Aus tausend Hügeln soll dieses Land in Ostafrika gemacht sein, das bekommt der Besucher überall erzählt. Schon bevor er auch nur einen Fuß nach Ruanda gesetzt hat, wird er von Plakaten, Reiseführern, Bekannten und dem Immigrationsministerium, das die Visa ausstellt, so begrüßt: "Willkommen im Land der tausend Hügel." Angekommen am Flughafen von Kigali, geht das so weiter, auf Postern, Flyern, Tafeln: welcome, welcome, welcome.

Was man nicht gewohnt ist: dass sie das ernst meinen, das Willkommen. Und dass sie es bei ihrer 1.000-Hügel-Werbung eher unter- als übertreiben. Allein die Hauptstadt Kigali ist auf einem knappen Dutzend von ihnen erbaut. Von einem leuchtet schon von Weitem eine fast durchsichtige Kuppel neonfarben in die afrikanische Nacht.

Dieser Dom gehört zum neuen Konferenzzentrum, das erst vor drei Jahren eingeweiht wurde. Seine Bauweise soll von ostafrikanischer Dorfarchitektur inspiriert sein, erinnert in seiner ätherischen Schönheit aber eher an eine pulsierende Tiefseequalle. An drei Tagen Ende März treffen sich hier kongolesische Mathematiker, ägyptische Onkologinnen, nigrische Netzwerkexpertinnen und äthiopische Kosmologen mit Ministern, Präsidenten, Journalisten, Stiftern und Funktionären vom Kontinent und aus dem Rest der Welt. Ein großes, ehrgeiziges, professionell inszeniertes Schaulaufen soll es werden. "Wir zeigen, dass Afrika wissenschaftliche Exzellenz von Weltformat zu bieten hat", ruft die Moderatorin bei der Begrüßungszeremonie ins Mikrofon, und mehr als 1.600 Gäste applaudieren auf dem größten Treffen afrikanischer Forscher, das es je gab.

Es ist die zweite Auflage des Next Einstein Forum (NEF), das vor zwei Jahren im Senegal Premiere hatte (ZEIT Nr. 13/16). Die Konferenz soll ein Laufsteg sein für afrikanische Spitzenforschung, von Tropenmedizin über Elektrotechnik bis hin zu Informatik und Mathematik.

Die wichtigste Botschaft dabei ist ziemlich simpel: Es gibt auch hier Forschung auf Weltklasse-Niveau. Und die, die sie machen, wollen gesehen werden. Wer hätte denn auch schon jemals von äthiopischen Kosmologen gehört?

Die drei Tage nutzen die Konferenzteilnehmer zu Austausch und Standortbestimmung. Man redet über Frauen in der Wissenschaft, Afrikas sparsame Kreislaufwirtschaft, künstliche Intelligenz im Gesundheitssektor, vernetzte Städte. Schon optisch ist die Konferenz bunter als Wissenschaftlertreffen in Europa oder den USA. Einige Teilnehmer kommen in traditioneller Kleidung, viele tragen Anzug, fast alle sind elegant angezogen. Cordhosen und Holzfällerhemden sind hier verpönt. Der Dresscode ist wichtig. Man nimmt das Treffen ernst.

Als Berichterstatter hört man sich also die Vorträge der Wissenschaftler an, staunt über ihre Forschung an Krebszellen oder versteht nichts von der Geometrie der String-Theorie, nickt weg bei den zehnminütigen Antwortmonologen mancher Politiker, schnorrt sich eine Zigarette bei einem der wenigen Raucher, redet mit anderen bei viel Filterkaffee über das, was gerade zu hören war. Und fragt sich irgendwann: Dieses Selbstbewusstsein, mit dem Afrika hier auftritt – ist das neu, oder hat die europäische Überheblichkeit einen nur daran gehindert, wahrzunehmen, wie vielschichtig und fortschrittlich hier gearbeitet wird?

Das beste Beispiel für den dringend notwendigen Perspektivwechsel ist der Gastgeber, Ruanda. Der Völkermord, bei dem 1994 bis zu eine Million Tutsi abgeschlachtet wurden, ist bis heute ein wichtiges Motiv in der Selbstwahrnehmung des Landes. Von Europa aus gesehen ist es aber praktisch das Einzige, was man über Ruanda weiß. Es passt gut zum Afrikabild der Kriege, Krankheiten und Katastrophen. Dass Kigali sicherer als Wien ist, sauberer als Berlin (und schöner ohnehin) und das Bruttosozialprodukt sich seit Mitte der Neunziger mehr als verzehnfacht hat, kommt in Europa kaum an.