Das hat allerdings eine fatale Rückwirkung auf die Glaubwürdigkeit auch berechtigter Anklagen. Die könnten ja ebenfalls frei erfunden sein. Die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge verschwimmt, wenn es kein objektives, allgemeiner Vernunft zugängliches Verfahren der Prüfung gibt, sondern alles zu einer Frage der parteilichen Perspektive erklärt wird – der männlichen oder der weiblichen.

Aber auch dazu hat sich die avancierte feministische Theorie etwas einfallen lassen. Sie sagt: Logik und Vernunft sind auch bloß parteilich. Auch die Annahme einer allen Menschen gemeinsamen Rationalität ist nichts als eine männliche Erfindung. Nichts als "das sture Festhalten an einer Vernunftauffassung, von der Georg Simmel schon vor hundert Jahren sagte, dass sie den Fehler begehe, ›die männliche Wesensäußerung in die Sphäre einer überspezifischen neutralen Sachlichkeit und Gültigkeit‹ zu heben" (schreibt Iris Radisch in der ZEIT).

Wissen die Feministinnen nicht, dass sie damit ein uraltes Vorurteil wiederbeleben, das Männern einst dazu diente, weibliche Intelligenz herunterzustufen? Aber auf jeden Fall geht so die kostbarste Errungenschaft des abendländischen Rationalismus zugrunde, welcher Gleichheit und Menschenrechte auf die allgemeine Akzeptanz von Vernunft und Logik gründete. Es erlischt auch jedes Gespräch, weil es keinen Austausch überindividuell geltender Argumente mehr gibt, die jeder nachzuvollziehen vermöchte, unabhängig von Herkunft, Klasse und Geschlecht. Die Männer hätten dann tatsächlich allen Grund zu schweigen (oder nur mit ihresgleichen zu reden).

Die verhängnisvollste Konsequenz: Auch jeder Anspruch auf Gleichberechtigung erlischt. Gleichberechtigung beruht auf Gegenseitigkeit – der gegenseitigen Akzeptanz eines gemeinsamen Dritten. Dieses Dritte muss jenseits der offenkundigen Unterschiede des Geschlechts, der Rasse, der kulturellen Besonderheit liegen. Das war bisher die Instanz der Vernunft, auf die sich jeder berufen konnte. (Übrigens die philosophische Entsprechung dessen, was theologisch die Gottesebenbildlichkeit aller Menschen genannt wird, aber ich werde hier selbstverständlich nicht den tödlichen Fehler machen, christlich zu argumentieren.)

Glauben die Frauen, die den Vernunftgrund des abendländischen Humanismus kündigen, für alle Frauen zu sprechen? Wahrscheinlich. "Das Patriarchat umgibt uns förmlich wie die Matrix aus dem gleichnamigen Film" (Anne Wizorek). Ihre Ideologie zwingt sie dazu, die Geschlechter über jede Individualität hinweg absolut zu setzen: Männer als Besitzer der Macht, Frauen als deren Opfer. Nachrichten von konkreten Übergriffen zeigen "nur die Spitze des Eisbergs. Der Eisberg selbst ist das System. Hierarchisch. Machtgesteuert. Geldgesteuert. Männlich dominiert" (die Regisseurin Crescentia Dünßer auf Facebook). Und wenn ausnahmsweise (was zugegeben wird) auch mal Frauen ihre Macht missbrauchen, dann tun sie das immer noch "innerhalb der traditionell männlichen Koordinaten". Und wie die Kommunisten an den unaufhaltsamen Sieg der Arbeiterklasse glaubten, glauben die Feministinnen an den Sieg des weiblichen Geschlechts über seinen Erbfeind, den Mann. "Deswegen bäumen sich ja die alten weißen Männer gerade noch einmal auf. Wie ein Tier kurz vorm Tode. Sie spüren sehr wohl, dass die Zeit für sie gekommen ist" (Mirna Funk).

Zu den feindseligen Machenschaften im Sinne eines letzten Aufbäumens rechnen natürlich auch Beiträge wie mein vorliegender, der Autor gibt sich da keinen Illusionen hin. Bereits der Umgang mit der #aufschrei-Debatte wurde als moralischer Lackmustest gesehen: "Nun war sehr schnell zu erkennen, wer Sexismus lediglich für einen Scherz hält und sexualisierte Gewalt verharmlost", schreibt Anne Wizorek in ihrem Buch Weil ein #Aufschrei nicht reicht. In den USA wird von Aktivistinnen schon mit dem Gedanken gespielt, Kritik an Auswüchsen der #MeToo-Debatte ihrerseits zu einer Abart des "sexual harassment" zu erklären, zur sexuellen Belästigung zweiter Ordnung sozusagen. Damit wäre jedes Mitdiskutieren von Männern, sofern sie nicht der Parteilinie folgen, ein Übergriff – vielleicht sogar strafwürdig. Muss man sich da über schweigende Männer wundern?

So ist nach marxistisch-leninistischem Vorbild ein sich selbst immunisierendes System entstanden. Auch durch die Aussicht auf ein Ende der realen Missstände lässt es sich nicht irritieren. Der Kampf wäre ja keineswegs gewonnen, wenn sich das männliche Verhalten gegenüber Frauen zivilisierte. Auch die kommunistischen Parteien hielten es für Augenwischerei, wenn sich die Lage der Arbeiterklasse durch Reformen verbesserte. Nicht die Befreiung der Arbeiter von drückenden Verhältnissen war das Ziel, sondern der Sieg der Partei.

So geht es auch heute nicht um die Gleichberechtigung der Frauen, sondern um den ideologischen Triumph des totalitären Feminismus. Das ist, um es zart zu sagen, ein bisschen traurig. Und es wird uns auf dem Weg zu Gleichberechtigung, Gleichbezahlung und sexueller Selbstbestimmung, den Frauen und Männer gemeinsam gehen müssen, sicher nicht voranbringen.

In der nächsten Ausgabe der ZEIT widerspricht Bernd Ulrich: Die Emanzipation des Mannes hat gerade erst begonnen.

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