Oben bricht sich das Sonnenlicht glitzernd in den Wellen, unten herrscht auch am Tag schwarze Nacht. Oben pustet der Wind salzige Luft übers Land, unten hängt der Staub schwer in Luft und Lungen. Oben ist Platz zum Rennen, Schaukeln, Wachsen, unten ist alles Leben gebückt, gekrümmt, gedrückt. Oben wispern Meer und Wiesenkerbel, unten dröhnt der Presslufthammer.

Es ist eine Welt der Gegensätze, von der das Bilderbuch Stadt am Meer erzählt, und eine Welt aus einer anderen Zeit. Die kanadische Autorin Joanne Schwartz nimmt uns mit in die fünfziger Jahre, in ein Bergbaustädtchen auf Cape Breton. Malerisch liegen die Häuser in der Landschaft, schmiegt sich die Stadt ans Wasser. Selbst der Friedhof wirkt hell und idyllisch, mit seinen Grabsteinen, die leicht erhöht von einer Wiese aufs Meer hinunterblicken. Doch tief unten, unter dem Ozean, da zwängen sich die Männer durch Gesteinsschichten, graben nach dem schwarzen Gold und ruinieren schuftend ihren Körper.

Leise, fast beiläufig schleicht diese Geschichte heran. Ein Junge erzählt von seinem Leben, dem ganz durchschnittlichen, unaufgeregten Lauf der Tage: aufstehen, einkaufen, spielen, das Grab des Großvaters besuchen, den Abendbrottisch decken, mit den Eltern kuscheln. "Bei uns ist das immer so ...", erzählt uns dieses Kind.

Was genau sein Vater, der Bergmann, den ganzen Tag tief unten in den Stollen treibt, der Junge weiß es nicht. Und so lesen wir auf jeder Doppelseite, die der kanadische Illustrator Sydney Smith mit groben Strichen in Finsternis taucht, wiederkehrend den einen Satz: "Und tief drunten unter dem Meer gräbt mein Vater nach Kohle."

Bei diesem Bilderbuch war zuerst der Text da, erst später entstanden die Bilder – was man kaum glauben mag, so sehr harmoniert die poetische Schlichtheit der Sprache mit den teils skizzenhaften, mit grobem Pinsel aufs Papier geworfenen Illustrationen. Smith lässt seine Bilder über die Seiten zum Leser hinwachsen: Man spürt die beklemmende Enge unter der Erde, wenn sich auf den dunklen Doppelseiten am unteren Bildrand zwei Bergleute ins Buch hineingraben. Und wenn der Junge nach dem Aufwachen am Fenster steht und aufs Meer blickt, glaubt man selbst das Lüftchen zu spüren, das ihm entgegenweht und die Gardine sanft flattern lässt.

Mal lässt Smith einem Bild eine ganze Doppelseite Raum, erzeugt breite Panoramen von Meeresglitzern und inniger Umarmung. Dann wieder erhöht er gemeinsam mit dem Text das Tempo und vereint bis zu sechs kleine quadratische Illustrationen auf einer Seite. Und so wie das Meer gleichmäßig Wellen an den Strand spült, wechseln sich die hellen und die dunklen Bilder ab. Das Leben in dieser Stadt besteht aus dem Oben und dem Unten, beides ist gleichzeitig da, immer, auch wenn die Menschen einander nicht sehen können. Diese Gewissheit trägt alle durch ihre Tage – auch den Jungen.

Seine Geschichte steuert nicht auf einen dramatischen Wendepunkt zu, der Leser aber muss einen kurzen Schreckensmoment durchstehen, von dem das Kind nichts weiß. Im Bergwerk unter dem Meer stürzt ein Stollen ein, man sieht die Bergmänner Reißaus nehmen; dann nur noch Stein und Schwärze. Danach vier Bilder von oben: Die Tür des Hauses, von Bild zu Bild wandert die Sonne ein Stück weiter. Mit dem Jungen gemeinsam warten wir darauf, dass der Schatten des Vaters – bitte, bitte! – hinter der Scheibe auftaucht. Man atmet erleichtert auf, als dies geschieht, und versteht plötzlich, was es bedeutet haben muss, einen Bergmann in der Familie zu haben: dass dieses Kind, diese Familie jeden Abend einen Seufzer der Erleichterung ausstieß. Dass das Graben in der Tiefe nicht weniger bedrohlich und beängstigend war, nur weil es täglich geschah – und weil man wusste, dass auch die nächste Generation es tun würde.

Noch lebt der Junge mit dem Meer, doch nicht mehr lange, dann wird auch er das luftige Oben gegen das enge Unten eintauschen. Der Opa war Bergmann, der Vater ist Bergmann, der Sohn wird einmal Bergmann sein: "So ist das bei uns." Heute wissen wir – so war es.

ab 5 Jahren

Joanne Schwartz / Sydney Smith (Ill.): Stadt am Meer.
Deutsch von Bernadette Ott; Aladin Verlag 2018; 52 S., 18,– €