DIE ZEIT: Frau Satjukow, als Historikerin haben Sie die Nachkriegsjahre in Ostdeutschland erforscht. Was reizt Sie an diesem Thema?

Silke Satjukow: Da muss ich persönlich werden. Ich bin in der DDR groß geworden, wo bis zum Mauerfall nie weniger als eine halbe Million Sowjet-Soldaten stationiert waren. Hin und wieder begegnete man ihnen. Ich hatte in der Schule Russisch gelernt – trotzdem durfte ich mit den Militärs nicht sprechen, es war nicht erwünscht. Das machte mich neugierig. Später, als Wissenschaftlerin, habe ich mich systematisch damit befasst.

ZEIT: In vielen Ost-Familien werden Geschichten über die Angst vor den sowjetischen Soldaten nach Kriegsende erzählt. War das bei Ihnen auch so?

Satjukow: Ja. In meiner Familie hieß es, meine Tante Angela sei von "den Russen" vergewaltigt worden. Das stimmte nicht, wie sich später herausstellte, aber zum großen Teil entsprachen solche Erzählungen der Wahrheit. Massenhafte sexuelle Gewalt durch Besatzungssoldaten war wohl die einprägendste Erfahrung nach 1945.

ZEIT: Sie haben ein Buch über diese Zeit geschrieben, Besatzer. Dort liest man: "Die Sowjets handelten in dem Bewusstsein, über alles frei verfügen zu können." Was bedeutete das?

Satjukow: Als die Rotarmisten 1945 einmarschierten, übten sie massive Gewalt aus und bestätigten zunächst all das, was die Deutschen erwartet hatten. Sie fühlten sich als Sieger und waren verständlicherweise voller Hass. Es kam zu Plünderungen, Morden, sexuellen Übergriffen. Die Sowjets haben die Wohnungen der Deutschen bezogen, die Bevölkerung teilweise vertrieben, und sie haben – so war es zwischen den Alliierten vereinbart – auf ihrem Besatzungsgebiet die alleinige Macht ausgeübt. Für die Deutschen war das eine Katastrophe. Denn die waren ja 1939 nicht nur in einen Weltkrieg, sondern in einen Vernichtungskrieg gezogen. Sie waren auch 1945 noch felsenfest davon überzeugt, dass der Feind im Osten kein lebenswertes Geschöpf sei, sondern ein "Untermensch". Jetzt stand also dieser Feind mitten in der Wohnstube – und er hatte das Sagen.

ZEIT: Und zwar auf barbarische Weise?

Satjukow: Ja – und das hatte seinen Grund: 27 Millionen Menschen waren in der Sowjetunion dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallen. Das bedeutete, dass alle Soldaten Angehörige verloren hatten, ihr Land war zerstört. Im Wissen darum kamen sie nun nach Deutschland, das all das zu verantworten hatte, und fragten sich: Wieso haben uns die Deutschen angegriffen, aus welchem Grund? Sie nahmen die Orte, in die sie kamen, oft als viel wohlhabender, gepflegter wahr als die Dörfer zu Hause. Überliefert ist, dass die Rotarmisten bei ihrem Vormarsch nach Berlin besonders schöne Häuser in Brand gesetzt und Spiegel zerschlagen haben, weil sie das, was sie sahen, einfach nicht ertrugen: dass dieses reiche, schöne Deutschland sie angegriffen hatte.

ZEIT: Wie unterschieden sich die Rotarmisten von den amerikanischen oder britischen Besatzern?

Satjukow: Die Amerikaner und die Engländer hatten eine weitaus geringere Zahl von Kriegsopfern zu beklagen, sie empfanden weit weniger Hass für die Deutschen. Zwar gab es bei allen Besatzungsmächten den offiziellen Befehl, die Deutschen maßvoll und anständig zu behandeln. Aber Amerikaner und Engländer hielten sich häufiger daran.