Es ist eine schöne Geschichte. Generationen von Deutschen kennen sie aus dem Schulunterricht, hundertfach wurde sie erzählt, in Büchern, im Fernsehen, im Radio.

Berlin, 9. November 1918: Der Erste Weltkrieg steht vor dem Ende, wenige Tage zuvor haben in Kiel die Matrosen revoltiert, Bayern erklärte sich bereits am 7. November zur Republik; nun sammeln sich in der Hauptstadt die Massen. Um die Lage zu beruhigen, verkündet Reichskanzler Max von Baden eigenmächtig die Abdankung des Kaisers.

Doch statt sich zu zerstreuen, strömen mehr und mehr Menschen in die Innenstadt. Da tritt, um 14 Uhr, der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann an ein Fenster des Berliner Reichstages und spricht zu den erregten Massen: "Arbeiter und Soldaten!", ruft er. "Das deutsche Volk hat auf der ganzen Linie gesiegt. Der Kaiser hat abgedankt. Er und seine Freunde sind verschwunden. Über sie alle hat das deutsche Volk auf der ganzen Linie gesiegt. Prinz Max von Baden hat sein Reichskanzleramt dem Abgeordneten Ebert übergeben. Das Alte und Morsche, die Monarchie, ist zusammengebrochen. Es lebe das Neue! Es lebe die deutsche Republik!" Das Kaiserreich – hinweggefegt. Deutschland war demokratisch geworden.

Es ist eine schöne Geschichte. Aber sie hat einen Haken: Sie ist zu nicht unerheblichen Teilen eine nachträgliche Erfindung. Eine Blüte deutscher Erinnerungskultur, politisch erwünscht, wissenschaftlich aber unhaltbar.

Was also geschah am 9. November vor einhundert Jahren wirklich in Berlin? Was sagte Scheidemann? Und wie wurde daraus die Legende von der Ausrufung der Republik?

Wer nach Antworten auf diese Fragen sucht, stößt schnell auf Fabriziertes und Behauptetes.

Es beginnt mit den Bildern. Ein erstes Foto des "historischen Augenblicks" erscheint am 24. November 1918 in der Berliner Illustrirten Zeitung aus dem Ullstein Verlag. Eindeutig ist die Aufnahme allerdings nicht, da man die Männer auf dem Balkon nicht identifizieren kann. Schon gar nicht zu erkennen ist, ob es sich bei dem abgebildeten Redner um den 53-jährigen Philipp Scheidemann handelt, der sich da akrobatisch und schwindelfrei auf äußerst schmaler Balkonbrüstung bewegt – freihändig acht Meter über dem Boden. Betrachtet man die Fotografie näher, zeigt sich, dass die Perspektiven und Größenverhältnisse seltsam unstimmig sind. Ein Schnappschuss? Fotoexperten halten das Bild für eine Montage.

Authentische Aufnahmen hingegen gibt es von einer Agitationsrede, die Scheidemann am 6. Januar 1919 aus dem Fenster des Reichskanzlerpalais in der Wilhelmstraße gehalten hat – während einer Großdemonstration der Sozialdemokraten gegen die von Karl Liebknecht geführten Kommunisten. Bereits in den zwanziger Jahren wird diese Szene zur Illustration seiner "Republik-Ausrufung" im November 1918 verwendet.

1928 schließlich holt man Scheidemann für ein inszeniertes Foto an ein Fenster der Reichskanzlei, wo er, zum zehnten Jahrestag, die Republik noch einmal ausrufen soll. Der eigentliche Ort, das Berliner Reichstagsgebäude, steht dafür nicht zur Verfügung, sodass man mit dem Reichskanzlerpalais vorliebnehmen muss. Dort also spielt der inzwischen 63-Jährige sich noch einmal selbst, wie er – tadellos gekleidet und frisiert – eine leidenschaftliche Ansprache hält, freilich ins Leere hinein, denn Komparsen als jubelnde Menge haben die Bildproduzenten nicht eigens engagiert.

Sowenig es echte Fotos oder Filmaufnahmen der "Ausrufung" gibt, so wenig verlässlich ist überliefert, welche Sätze Philipp Scheidemann an jenem 9. November denn überhaupt gesprochen hat. Vieles allerdings deutet darauf hin, dass es sich bei seiner Rede nicht um das handelte, was später daraus gemacht wurde: eine feierliche Verkündung der Republik, ein gleichsam offizieller Gründungsakt des demokratischen Deutschland.

Bezeichnenderweise ist in den frühesten Quellen, wie im Beitrag der Berliner Illustrirten Zeitung, von einer Ausrufung noch gar nicht die Rede. Stattdessen steht da: "Scheidemann erschien gegen ½ 2 Uhr auf einem Balkon des Reichstagsgebäudes und verkündete den Sturz der Dynastie und die Bildung der neuen Regierung." Im Januar 1919 legt das Haus Ullstein nach – es ist jetzt demokratisch-republikanisch orientiert, hat also ein Interesse daran, der neuen Ordnung Stabilität zu verleihen. In einer seiner auflagenstärksten Publikationen, der Heftreihe Die große Zeit, ist die schon einmal abgedruckte Fotografie nun mit der Zeile "Verkündung der Republik durch Philipp Scheidemann" unterschrieben.