Wer Hilfe sucht, steht früh auf. Es ist halb acht morgens. Laut Kalender Frühlingsanfang. Im größten Sozialamt Deutschlands, mitten in Berlin, im Bezirk Mitte, Müllerstraße, ducken sich die Menschen auf der Treppe, als der Wind durch die Fensterritzen pfeift. Hier ein Schlaks mit Pudelmütze, wohnungslos, auf der Suche nach einem Betreuer. Dort eine Frau, den Schirm ihrer Basecap tief in den Nacken gezogen, arbeitslos, mit einem Termin in zwei Stunden, aber was soll sie daheim? Ein Mann mit offenem Mantel kommt durch die Flügeltüren des wuchtigen Backsteinbaus, eilt nach ganz oben, erreicht sein Büro, schließt auf und wendet sich gleich einem Stapel Post zu. Er greift sich einen kleinen weißen Briefumschlag mit der Aufschrift: "An den Boss Bezirksamt Mitte Berlin Sozialamt".

Michael Schlese ist der Boss hier. Im Brief beschwert sich jemand in Krakelschrift, dass die Rückzahlung von Mietnebenkosten vom Amt als Einkommen angerechnet worden ist. "Da werd ich mal eine Stellungnahme einholen", sagt Schlese und tippt eine Mail.

Ämter haben einen schlechten Ruf

Einen guten Ruf haben Ämter bei ihren Bürgern traditionell nicht: unnahbar, umständlich, unfreundlich, undurchsichtig, zu langsam, zu bürokratisch sowieso. Aber was passiert, wenn jemand von außen solch eine riesige Verwaltung übernimmt, wenn ein Quereinsteiger plötzlich oben steht? Einer wie Michael Schlese, der sich nicht als Beamter von Station zu Station diente, sondern eigentlich Wissenschaftler ist, der Kommunen beraten und Betriebe saniert hat.

Seit Anfang Januar ist Schlese, ein groß gewachsener Mittfünfziger mit glänzender Glatze, Amtsleiter und damit Chef einer Behörde mit 546 Mitarbeitern, er verwaltet einen jährlichen Etat von 486 Millionen Euro. Das Sozialamt Mitte ist ein Maschinenraum der Solidarität, zuständig für 373.000 Einwohner, jährlich ziehen 6.000 hinzu. Die Einwohnerdichte ist hier doppelt so hoch wie im Berliner Durchschnitt. 28 Prozent der Menschen in Mitte beziehen Leistungen der "sozialen Mindestsicherung".

Mit 114 verschiedenen Dienstleistungen wartet Schleses Amt auf. Von A wie Ambulante Pflegehilfe über B wie Bestattungskostenübernahme, E wie Ehrenamtskoordination oder G wie Grundsicherung, I wie Insolvenzberatung bis hin zu W wie Wohnungsverlust und Z wie Zuwendungen für Kältehilfe.

Dienstleistungen wie diese bilden den Kitt, der das Land zusammenhält, bewahren Einzelne vor Verzweiflung; im Bundeshaushalt verbuchen diese Leistungen den größten Posten, bekommen aber nicht gerade die größte öffentliche Aufmerksamkeit.

"Lieber regele ich alles schriftlich, dann ist es dokumentiert."
Michael Schlese, Amtsleiter

Das Telefon klingelt, Schlese hebt nicht ab. "Lieber regele ich alles schriftlich, dann ist es dokumentiert", sagt er. Er ist eine Ausnahme unter Deutschlands Amtsleitern: Er kam zunächst als Berater und reformierte Bereiche wie den Aufbau der Pflegebedarfsermittlung, das Fallcontrolling und die Bekämpfung von Leistungsmissbrauch. Als der alte Chef nach zwölf Jahren an der Spitze in Rente ging, übernahm Schlese die Leitung eines Amtes, das zwischen Kanzleramt und Ostplatte liegt, zwischen Hotel Adlon und Westberliner Waschbetonbauten.

Schlese ist Soziologe, sanierte nach der Promotion Betriebe, beriet Kommunen bei der Umstrukturierung ihrer Kernverwaltung, bei Privatisierungen, bei der Gebührenkalkulation und der Planung ihrer Personalentwicklung. Als Professor für Betriebswirtschaft lehrt er an der Berliner Hochschule Fresenius. Was reizt ihn daran, nun dieses Amt zu führen? "Dafür", sagt er gedehnt, "gehen Sie mal nach unten."