Es ist noch nicht allzu lange her, da kamen Frauen weinend zu Verena Böhm, weil sie vor der Abtreibungsklinik als Mörderin beschimpft worden waren. Weil man ihnen Fotos von zerstückelten Föten ins Gesicht hielt. Weil Menschen, die sich Lebensschützer nennen, den Frauen Plastikembryos in die Hand drückten mit dem Satz: "Das ist dein Kind."

Verena Böhm ist Gynäkologin. Seit mehr als 20 Jahren macht sie Schwangerschaftsabbrüche.

Sie hat mittlerweile eine eigene Praxis, auf dem Gehsteig davor: der Alltag einer deutschen Stadt, keine Abtreibungsgegner. Damit das so bleibt, hat sie darum gebeten, ihren Namen in diesem Text zu ändern. Sie will die Frauen, die zu ihr kommen, vor solchen Begegnungen schützen. "Das zieht ihnen in diesem emotionalen Ausnahmezustand den Boden unter den Füßen weg", sagt sie.

Wer in diesen Tagen mit Ärztinnen wie Verena Böhm sprechen will, stößt auf Misstrauen, schon am Telefon: "Nein, die Frau Doktor möchte das auf keinen Fall." Überhaupt ist Telefonieren keine Option, weil die Angerufenen sich nie sicher sein können, wer das am anderen Ende der Leitung wirklich ist. Es ist fast, als recherchiere man im kriminellen Milieu, die Telefonnummern und Adressen findet man auf Websites der Lebensschützer, die viel Blut zeigen und auf denen Wörter zu lesen sind wie "Tötungslizenz", "Verbrechen", "Massenmord". Was diese Ärztinnen und Ärzte tun, ist erlaubt. Und doch erzählt einer von ihnen, dass er darüber nachgedacht hat, sich ein gepanzertes Auto zu kaufen, um seine Familie zu schützen. Einem befreundeten Kollegen aus den USA sei ins Gesicht geschossen worden, als er den Gemeindebrief seiner Kirche verteilte. Einen kanadischen Arzt traf eine Kugel beim Frühstück durchs Küchenfenster.

Paragraf 219a - So viele Frauen haben ihre Schwangerschaft abgebrochen Die Parteien streiten darüber, ob Ärzte öffentlich über Schwangerschaftsabbrüche informieren dürfen. Wir haben im Erklärvideo Fakten zum Thema Abtreibung in Deutschland zusammengestellt © Foto: Liza Arbeiter

Die Bewegung der Abtreibungsgegner ist international, und sie gewinnt an Macht, auch in Italien, Frankreich oder Spanien. In Ungarn haben die Lebensschützer es sogar geschafft, die Verfassung ändern zu lassen. In Deutschland wird vor allem über den Paragrafen 219a gestritten, der es Ärztinnen und Ärzten verbietet, öffentlich über Schwangerschaftsabbrüche zu informieren, etwa auf ihrer Website.

Eine Jacke hängt noch im Wartezimmer von Verena Böhms Praxis, die neun weißen Stühle sind leer. Es ist ganz still, das Telefon der Sprechstundenhilfe hat aufgehört zu klingeln. In einer Ecke steht ein Wasserspender, Broschüren liegen aus und Zeitschriften: Gala, Spiegel, auto motor und sport. Eigentlich ist die Praxis für heute schon geschlossen, aber wie so oft hat sich alles ein wenig verzögert, und so sitzt Böhm im Raum nebenan noch dieser einen Patientin gegenüber. Sie fragt die junge Frau, was sie diese Woche schon 18 Frauen gefragt hat: Sind Sie sicher, dass Sie diese Schwangerschaft abbrechen wollen? Sie klärt sie auf über Fristen, zu besorgende Dokumente und Risiken bei der Operation.

Verena Böhm sieht aus, wie man sich eine Ärztin vorstellt: ordentlich, keine äußeren Anzeichen für die Zugehörigkeit zu einer Subkultur, eine sportliche Frau um die 50 mit etwas müden Augen und Perlohrringen. Sie sitzt in ihrem Beratungszimmer in einem Sessel. Auf dem Tisch ein Blumenstrauß, auf der Kommode steht aufgeklappt ein Buch wie andernorts die Bibel: das Lehrbuch der Gynäkologie. Sie erzählt von der Zeit, als sie in der großen Abtreibungsklinik gearbeitet hat, und von den Lebensschützern: "Die formieren sich wieder stärker." Ans Ende jedes gedanklichen Absatzes setzt Böhm ein Lächeln, egal, wie dramatisch das ist, was sie sagt. Vielleicht lernt man das als Ärztin.

Wenn Frauen vor einem solchen Eingriff persönlich angegriffen werden, sagt sie, habe das ganz sicher Nachteile beim Verarbeiten. Und das Verarbeiten ist für Böhm das Wichtigste, über nichts spricht sie ausführlicher. Das Operieren, das Absaugen und Ausschaben, sei nur ein kleiner Teil ihrer Arbeit, Handwerk. Anspruchsvoller und anstrengender seien die Gespräche: den Frauen dabei helfen, eine Entscheidung zu treffen. Und dabei, dass das Herz sie annimmt, wenn der Kopf eine getroffen hat.