Zum Sturmgewehr AR-15, dem beliebtesten Gewehr der USA, kann nahezu jeder Amerikaner etwas sagen. Für die einen ist es ein guter Kumpel, ein zuverlässiger Freund, der sie beschützt, der Garant ihrer Freiheit und Sicherheit. Die anderen sehen im AR-15 das genaue Gegenteil: eine Bedrohung des friedlichen Zusammenlebens. Der Freiheit, ins Kino zu gehen, in die Kirche, auf ein Konzert, in die Schule, ohne damit rechnen zu müssen, dass jede Sekunde alles vorbei sein kann.

Bis vor Kurzem sah es so aus, als könne man nur zu dem einen Lager gehören oder zu dem anderen. Aber Amerika ist ein kompliziertes Land geworden.

Scott Pappalardo lernte zu schießen, als er elf Jahre alt war, sein Vater brachte es ihm bei. Er komme halt aus einer Waffen-Familie, sagt Pappalardo, und es klingt nicht, als wolle er sich für irgendetwas entschuldigen.

Sein AR-15 kaufte er bei einer Waffenshow, 200 Dollar, ein günstiger Preis, es war nicht mehr neu. Mehr als 30 Jahre ist das jetzt her, damals war er 19, und das AR-15 war für ihn etwas, das ein junger Mann besitzen sollte. Pappalardo sagt, er habe über die Jahre viel Freude an seinem AR-15 gehabt, es habe einfach Spaß gemacht, damit zu schießen, das Adrenalin zu spüren, wenn er abdrückte.

Aber etwas muss seitdem passiert sein. Sonst wäre Pappalardo, ein kleiner Mann mit Stoppelbart, Jeans, Sweatshirt, Turnschuhen, an diesem Tag nicht um drei Uhr morgens aufgestanden. Daheim in Middletown, etwa eineinhalb Stunden nördlich von New York, hat er sich ans Steuer seines Pick-up-Trucks gesetzt und sich auf den 450 Kilometer langen Weg nach Washington gemacht. Es ist Pappalardos erster Besuch in der Hauptstadt. Washington, die Stadt der großen Politik, die Stadt der Machtkämpfe und der glatten Lobbyisten, hatte bisher keinen Reiz für ihn. Las Vegas, das ist eine Stadt, in die es Pappalardo zieht. Einmal im Jahr fliegt er mit seiner Frau hin. Dann besuchen sie eine Musikshow, die nicht zu teuer ist, und wenn seine Frau ihn lässt, geht er zocken, Craps, Blackjack. In Las Vegas kann man auch gut schießen gehen, auf den shooting ranges von Nevada kann man ballern, womit man will. Kaum ein Bundesstaat in den USA lässt Leuten, die Waffen mögen, so viele Freiheiten.

In Washington werden die Menschen an diesem 24. März 2018, an dem Scott Pappalardo sich frühmorgens ins Auto gesetzt hat, auf die Straße gehen, um härtere Waffengesetze für das ganze Land zu fordern. Hunderttausende werden zum March for Our Lives – "Marsch für unsere Leben" – erwartet, und es ist wenig wahrscheinlich, dass darunter viele Menschen sind, die wie Pappalardo 2016 Donald Trump ihre Stimme gaben und daheim einen Safe voller Gewehre haben. Auf seinen linken Unterarm hat Scott Pappalardo sich ein Sturmgewehr tätowieren lassen, darüber steht: The right to keep and bear arms – "Das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen". Der zweite Verfassungszusatz, das Second Amendment, das vielen Amerikanern heilig ist.

Jetzt aber ist Pappalardo auf dem Weg in die Hauptstadt und will auf die Straße gehen. Es muss wirklich etwas passiert sein.

Der March for Our Lives wird organisiert von jungen Menschen, die in etwa so alt sind, wie Scott Pappalardo es damals war, als er sich sein erstes Sturmgewehr gönnte. Es sind die Schüler der Marjory Stoneman Douglas High School in Parkland, Florida, wo am 14. Februar 2018 Nikolas Cruz 17 Menschen erschoss, 14 Schüler und drei Erwachsene. Wieder ein Amoklauf in den USA. Es waren viele in letzter Zeit.

San Bernardino, Kalifornien, 2. Dezember 2015. 14 Tote. 21 Verletzte.

Las Vegas, Nevada, 1. Oktober 2017. 58 Tote. 851 Verletzte.

Sutherland Springs, Texas, 5. November 2017. 26 Tote. 20 Verletzte.

Parkland, Florida, 14. Februar 2018. 17 Tote. 15 Verletzte.

In keinem anderen Land der Welt gibt es mehr Schusswaffen als in den USA, es sind geschätzte 265 Millionen.

In keinem anderen Land der Welt gibt es auch so viele Waffentote wie in den USA, 2017 waren es mindestens 15 549.

Und in keinem Land gibt es so viele Amokläufe wie in den USA. Allein im vergangenen Jahr waren es 346 Schießereien mit vier oder mehr Toten. Fast jeden Tag ein Vorfall, zuletzt, kurz vor Redaktionsschluss dieser Ausgabe, beim YouTube-Hauptquartier bei San Francisco.

Wann immer ein Amokläufer seine Waffe nimmt und um sich schießt, beginnt in den USA eine Debatte, die inzwischen einer gut einstudierten Choreografie gleicht: Waffengegner fordern strengere Gesetze, Waffenbefürworter wiederum sehen ihr Recht auf Waffenbesitz gefährdet. Und in Washington streiten die Politiker – Demokraten für härtere Gesetze, Republikaner dagegen, unterstützt von der National Rifle Association (NRA), Amerikas mächtiger Waffenlobby. Die Medien berichten in den ersten Tagen rund um die Uhr. Dann wird es recht schnell wieder still. Bis zum nächsten Amoklauf.