Das Ku’damm-Karree, ein ehemals glanzvolles Gebäude-Ensemble Westberlins, wird verschwinden. Im Juni beginnt der Abriss. Früher gab es hier ein unterirdisches Kneipenareal, das wie ein Bunker belüftet und in den siebziger Jahren als Gipfel westeuropäischer Ausgehkultur gefeiert wurde. Damit ist es längst vorbei. Noch spielen zwei Privattheater im Karree, die im Sommer mit verschwinden werden, die Komödie am Kurfürstendamm und das Theater am Kurfürstendamm, beide mit ruhmreicher und wechselhafter Geschichte, und wenn man dieser Tage eine der letzten Vorstellungen besucht, sieht man einen Herrn auf der Bühne, der diesen Satz spricht: "Klatschen Sie nicht zu heftig, das Haus ist alt, es könnte einstürzen."

Gespielt wird Der Entertainer von John Osborne, ein englisches Stück über den Niedergang eines Komödianten und der Mittelschicht seines Landes. Es stammt aus dem Jahr 1957. Der Regisseur Fabian Gerhardt hat es für das Theater am Kurfürstendamm aktualisiert. Er will eine baupolitische Trostlosigkeit, den Abriss zweier berühmter Theater, geißeln, indem er die Bühnen, noch bevor die Abrissbirne schwingt, symbolisch zum Einsturz bringt. Die Investoren, der russische Unternehmer Mikhail Opengeym und die Münchner Firma Cells Bauwelt, werden am selben Ort ein neues Karree errichten, das ein Gemisch aus sehr vielem sein wird (Hotel, Büros, Geschäfte, Fitnessstudio, Restaurants, Kita). Für das Bunte sollen zwei Komponenten sorgen: Erstens wird die Spielbank vom Potsdamer Platz hierher übersiedeln. Zweitens soll im Untergrund des Konglomerats ein neues, 650 Plätze umfassendes Logentheater entstehen, welches dem Intendanten von Komödie und Theater am Ku’damm, Martin Woelffer, auf Mietbasis überlassen werden soll. Woelffer ist mit dieser Lösung zufrieden, obwohl er einen von zwei Spielorten einbüßen wird. Er sagt aber auch, für Berlin sei der Abriss der historischen Säle "ein Skandal".

Die Bühnen sind Orte der Theatergeschichte – und Baudenkmäler. Der Architekt Oskar Kaufmann (von ihm stammt auch die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz) errichtete sie im Jahr 1921. Ferdinand Bruckner und Max Reinhardt waren in den zwanziger Jahren die frühen Intendanten. 1943 brannten nach dem Absturz eines Kampfflugzeuges beide Bühnen aus; sie wurden auf der Grundlage von Kaufmanns Plänen wieder aufgebaut. Die tollsten Komödianten spielten hier, zum Beispiel Adele Sandrock, Rudolf Platte, Georg Thomalla, Grethe Weiser, Peer Schmidt, Harald Juhnke, Wolfgang Spier, Agnes Windeck, Günter Pfitzmann, Herbert Bötticher, Brigitte Mira, Friedrich Schoenfelder, Michael Degen, Ulrich Wildgruber, Otto Sander, um nur mal die zu nennen.

Der Mann auf der Bühne sagt, dass dieses Theater nun im Sterben liege – und dass etwas vom Wesen Berlins verloren gehe. Er nennt die Namen Oskar Kaufmann und Max Reinhardt – "zwei Juden übrigens. Die werden abgerissen. Es sind verrottete Zeiten." Der Schauspieler Peter Lohmeyer spricht diese Sätze in der Rolle des Entertainers Archie Rice. Wenn man Lohmeyer nach der Vorstellung trifft, sagt er, er fühle sich hier auf der Ku’damm-Bühne, als sei er in ein Spiegelkabinett geraten: "Was mir geschieht, geschieht auch Archie im Stück – es doppelt sich hinten und vorne!" Was erlebt er? Einerseits Not, andererseits große Momente. Gestern waren 135 Leute in der Vorstellung, heute 99 – in einem Theater, das 800 Plätze hat. Die Kritiken waren schlecht, die Inszenierung ist nicht die inspirierteste, der Berliner Entertainer ist ein Niedergangsstück von sengender Trostlosigkeit. Aber Lohmeyer spielt stoisch, von Zweifeln unbehelligt und mit Liebe zur Figur, dem von Ekel zerfressenen Archie Rice. Nebenbei hält er das Theater, dieses sinkende Schiff, über Wasser.

Er hat keine leichte Aufgabe. Er muss mit Zuversicht eine zum Abbruch bestimmte Welt verteidigen. Man denkt an Buster Keaton, über dem, ohne dass er’s merkt, ein Haus zusammenstürzt, was er heil übersteht, weil in der Wand, die auf ihn niederkracht, ein Fenster offen steht, aus dessen Rahmen er am Ende ungerührt und ahnungslos aufragt. Aber nein, so ist er nicht, dieser Archie Rice. Er weiß schon, dass er untergehen wird. Er besitzt die Fähigkeit, unerträgliche Wahrheiten in kommode Halbwahrheiten umzuschmieden – das gelingt allerdings nur, solange er Zuschauer hat. Rice bedient sich der Bühne, wo andere Leute einen Beichtstuhl brauchen: Er probiert an uns aus, wie weit er mit seiner Wahrheit kommt. Dieser liebessüchtige Widerling macht die ekelhaftesten Witze, um herauszufinden, ob ihm verziehen wird.

Peter Lohmeyer ist ein populärer Film- und Fernsehschauspieler, eigentlich aber ein Mann der Bühne, der mit George Tabori, Ivan Nagel, Stephan Kimmig, Werner Schroeter gearbeitet hat. Nun steht er vor 99 Zuschauern am Ku’damm. Er habe, sagt Lohmeyer, noch nie ein Stück so gern gespielt wie den Entertainer . Und er habe hier ein Publikum, das er "kriegen" wolle. Tatsächlich, das Ku’damm-Publikum ist nach vielen Jahren Boulevardtheater-Erfahrung daran gewöhnt, dass die Menschen auf der Bühne seine Sorgen gefälligst vertreibt, statt sie zu bestätigen. Aber davon kann hier keine Rede sein. Lohmeyer als Rice sagt auf der Bühne Sätze wie diesen: "Selbst mein Selbstmord wird ein mittelklassiger Selbstmord sein."

Im Sommer spielt Lohmeyer bei den Salzburger Festspielen den Tod im Jedermann, er muss dort einem wohlgenährten Publikum beibringen, dass sein Gold ihm am Ende nichts nützt, aber hier, am Ku’damm, klammert er sich an sein eigenes Bühnenleben: "Wenn ich von den 100 Leuten hier 50 kriege, ist mir das mehr wert als der Applaus in Salzburg." Nach der Vorstellung erzählt er uns, er habe den gestrigen und den heutigen Abend finanziert. Er habe seiner Co-Schauspielerin, der Pianistin und der Regieassistentin die Abendgage persönlich ausgezahlt.

Warum das?

Weil, so Lohmeyer, sie alle, er eingeschlossen, keine Gage mehr bekommen sollten. Die für die Aufführung verantwortliche santinis production GmbH, die das Ku’damm-Theater immer wieder als Untermieter bespielt – so auch nun bis Mai, um hier ein "Abrissfestival" zu feiern –, hat kein Geld mehr; sie ist insolvent. Auch das ist eine eher tragische Geschichte. Santinis wurde im Jahr 2012 mit besten Absichten von gleichberechtigten Schauspielern gegründet: "Nach Vorbild der Broadway- und Off-Broadway-Produktionen werden die Projekte aus eigenen Mitteln ohne Subventionen realisiert und spielen ihr Geld an der Kasse wieder ein." So steht es auf der Website von santinis. Aber der Plan ging nicht auf. Der Ku’damm verhält sich zum Broadway doch eher wie ein Gässchen zu einem Boulevard.

Kurzum: Als das Ensemble am Abend in Berlins neuem, fahlem Westen ohne Gage dazustehen droht, springt der Hauptdarsteller ein. Er, der wesentliche Phasen seines Lebens im Ruhrgebiet verbracht hat, kennt die Bergmannsweisheit, dass man aus einem eingestürzten Stollen nur herauskommt, wenn man zusammenhält – und so entlohnt er die Kolleginnen selbst, auf die Hand. Sonst wäre Der Entertainer ausgefallen. "Ich bring’s nicht fertig", so Lohmeyer, "Leute heimzuschicken, die in die Vorstellung wollen." Er weiß inzwischen, ganz nebenbei, dass im Theatergeschäft im Ernstfall nur Bares zählt – überwiesenes Geld könne von einem etwaigen Insolvenzverwalter zurückgefordert werden ...

Vom 18. April an sind noch 15 Vorstellungen des Entertainers im Ku’damm-Theater vorgesehen. Ob sie stattfinden werden, weiß Lohmeyer nicht. Aber in der Rolle des Archie Rice sagt er auf der Bühne, er werde das Theater nicht mehr verlassen, bis man es abreiße, er übernachte nämlich hier.

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