Endlich spricht es ein arabischer Machthaber aus: "Israelis haben das Recht auf ihr eigenes Land", sagt der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman gegenüber dem amerikanischen Magazin The Atlantic. Er hat damit im Handstreich abgeräumt: die Erzfeindschaft zu Israel und die Scheinheiligkeit vieler arabischer Potentaten, die sich mit dem Kampf für Palästina brüsten, aber für die Palästinenser nichts tun. Ein Prinz, pragmatisch und versöhnlich. Einer, der Frieden bringen kann?

Tatsächlich geht es Bin Salman weniger um die Versöhnung mit dem Erzfeind Israel als um eine neue Front gegen den Feind Iran. Im selben Interview nennt er den iranischen Revolutionsführer nämlich "schlimmer als Hitler", bereit, die ganze Welt zu erobern. Es ist die saudische Sicht auf die neue Ordnung im Nahen Osten: hier der aggressive Hegemon Iran, dort Saudi-Arabien – Bollwerk der Stabilität. "MbS", wie die Saudis ihren 32-jährigen De-facto-Regierungschef nennen, schmiedet eine breite Allianz, um die eigene Vormachtstellung in der Region zu sichern. Israel ist dabei ein opportuner Partner. Die alte Solidarität mit den Palästinensern, die nie so ganz ernst gemeint war, soll dem neuen Bündnis nicht länger im Wege stehen. Auf maximale Konfrontation mit dem Iran zu setzen und zugleich die Palästinenser zu verprellen ist aber alles andere als pragmatisch. Es ist hochriskant. Nicht zuletzt für Israel.

Wie viel das Wort dieses Prinzen wert ist, bekommen nun die Palästinenser zu spüren

Saudi-Arabien und Israel tauschen sich in Sicherheitsfragen schon lange aus. Bislang diskret. Dass der Kronprinz sich nun öffentlich annähert, bedeutet für Israel die Überwindung seiner jahrzehntelangen Isolation in der Region. Zugleich gerät der jüdische Staat in Gefahr, als Handlanger der Saudis gesehen zu werden.

Die Sorgen der Saudis und Israelis sind angesichts der aggressiven Politik des Iran berechtigt. In Jemen und in Syrien ist zu sehen, dass der Iran keine Opfer scheut, um seinen Einfluss auszubauen. Sich zusammenzuschließen, um dem Iran die Stirn zu bieten, ist plausibel. Doch Bin Salman will mehr. Er dämonisiert den Iran und will ihn isolieren, unter anderem durch die Aufkündigung des Atomabkommens.

Wer also ist dieser Kronprinz? Mohammed bin Salman betreibt seit der Amtsübernahme vor drei Jahren in atemberaubendem Tempo den Umbau seines Landes. Er will weg vom Öl, Frauen sollen allein reisen und über ihre Verschleierung selbst entscheiden dürfen. Dafür legt er sich mit den religiösen Führern genauso an wie mit seiner eigenen Familie. Er reißt das Land aus der Lethargie. Jetzt bricht er mit einer weiteren saudischen Tradition: sich nicht leichtfertig Feinde zu machen. Im Gegenteil: MbS spricht vom Dreieck des Bösen, nennt neben dem schiitischen Iran auch sunnitische Terroristen und die Muslimbrüder.

Nur an einer Tatsache ändert der Prinz nichts: Saudi-Arabien bleibt eine absolute Monarchie. Indem der Kronprinz die Macht in einem kleinen Kreis um sich selbst konzentriert, erhöht er noch die Willkür im System. Das saudische Regime ist unberechenbarer denn je. Solche Freunde sind gefährlich.

Wie viel das Wort des Prinzen wert ist, bekommen nun die Palästinenser zu spüren. Ihre Selbstbestimmung galt als Schlüssel zum Frieden in der Region. Die volle Anerkennung Israels durch die Araber sollte immer an einen unabhängigen palästinensischen Staat gebunden sein. Nun wird über die Köpfe der Palästinenser hinweg Geopolitik gemacht. Dass die Palästinenser sich in solch ein Szenario nicht einfach fügen werden, zeigt sich derzeit in Gaza. Dort sind bei einer Demonstration an der Grenze zu Israel Zehntausende marschiert. Die israelische Armee schoss scharf, mindestens 18 Menschen starben, Hunderte wurden verletzt.

Die Strategie des Kronprinzen beruht also auf zwei riskanten Wetten: erstens, dass die Palästinenser sich irgendwann doch damit abfinden, dass sie für die arabischen Brüder nicht mehr zählen – und stillhalten. Zweitens, dass sich der Iran durch Abschreckung in die Schranken weisen lässt und die Provokationsspirale nicht noch einen weiteren Krieg in Nahost beschert.

Die israelisch-saudische Frontbildung ist Teil einer martialischen Strategie. Platzen die Wetten und eskaliert der Konflikt, dann fehlen diplomatische Auswege. Denn Bin Salman verbaut sie gerade mit seiner scharfen Rhetorik. Kommt es zur Gewalt, dann ist Israel in beiden Fällen direkt an der Front.

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