt. Die Männer, so der Befund, lassen sich nicht erreichen, jedenfalls nicht in der angesprochenen Gesamtheit. Denn: Sie schweigen. "Zu hören sind sie jedenfalls nicht", schreibt meine Kollegin Ursula März in der ZEIT. "Ob bewusst oder unbewusst, dürfte eines der Motive schierer Selbstschutz sein." Die Männer ridikülisierten mögliche Konsequenzen aus dem Protest als "Beweis einer heraufziehenden Tugenddiktatur", hielt Iris Radisch in der ZEIT fest. Die Männer, kurzum, verhalten sich in ihren Reaktionen auf die #MeToo-Debatte genauso ignorant und selbstsüchtig (bestenfalls lauernd), wie sie in den Leidensberichten beschrieben sind. "In ihrem Schweigen liegt etwas bedrohlich Zähneknirschendes" (März).

Der Eindruck trügt. Die Männer, von einigen schuppigen Dinosauriern des Machotums abgesehen, teilen die Empörung der Frauen sehr wohl, fühlen sich aber zu Unrecht in Kollektivhaftung genommen und zugleich absichtsvoll – und keineswegs durch eigene "Verdruckstheit" (März) – von der Debatte ausgeschlossen. Diese Debatte hat sich, kaum begonnen, in rasender Geschwindigkeit vom Anlass – den üblen Umtrieben der Weinsteins und Wedels, die auch von Männern verurteilt werden – entfernt und ein rhetorisches Hexenlabyrinth erschaffen, in dem selbst der Gutwilligste scheitert.

Das Labyrinth ist so beschaffen, dass jedes männliche Entgegenkommen in einer Sackgasse endet. Die Männer beklagen die Zustände in den Büros und Filmstudios – und bekommen von den Frauen zu hören, sie hätten kein Recht zur Solidarisierung, denn sie gehörten dem Geschlecht der Täter an. Die Männer missbilligen die ungerechte Bezahlung ihrer Kolleginnen – und müssen sich anhören, sie seien unglaubwürdig, weil Nutznießer des Lohnsystems ("Deshalb bist du ein Täter, auch wenn du keiner bist, weil du vom System profitierst", schreibt die Journalistin Mareike Nieberding auf ZEIT ONLINE). Die Männer ärgern sich über fiese Rüpel, welche Frauen bedrängen oder beiseiteschubsen, machen aber den Fehler, dies für ein Zeichen von schlechter Erziehung zu halten – und müssen sich deshalb vorhalten lassen, den wahren Charakter ihrer Herrschaft zu verschleiern.

Kurzum: Die Männer haben nach anfänglichem Aufbegehren – kaum mehr als ein Schluckauf – erkennen müssen, dass ihnen keine Reaktion bleibt, mit der sie sich nicht selbst ins Unrecht setzen. War es das Ziel von #MeToo, den allgemeinen Geschlechterkampf zu eröffnen und diesen prompt mit der Einschüchterung des Gegners zu beginnen, kann die Debatte nur ein Erfolg genannt werden. Der Vorwurf mangelnder Gesprächsbereitschaft wäre dann nichts als Hohn. Die Wortführerinnen der Debatte haben eine Argumentationsstruktur geschaffen, die einem alten Trick beim Mühle -Spiel gleicht: Mit jedem Zug setzt sich der Gegner selber matt. Wenn die Männer schweigen, dann ducken sie sich feige weg oder haben ihre Verantwortung nicht erkannt. Stimmen die Männer zu, maßen sie sich einen (verlogenen) Rollenwechsel an, der ihnen nicht zusteht. Widersprechen die Männer aber, offenbaren sie bloß, dass sie ihre Machtposition nicht freiwillig räumen – ganz abgesehen davon, dass jede Art von männlicher Erläuterung nach Belieben als "Mansplaining" (also männlich-autoritäres Dozieren) herabgesetzt wird.

Und wenn die Männer sagen wollten, was ihnen die Sprache verschlagen hat? Dass ihnen die öffentliche Darstellung des eigenen Geschlechts als unfair und als eine Art moralisches Willkürregiment vorkommt? Dann wird man ihnen vorwerfen, sie unterstellten nun die Gewalt, die von ihnen selbst ausgehe, den Frauen, kaum dass diese sich einmal wehrten. "Victim blaming" lautet der feministische Fachausdruck dafür. Vielleicht rät man ihnen auch, nicht so larmoyant zu sein. Das System der feministischen Rhetorik folgt dem Schema des bolschewistischen Schauprozesses, nur dass die Klassenzugehörigkeit durch die Geschlechtszugehörigkeit ersetzt ist. So oder so steht die Schuldigkeit schon durch Herkunft fest. Ein Bürgerlicher war in der Sowjetunion stets Klassenfeind, ganz unabhängig davon, was er selbst sagte oder tat. Dieses war nämlich objektiv falsch, weil er der falschen Klasse angehörte, seine subjektive Einstellung änderte daran nichts.

Und so ist auch heute alles, was Männer tun, sagen, fühlen oder denken, falsch – weil sie dem falschen Geschlecht angehören. Männern darf man alles nachsagen, bloß weil sie Männer sind: Sie sind machtbesessen, geldgierig, egomanisch, wichtigtuerisch, sexistisch, fies. Als Männer sind sie Ursache jeglichen Weltproblems, und zwar schlicht, weil sie die Welt, in der diese Probleme entstanden sind, einst beherrscht haben. Oder waren es etwa Frauen, die den Weltkrieg erfunden haben? Na bitte.