Die Österreichische Nationalbibliothek feiert in diesem Jahr ihr 650-jähriges Bestehen. Jeden Monat stellen wir in dieser Serie ein Objekt aus ihrer Sammlung vor.

Schweißgebadet lehnt der geniale Komponist im Bett und diktiert seine epochalen Arrangements – ausgerechnet dem Mann, der sein Werk und sein Leben rauben will. Als Mozart in Miloš Formans 1984 erschienenen Hollywood-Epos Amadeus das Notenblatt an sich reißt, stimmt ein Chor in seinem Kopf das Confutatis Maledictis an. Es bleibt nicht mehr viel Zeit, bis das Requiem, Mozarts letzte Komposition, in voller Wucht ertönen wird, während sein Leichnam unter strömendem Regen in ein Massengrab fällt. Der perfide Plan von Antonio Salieri allerdings scheitert: Die Totenmesse macht nicht ihn, den eifersüchtigen Mittelmäßigen, unsterblich. Das Requiem wird Teil der Mozart-Legende.

Was Forman in der opulenten Verfilmung von Peter Shaffers Drama über Mozarts Tod und sein Requiem erzählt, ist zwar weitgehend Fiktion. Aber das können ihm selbst Musiktraditionalisten kaum übel nehmen, schließlich wuchern die Mythen seit dem Jahr 1791, als der 35-jährige Mozart mitten in der Arbeit an der Totenmesse starb. Hinter all den Mutmaßungen und verschwörerischen Theorien stehen gleich drei mysteriöse Begebenheiten: Es geht um den Auftrag für das Requiem, um seine Vollendung und gar um einen Kriminalfall in jüngerer Zeit.

Das Autograf des Requiems ist das vermutlich wertvollste Objekt, das die Österreichische Nationalbibliothek besitzt. Dabei handelt es sich bei den Notenblättern, die nun anlässlich des Jubiläums der Bibliothek zu sehen sind, gleich um zwei Versionen: eine Arbeits- und eine Abgabepartitur. Damit beginnt eines der Rätsel: Wer schrieb was? Mozart starb, bevor er weite Teile vollenden konnte. Salieri hatte, anders als auf der Kinoleinwand, mit der Sache jedenfalls nichts zu tun. Mittlerweile gilt als sicher: Mozarts Frau Constanze beauftragte erst den befreundeten Komponisten Joseph Eybler, an den Partituren weiterzuarbeiten. Doch Eybler gab schon nach wenigen Versuchen am Dies Irae auf. Es war schließlich Franz Xaver Süßmayr, Schüler von Salieri wie von Mozart, der das Werk vollendete und dabei Mozarts Schrift so gut nachzuahmen wusste, dass seitdem wahre und selbst ernannte Mozart-Spezialisten über die Echtheit und den wahren Schöpfer streiten.

Die letzten Noten, die Mozart auf Papier setzte © Photo by Gjon Mili/The LIFE Picture Collection/Getty Images

Geheimnisvoll war das Requiem schon zuvor: Wer hat es in Auftrag gegeben? Bekannt war lange nur, dass ein mysteriöser Bote den anonym verfassten Wunsch nach einer Totenmesse an Mozarts Frau Constanze übergeben hatte. Dahinter, so gilt heute als gesichert, steckte Graf Franz Walsegg-Stuppach. Der sonderliche Adelige aus Niederösterreich gab häufiger Stücke fremder Komponisten als seine eigenen aus, die plagiierte Totenmesse wollte er seiner verstorbenen Frau widmen. Constanze ließ das Werk nach dem Tod ihres Mannes komplettieren, um die zweite Hälfte des Honorars nicht zu verlieren. Doch damit nicht genug: Drei weitere Male verkaufte sie die Komposition, unter anderem an Friedrich Wilhelm II. von Preußen.

Dabei vertuschte Constanze nach Möglichkeit, dass ihr Gatte nicht der alleinige Urheber war. Ein idealer Ausgangspunkt für Mutmaßungen aller Art und für einen anhaltenden Hype rund um den berühmtesten Torso der Musikgeschichte. Das Requiem ist längst keine rein liturgische Komposition mehr. Es dient als Filmmusik und Soundtrack von Computerspielen, es gab eine Aufführung als Pferdeballett bei den letzten Salzburger Mozartwochen, Jazz-Versionen oder solche von Metal-Bands.

Auch der Literatur ist Mozarts letztes Werk ein dankbarer Stoff. Beim Romancier Gerhard Roth geht es allerdings weder um Urheberschaft noch um Echtheit. Für seinen 1989 erschienenen Roman Der Plan spielte er mit dem dritten Akt des Requiem-Mysteriums. Ein Krimi, der sich fast 170 Jahre nach Mozarts Tod zugetragen hat: Bei der Weltausstellung in Brüssel 1958 wurde das Autograf gezeigt. Danach fehlte plötzlich ein briefmarkengroßes Eck, auf dem das dritte "quam olim da capo" notiert gewesen war. Roth lässt dieses gestohlene Fragment in der Jacke eines Mitarbeiters der Nationalbibliothek nach Japan reisen – wobei die kriminellen Verwicklungen nur der Rahmen sind für eine viel größere Reise in fremde Zeichenwelten. Der Antiquar, den Roths Protagonist in Japan aufsuchen will, ist jedenfalls bereit, eine Million Dollar zu zahlen für das, was der Schriftsteller "die blaue Mauritius jedes Autographenhändlers" nennt: "Die letzten Worte, die letzte sichtbare Spur, die der Unsterbliche auf der Erde hinterlassen hatte."

Ob und wie viel für das fehlende Fragment tatsächlich je gezahlt worden ist, bleibt unbekannt. Weder gibt es Spuren vom Täter noch plausible Theorien über das Verschwinden des winzigen Papiers. Über den realen Wert der beiden Partituren gibt es ebenso wenig Schätzungen, nur eine Versicherungssumme: Die soll vor 17 Jahren bereits mehr als sieben Millionen Euro betragen haben.

Das Original des Autografs ist bis zum 29. April im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien zu sehen.