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Seit Tagen lese ich Stefan Zweigs Tagebücher. Tagebücher sind glaubwürdiger als Autobiografien. Es sind ja keine Erinnerungen, die lange nach dem Erleben dem Zeitgeist entsprechend ausgewählt werden, sondern unmittelbar gemachte Notizen. Im Ersten Weltkrieg schrieb Zweig: "... jetzt nur schlafen können, sechs Monate, nichts mehr wissen, diesen Untergang nur nicht erleben ..."

Doch er muss ihn erleben. Dann folgt der Zweite Weltkrieg: Kein Verlag, keine Zeitung druckt ihn mehr. Die Emigration führt ihn von einem Land ins nächste. 1940 notiert er: Alles werde schlimmer ... Ohne zu wissen, wohin er gehen solle, habe er nicht einmal die Kraft, seine Sachen zu packen. Kein Steuer, kein Ruder habe er, kaum glaube er, sich dem Ufer zu nähern, treibe er auf die offene See hinaus ... "Man täte gut daran, eine Flasche mit Morphium jederzeit bereit zu haben."

Gegen Ende der Lektüre der Tagebücher reiste ich auf Einladung des Instituts Pierre Werner nach Luxemburg. Auf dem Weg zum Vortrag entdeckte ich jene Zeile auf dem Foto eines Ozeandampfers: "Ich gehöre nirgends mehr hin."

Eine Zweig-Ausstellung! Sie war geschlossen, doch man erfüllte meine Bitte und ließ mich hinein. Im Raum unterhalb der imposanten Festung fielen mir Kartons ins Auge. Vermutlich wird die Ausstellung gerade abgebaut, dachte ich, doch dann ging mir der Zusammenhang auf: Das waren die Koffer eines Autors im Exil. Jetzt dienten sie als Vitrinen der Ausstellung.

An der Garderobe der Ausstellung hingen Ledermäntel von Gestapo-Offizieren. Aus einem Impuls heraus, der den Lesern der Schachnovelle bekannt sein dürfte, griff ich in die Tasche eines Mantels. Steckte womöglich das Schachbuch darin?

Als ich vor zwei Jahren in Silivri eingesperrt wurde, dem größten Gefängnis der Türkei, ließ ich mir sogleich die Bibliotheksliste geben und bestellte die Novelle. Sie war ein Trost, sie holte mich aus der Zelle, versetzte mich auf den Dampfer nach Buenos Aires, lehrte mich Schach und gab mir Hoffnung. Die Novelle, die erzählt, wie ein Gefangener sich in der Folterhaft mithilfe eines aus der Manteltasche eines Gestapo-Mannes entwendeten Buches ans Leben klammert, band, 75 Jahre nachdem sie geschrieben wurde, nun einen anderen Gefangenen ans Leben. Das ist die Kraft der Literatur. Nur für den Autor selbst reicht sie mitunter nicht aus ...

Als ich die Ausstellung verließ, wurde mir klar, dass dieses Leben, das so gramvoll endete, auf die Welt verweist, die heute auf die offene See hinaustreibt – und auch auf meine in Kartons verstauten Habseligkeiten. Und als ich den Vortragssaal betrat, klang in mir der letzte Gedanke der Tagebücher nach: Soll ich meine Zeit bei Vorträgen vergeuden, während mir die Seele im Leibe erstarrt? Werde ich schon bald wieder aus meiner Arbeit, meinem Heim gerissen? Stürze ich ins Ungewisse, in einen Abgrund?

Zweig schrieb bekanntlich auch die Sternstunden der Menschheit. In solchen befinden wir uns derzeit offenbar nicht.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe