Afrikanisches Design: Wer hat da nicht sofort Bilder von prächtigen Gewändern, Sofabezügen aus Leopardenfell und Holzmasken vor Augen? Die Ausstellung Flow of Forms über afrikanische Designgeschichte räumt auf mit den Klischees dieser Folklore.

Da ist zum Beispiel der Fall der berühmten bunten Batikgewebe, die zu Dutzenden auftauchen, wenn man in der Google-Bildsuche "Afrikanisches Design" eingibt. "Tatsächlich zeigen uns diese Stoffe die kolonialen Verstrickungen", sagt die Designtheoretikerin Alexandra Weigand, die die Ausstellung co-kuratiert hat.

Die Geschichte geht so: Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte das holländische Stoffunternehmen Vlisco eine Drucktechnik, die das Design indonesischer Batik imitierte. Die niederländischen Stofffabrikanten hofften, durch die günstige Produktion der typischen Dessins mit der Bevölkerung des damaligen Niederländisch-Indien ein gutes Geschäft zu machen. Doch die Prints der Kolonialherren erwiesen sich als Flop, zumindest in Indonesien. Die dortige Bevölkerung wollte sich mit den billigen Imitaten nicht abgeben und kaufte lieber das Original.

Über die kolonialen Reiserouten fand die unverkäufliche Ware dann doch noch Ab nehmer: In Westafrika nämlich gefielen die originellen Muster, die sogenannten wax fabrics von Vlisco wurden ein Verkaufserfolg. Über 350 000 Designmuster hat die holländische Firma in den letzten 170 Jahren entwickelt, ihre Marktmacht ist bis heute ungebrochen und macht es lokalen Produzenten schwer, Stoffe in Afrika zu produzieren. Im kollektiven Gedächtnis jedoch gilt das Vlisco-Design als typisch für traditionelle afrikanische Gewänder. "Ich finde es aufschlussreich, dass man bestimmte Produkte als traditionell kategorisiert", sagt die holländische Designerin Simone Post, die aus Fehldrucken von Vlisco-Stoffen Teppiche herstellt. "Man macht sich nicht klar, wie viel Reisetätigkeit und kultureller Austausch in solchen Produkten steckt, gerade im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts."

Die Design-Geschichten zwischen Afrika und Europa stecken voller überraschender Entdeckungen: Wer weiß schon, dass die traditionelle sizilianische Keramik auf Techniken basiert, die bereits im 17. Jahrhundert aus arabischen Handwerkstraditionen importiert wurden?

Bittere Ironie der Geschichte: In der sizilianischen Keramik-Hochburg Caltagirone sieht über die Hälfte der Einwohner die eigene Kultur durch Flüchtlinge vom afrikanischen Kontinent bedroht. Eine Arbeit des italienischen Designkollektivs Formafantasma nimmt Bezug auf dieses historische Missverständnis: Eine Vase aus Caltagirone in ihrer Rohform, geschmückt lediglich mit dem Bild eines Geflüchteten, den es in die malerische Stadt im Südosten Siziliens verschlagen hat.

Auch die Moderne ist kein Produkt rein europäischer Genialität, wie die Ausstellung an mehreren Beispielen zeigt. Im französischen Art déco zu Beginn des 20. Jahrhunderts spielten afrikanische Elemente im Möbeldesign eine große Rolle. Und auf der Suche nach der sogenannten guten Form wurden Werkbund-Gestalter in Afrika fündig. "Wir haben festgestellt, dass afrikanische Objekte schon sehr früh auch im Design eine Rolle gespielt haben", sagt Weigand, die zusammen mit der Kunsthistorikerin Kerstin Pinther die historischen Wechselbeziehungen zwischen Afrika und Europa erforscht hat.

Solche "verflechtungsgeschichtlichen Aspekte", wie Weigand sie nennt, inspirieren die zeitgenössischen Designer aus Mali, Nigeria, Ghana, Uganda oder Südafrika. Die digital designten, afrofuturistischen Aswan-Stoffe des ghanaisch-britischen Designers David Adjaye etwa übersetzen die in den Neunzigern zum Exportschlager gewordenen ghanaischen Kente-Stoffe in unsere vom Netz bestimmte Gegenwart.

Faszinierend ist das Konzept eines mit lokalen Mitteln verfertigten Hightech-Designs. Zum Beispiel die aus einfachsten Materialien erstellten Roboter des Kollektivs Fundibots aus Uganda: Die Maschinen trippeln selbstständig los, um die Temperatur an einem bestimmten Ort zu messen. Oder der "Lumkani Fire Detector", den Studierende im Kapstadt entwickelt haben, nachdem ein Feuer 800 Häuser in der Township Khayelitsa zerstört hatte. Der Detektor reagiert nicht auf Rauch – das wäre in einem Slum, wo man über offenem Feuer kocht, auch unsinnig, sondern auf extreme Hitze. Design, so begreift man in dieser Schau, ist nur in einigen Teilen der Welt ein Luxusprodukt. In manchen Regionen bedeutet Gestaltung Überleben.

"Flow of Forms / Forms of Flow: Design- Geschichten zwischen Afrika und Europa", Museum für Völkerkunde, 6. April bis 19. August