Zum Sturmgewehr AR-15, dem beliebtesten Gewehr der USA, kann nahezu jeder Amerikaner etwas sagen. Für die einen ist es ein guter Kumpel, ein zuverlässiger Freund, der sie beschützt, der Garant ihrer Freiheit und Sicherheit. Die anderen sehen im AR-15 das genaue Gegenteil: eine Bedrohung des friedlichen Zusammenlebens. Der Freiheit, ins Kino zu gehen, in die Kirche, auf ein Konzert, in die Schule, ohne damit rechnen zu müssen, dass jede Sekunde alles vorbei sein kann.

Bis vor Kurzem sah es so aus, als könne man nur zu dem einen Lager gehören oder zu dem anderen. Aber Amerika ist ein kompliziertes Land geworden.

Scott Pappalardo lernte zu schießen, als er elf Jahre alt war, sein Vater brachte es ihm bei. Er komme halt aus einer Waffen-Familie, sagt Pappalardo, und es klingt nicht, als wolle er sich für irgendetwas entschuldigen.

Sein AR-15 kaufte er bei einer Waffenshow, 200 Dollar, ein günstiger Preis, es war nicht mehr neu. Mehr als 30 Jahre ist das jetzt her, damals war er 19, und das AR-15 war für ihn etwas, das ein junger Mann besitzen sollte. Pappalardo sagt, er habe über die Jahre viel Freude an seinem AR-15 gehabt, es habe einfach Spaß gemacht, damit zu schießen, das Adrenalin zu spüren, wenn er abdrückte.

Aber etwas muss seitdem passiert sein. Sonst wäre Pappalardo, ein kleiner Mann mit Stoppelbart, Jeans, Sweatshirt, Turnschuhen, an diesem Tag nicht um drei Uhr morgens aufgestanden. Daheim in Middletown, etwa eineinhalb Stunden nördlich von New York, hat er sich ans Steuer seines Pick-up-Trucks gesetzt und sich auf den 450 Kilometer langen Weg nach Washington gemacht. Es ist Pappalardos erster Besuch in der Hauptstadt. Washington, die Stadt der großen Politik, die Stadt der Machtkämpfe und der glatten Lobbyisten, hatte bisher keinen Reiz für ihn. Las Vegas, das ist eine Stadt, in die es Pappalardo zieht. Einmal im Jahr fliegt er mit seiner Frau hin. Dann besuchen sie eine Musikshow, die nicht zu teuer ist, und wenn seine Frau ihn lässt, geht er zocken, Craps, Blackjack. In Las Vegas kann man auch gut schießen gehen, auf den shooting ranges von Nevada kann man ballern, womit man will. Kaum ein Bundesstaat in den USA lässt Leuten, die Waffen mögen, so viele Freiheiten.

In Washington werden die Menschen an diesem 24. März 2018, an dem Scott Pappalardo sich frühmorgens ins Auto gesetzt hat, auf die Straße gehen, um härtere Waffengesetze für das ganze Land zu fordern. Hunderttausende werden zum March for Our Lives – "Marsch für unsere Leben" – erwartet, und es ist wenig wahrscheinlich, dass darunter viele Menschen sind, die wie Pappalardo 2016 Donald Trump ihre Stimme gaben und daheim einen Safe voller Gewehre haben. Auf seinen linken Unterarm hat Scott Pappalardo sich ein Sturmgewehr tätowieren lassen, darüber steht: The right to keep and bear arms – "Das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen". Der zweite Verfassungszusatz, das Second Amendment, das vielen Amerikanern heilig ist.

Jetzt aber ist Pappalardo auf dem Weg in die Hauptstadt und will auf die Straße gehen. Es muss wirklich etwas passiert sein.

Der March for Our Lives wird organisiert von jungen Menschen, die in etwa so alt sind, wie Scott Pappalardo es damals war, als er sich sein erstes Sturmgewehr gönnte. Es sind die Schüler der Marjory Stoneman Douglas High School in Parkland, Florida, wo am 14. Februar 2018 Nikolas Cruz 17 Menschen erschoss, 14 Schüler und drei Erwachsene. Wieder ein Amoklauf in den USA. Es waren viele in letzter Zeit.

San Bernardino, Kalifornien, 2. Dezember 2015. 14 Tote. 21 Verletzte.

Las Vegas, Nevada, 1. Oktober 2017. 58 Tote. 851 Verletzte.

Sutherland Springs, Texas, 5. November 2017. 26 Tote. 20 Verletzte.

Parkland, Florida, 14. Februar 2018. 17 Tote. 15 Verletzte.

In keinem anderen Land der Welt gibt es mehr Schusswaffen als in den USA, es sind geschätzte 265 Millionen.

In keinem anderen Land der Welt gibt es auch so viele Waffentote wie in den USA, 2017 waren es mindestens 15 549.

Und in keinem Land gibt es so viele Amokläufe wie in den USA. Allein im vergangenen Jahr waren es 346 Schießereien mit vier oder mehr Toten. Fast jeden Tag ein Vorfall, zuletzt, kurz vor Redaktionsschluss dieser Ausgabe, beim YouTube-Hauptquartier bei San Francisco.

Wann immer ein Amokläufer seine Waffe nimmt und um sich schießt, beginnt in den USA eine Debatte, die inzwischen einer gut einstudierten Choreografie gleicht: Waffengegner fordern strengere Gesetze, Waffenbefürworter wiederum sehen ihr Recht auf Waffenbesitz gefährdet. Und in Washington streiten die Politiker – Demokraten für härtere Gesetze, Republikaner dagegen, unterstützt von der National Rifle Association (NRA), Amerikas mächtiger Waffenlobby. Die Medien berichten in den ersten Tagen rund um die Uhr. Dann wird es recht schnell wieder still. Bis zum nächsten Amoklauf.

Die Opferzahlen steigen

Diesmal ist etwas anders. Die überlebenden Schüler von Parkland haben das Muster durchbrochen, sie haben die Aufmerksamkeit halten können, mit ihrer Wut gegen die Politiker, die sie herausschreien, mit den sozialen Medien, die sie für ihre Botschaft benutzen, #NeverAgain, nie wieder, das ist ihr Schlagwort. Am 24. März, dem Tag der großen Demo, berichten die Medien weiter, und auch heute noch, mehr als sieben Wochen nach dem Amoklauf, beschäftigt das Thema Amerika. 70 Prozent der Amerikaner befürworten strengere Waffengesetze, so viele wie seit über 20 Jahren nicht mehr. Nie schien ein Wandel so nahe zu sein. Aber ist er es auch?

Orte und Motive der Amokläufe mögen variieren. San Bernardino war ein islamistischer Terrorakt, in Sutherland Springs wurden Besucher eines Gottesdienstes niedergeschossen. Stephen Paddock war 64, als er in Las Vegas von einem Hotelzimmer aus auf die Besucher eines Musikfestivals zielte, Nikolas Cruz 19, als er in Parkland in der High School um sich schoss.

Was nicht variiert, ist die Waffe, derer sich die Täter bedienten. San Bernardino, Sutherland Springs, Las Vegas, Parkland: An jedem dieser Tatorte fand die Polizei hinterher ein ganz bestimmtes Gewehr. Das AR-15. Es ist die mit Abstand meistgenutzte Waffe bei Amokläufen in den USA.

Das AR-15 ist ein sogenanntes halbautomatisches Gewehr. Der Schütze kann damit so lange schießen, bis sein Magazin leer ist. Fasst das Magazin zehn Patronen, hat er zehn Schuss, ehe er das Magazin wechseln muss. Fasst das Magazin 100 Patronen, hat er 100 Schuss. Das Gewehr kann 45 bis 60 Schuss pro Minute abgeben. Die Geschwindigkeit, mit der die Geschosse, 0,57 Zentimeter im Durchmesser, abgefeuert werden, ist dreimal so hoch wie bei einer Pistole. Ein getroffenes Körperorgan, schrieb eine Ärztin, sehe aus "wie eine Melone, die mit dem Vorschlaghammer zerschmettert wurde".

Amokläufe hat es im Waffenland USA schon lange gegeben. Aber die Abstände werden kürzer, die Opferzahlen steigen, und das ist kein Wunder: Es liegt an der Karriere des AR-15. Ist ein Amokläufer auf maximalen Schaden aus – mit einem Gewehr wie diesem fällt es ihm sehr leicht, ihn anzurichten, in einer Schule, bei einem Konzert, überall dort, wo er auf viele Zivilisten trifft. Er muss einfach nur durch die Gegend ballern, er hat ja genug Patronen, fast eine pro Sekunde.

Das kommt nicht von ungefähr. Entwickelt wurde das AR-15 nämlich ursprünglich für den Kampfeinsatz.

Es war vor mehr als einem halben Jahrhundert, Anfang der sechziger Jahre, als der Waffenhersteller Colt begann, ein neues Gewehr für die U. S. Army zu produzieren. Colt hatte die Rechte von der Firma ArmaLite gekauft, die eine erste Version des Gewehrs entwickelt hatte. Das Modell von Colt, es heißt M16, wurde nicht nur im Vietnamkrieg eingesetzt, es wurde die Standardwaffe amerikanischer Soldaten. Neben der russischen Kalaschnikow ist das M16 bis heute das bekannteste und meistgenutzte Gewehr der Welt.

Das M16 war ein großer Erfolg für Colt. Aber der Hersteller gab sich damit nicht zufrieden. Er machte das, was alle Firmen tun: Er schaute sich nach einem weiteren Absatzmarkt um. Und fand ihn.

Colt brachte kurz darauf auch die Ursprungsversion des Gewehrs auf den Markt – für Menschen wie Scott Pappalardo, für das normale Volk, das gerne sein Recht ausübt, Waffen zu tragen: das AR-15. Eine Kriegswaffe für Zivilisten, die genauso aussieht wie das Gewehr, das die Soldaten der U. S. Army im Einsatz tragen.

Der Unterschied zum M16: Das AR-15 für Zivilisten ist nicht vollautomatisch. Mit einem vollautomatischen Sturmgewehr kann man, einmal den Finger am Abzug, schießen und schießen und wieder schießen, ohne erneut den Abzug drücken zu müssen. So sind 700 bis 950 Schuss die Minute zu schaffen, bis zu zwanzigmal mehr als in der halbautomatischen Version.

Bevor ein Soldat ein M16 benutzen darf, muss er ein langes Training absolvieren. Bis zu 100 Stunden allein im Einstiegskurs. Die Gebrauchsanweisung der U. S. Army für das M16 ist 400 Seiten lang.

Waffenlobby NRA nennt es liebevoll "Amerikas Gewehr"

Wenn ein Zivilist ein AR-15 benutzen möchte, geht er einfach in einen Laden und kauft sich eines.

Juristisch zählt das AR-15 in den meisten US-Bundesstaaten als Langwaffe – genauso wie eine relativ harmlose Flinte für die Jagd. Und wer eine Langwaffe besitzen möchte, der muss deutlich weniger Hürden überwinden als etwa bei einer Pistole. Für deren Kauf ist eine Schusswaffen-Genehmigung vorzuweisen, außerdem muss der Kunde mindestens 21 Jahre alt sein. Aber jeder Bürger kann, sobald er 18 wird, ohne weitere Beschränkung eine Langwaffe kaufen. Oder zwei. Oder drei.

Die Manager des Waffenproduzenten Colt hatten damals einen guten Riecher. Heute ist das AR-15, der Halbbruder der Kriegswaffe M16, das Lieblingsgewehr der Amerikaner, die Waffenlobby NRA nennt es liebevoll "Amerikas Gewehr". Es ist geradezu eine Ikone. So wie der VW Golf für deutsche Ingenieurskunst steht, so repräsentiert das AR-15 den Freiheitsdrang der Amerikaner. Um das zu begreifen, muss man den Stolz dieses Landes auf sein Militär bedenken. Soldaten werden in den USA – anders als in Deutschland – als Helden verehrt. Wo immer in Kriegsfilmen Männer für ihr Land kämpfen, zum Beispiel in Platoon, Black Hawk Down oder American Soldiers: Ein Tag im Irak, tragen sie M16-Gewehre. Und kaum ein Actionfilm, in dem nicht Spezialeinheiten der Polizei mit den Sturmgewehren herumballern.

Ende der siebziger Jahre geschah etwas, das schlecht war für die Waffenfirma Colt, aber gut für den amerikanischen Waffenfan: Das Patent für das AR-15 lief aus. Inzwischen produzieren fast alle großen Hersteller Varianten des Gewehrs, weshalb der Name AR-15 heute für einen Gewehrtyp steht, nicht für eine einzelne Marke – ähnlich wie man bei Aspirin an Kopfschmerztabletten denkt und bei Tempo an Papiertaschentücher.

Wie viele AR-15-Gewehre mittlerweile in den USA im Umlauf sind, weiß niemand genau, weil Käufer ihre Waffen nur in wenigen Bundesstaaten registrieren lassen müssen. Es gibt Schätzungen, nach denen es etwa 3,5 Millionen Exemplare sind, andere Schätzungen gehen von 5 Millionen aus, wieder andere von mehr als 8 Millionen. Klar ist nur: Es wurden immer mehr.

Middletown im Bundesstaat New York, wo Scott Pappalardo lebt, ist eine ländliche Gegend, Rehe und Füchse kommen dort bis an sein Haus. Männlich, weiß, konservativ, aus der Provinz: Pappalardo ist der Prototyp des amerikanischen Waffenbesitzers. Doch er arbeitet in der Großstadt, in New York City. Dort verkauft er Baumaterialien, seit mehr als 30 Jahren in derselben Firma. Jeden Morgen fährt er mit seinem Pick-up eineinhalb Stunden hin, jeden Abend eineinhalb Stunden zurück. Diese Fahrten, sie verbinden nicht nur Arbeit und Zuhause, sondern zwei Welten: die der Waffenliebhaber auf dem Land und die der Waffengegner in der Stadt. Dort, wo Scott Pappalardo wohnt, haben alle Waffen. Dort, wo er arbeitet, muss er sein Recht auf den Besitz eines AR-15 immer wieder verteidigen.

Stadt gegen Land, Liberale gegen Konservative und zwischen ihnen ein Graben, der immer tiefer zu werden scheint. Für die einen ist das AR-15 eine Kriegswaffe, die niemals in die Hände von Zivilisten hätte gelangen dürfen. Scott Pappalardo gehörte all die Jahre zu den anderen.

Es war das AR-15 mit der Seriennummer L534858, das Pappalardo zum Zweifeln brachte. Im Februar 2010 verließ es die Fabrik des Waffenherstellers Bushmaster in Windham, Maine. In einem Laden namens Riverview Gunsales in Connecticut wurde das Gewehr am 29. März 2010 von einer Kundin gekauft. Sie hieß Nancy Lanza.

Lanza hatte sich kurz zuvor von ihrem Mann scheiden lassen, das Paar hatte zwei Söhne, der ältere war schon ausgezogen, mit dem jüngeren namens Adam lebte Lanza zusammen in Newtown, Connecticut. Nancy Lanza besaß mehrere Pistolen und Gewehre, das Schießen war eine Leidenschaft, die sie mit Adam teilte. Das AR-15 von Bushmaster kaufte sie drei Wochen vor seinem 18. Geburtstag. Es war wohl ein Geschenk für ihn.

Zweieinhalb Jahre später, am Morgen des 14. Dezember 2012, erschießt der inzwischen 20 Jahre alte Adam Lanza mit dem AR-15 seine Mutter. Danach fährt er zur Sandy-Hook-Grundschule in Newtown. Er hat zehn 30-Patronen-Magazine dabei, einige von ihnen hat er zusammengeklebt, damit er sie schneller wechseln kann. Lanza braucht nur vier Minuten und 24 Sekunden. In dieser Zeit feuert er sein Gewehr 154-mal ab, in dieser Zeit tötet er 26 Menschen – 20 Kinder und sechs Lehrer. Dann richtet er sich selbst. Die Ermittler finden ihn und das Gewehr mit der Seriennummer L534858 in Klassenzimmer 10.

Als Barack Obama an jenem Tag vor die Kameras tritt, kommen ihm die Tränen.

Ein Land lässt sich schwer entwaffnen

In Middletown weint auch Scott Pappalardo um die toten Kinder von Newtown. Er selber hat keine Kinder, aber vor einigen Jahren ist seine Nichte Zilla schwer erkrankt. Als sie starb, hat es Scott Pappalardo das Herz gebrochen. Und jetzt sitzt er vor dem Fernseher und kann sich kaum vorstellen, was die Eltern von Newtown gerade durchmachen müssen. Und noch etwas treibt ihn um. Die 154 Schüsse sind mit einem Gewehr abgegeben worden, wie auch er es benutzt. Die gleichen Geschosse, mit denen er gerne auf Dosen ballert, haben kleine Kinderkörper durchbohrt. Erstklässler, sechs und sieben Jahre alt.

Scott Pappalardo, der Mann, der sich ein Sturmgewehr auf seinen Unterarm tätowieren ließ, kommt mit Mitte 40 zum ersten Mal ins Grübeln über sein AR-15. "Wenn das nur ein Kind retten würde", sagt er zu seiner Frau, "dann würde ich es abgeben." Andererseits: Er bewahrt seine Gewehre in einem Safe auf, zu dem nicht mal seine Frau den Code hat, mit seinem AR-15 kann also niemand Schaden anrichten. Er behält es.

Der Aufschrei nach dem Amoklauf von Sandy Hook ist gewaltig, zumal erst kurz zuvor in Aurora, Colorado, ein Amokläufer in ein Kino eingedrungen war und zwölf Menschen umgebracht hatte. In Amerika wird Ende 2012, genau wie jetzt in den Wochen nach Parkland, über härtere Waffengesetze diskutiert, vor allem: über ein Verbot von Sturmgewehren.

Es wäre nicht das erste.

Zwei Jahrzehnte zuvor, im Herbst 1992, hatte Amerika nach acht Jahren Ronald Reagan und vier Jahren George Bush senior wieder einen demokratischen Präsidenten gewählt: Bill Clinton. 1994 verabschiedete der Kongress auf Clintons Initiative ein Gesetz: 18 Waffentypen, darunter das AR-15, durften nicht mehr hergestellt und verkauft werden. Was aber nicht bedeutete, dass irgendjemand sein altes Gewehr abgeben musste. Es kamen nur keine weiteren neuen Waffen hinzu. Auch Scott Pappalardo behielt sein AR-15.

Ein Land, einmal unter Waffen, lässt sich schwer wieder entwaffnen. Aber es ist möglich. In Kolumbien etwa wurde nach dem Ende des Bürgerkriegs ein Rückgabe-Programm organisiert. Und Australien machte in den neunziger Jahren vor, wie so etwas in einem vom Krieg unberührten Land gelingen könnte. Nach einem Amoklauf mit 35 Toten – Tatwaffe: ein AR-15 – zahlte dort der Staat Prämien an Waffenbesitzer, die ihre Gewehre und Pistolen freiwillig abgaben. Viele machten mit. Bis heute blieb Australien von einem größeren Amoklauf verschont. Die Frage ist nur, ob sich diese Idee auf die USA übertragen lässt. Die Australier waren nie so waffenverrückt wie die Amerikaner. Ihr Land hat keine Gründungsgeschichte, die mit einem Unabhängigkeitskrieg begann, und es hat keine Lobbyorganisation wie die NRA.

In den USA zahlten damals manche Politiker einen hohen Preis für ihren relativ moderaten Einsatz gegen Waffen. Bei den Kongresswahlen einige Wochen nach Verabschiedung des Gesetzes, im November 1994, verloren die Demokraten ihre Mehrheit. Natürlich ließ sich die Niederlage nicht ausschließlich auf das Verbot von Sturmgewehren zurückführen. Trotzdem wirkt dieses Trauma in der Demokratischen Partei bis heute nach. Viele ihrer Amtsträger sind heute vorsichtig beim Thema Waffen.

Als George W. Bush im Jahr 2000 für die Präsidentschaft kandidierte, verkündete ein NRA-Offizieller bei einem Treffen vor Mitgliedern: Im Falle seines Siegs könne man quasi aus dem Weißen Haus heraus arbeiten. Bush ließ das auf zehn Jahre begrenzte Gesetz auslaufen.

Das AR-15 war immer schon beliebt gewesen. Nun aber hatte es den Reiz eines Produkts, das verboten gewesen war, so wie Whiskey zu Zeiten der Prohibition. Noch dazu waren die USA nach dem 11. September 2001 eine traumatisierte Nation, die sich bedroht fühlte wie nie. Die Verkaufszahlen lagen schnell höher als je zuvor. Erst jetzt wurde das AR-15 zum beliebtesten Gewehr Amerikas.

Nach dem Amoklauf von Sandy Hook scheiterte der Antrag auf ein erneutes Verbot von Sturmgewehren im Kongress. Bis auf eine Ausnahme stimmten alle Republikaner dagegen, außerdem 15 Demokraten. Wenn tote Erstklässler nicht reichen, um in Washington etwas zu bewegen, dann war’s das, dachten damals viele. Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit aber begann damals noch ein anderer Kampf gegen Sturmgewehre, ein Kampf vor Gerichten. Neun Opfer-Familien und eine Überlebende des Amoklaufs zogen gegen den Hersteller von Waffe L534858, der Amokwaffe von Adam Lanza, vor Gericht. Die Begründung: Remington, der älteste Waffenproduzent Amerikas, zu dem Bushmaster gehört, habe fahrlässig gehandelt. In den nächsten Wochen wird das Oberste Gericht des Staates Connecticut eine Entscheidung verkünden, deren Folgen für Amerikas Waffenhersteller weitreichend sein könnten.

Eine Woche war nach dem Amoklauf von Sandy Hook vergangen, als Joshua Koskoff, Anwalt in dem Städtchen Bridgeport, ins Taxi stieg, eine Geschäftsreise stand bevor. Bridgeport liegt eine knappe halbe Stunde entfernt von Newtown, und Koskoff kam mit dem Fahrer ins Gespräch. Als der bemerkte, dass er einen Anwalt zum Flughafen fuhr, sagte er: "Ich habe einen Freund, der vielleicht mal mit Ihnen reden möchte. Er hat gerade bei dem Amoklauf ein Kind verloren."

Immunität für Waffenhersteller

Koskoff, 51 Jahre alt, erzählt davon im Konferenzraum der Kanzlei, die einst sein Großvater gegründet hatte. Büroturm, edles Design, viel Holz, viel Glas. Koskoff, schmal und elegant, dunkelblauer Anzug, hat Geld gemacht mit Millionen-Dollar-Klagen gegen Krankenhäuser, denen er Behandlungsfehler nachwies. Als er in Kontakt mit der Familie des Sandy-Hook-Opfers kam, ging es zuerst um Nachlassfragen, finanzielle Dinge. Der Waffenwahn Amerikas sei ihm immer suspekt gewesen, sagt Koskoff, er selber wuchs in einem Haus ohne Waffen auf. Wenn Scott Pappalardo der Prototyp des amerikanischen Waffenbesitzers ist, so ist Joshua Koskoff der liberale Gegenpart.

Koskoff recherchierte Fakten für seinen Fall – und stand irgendwann vor der Frage: Wie kann es sein, dass Zivilisten einfach so Zugang zu einem Gewehr haben, das für den Krieg entwickelt worden ist? Kann das legal sein?

Koskoff las, wie der Hersteller des Amokgewehrs von Sandy Hook sein AR-15 bewarb: als "militärisch bewährt". In einem Katalog stand über einem AR-15: "Gegner, unterwerft euch! Ihr werdet im Alleingang ausgeschaltet." Und ein Werbeplakat zeigte das AR-15, darüber stand der Spruch: Consider your man card reissued, übersetzt etwa: "Ihre Männlichkeit ist wiederhergestellt." Kurz: Bushmaster vermarktete das AR-15 als Macho-Gewehr, mit dem echte Soldaten gerne schießen. Wen wunderte es da, dass instabile junge Männer wie Adam Lanza, der seine Zeit damit verbracht hatte, am Computer Call of Duty zu spielen – Waffe im Spiel: ein AR-15 –, so etwas begehrten?

Koskoff hat schon von seinem Großvater gelernt, dass es im Recht um das große Ganze geht, sagt er. Das große Ganze in diesem Fall: War Waffe L534858 vielleicht gar nicht einfach so in den Händen von Adam Lanza gelandet? Ja, fand Koskoff. "Die Hersteller tragen eine Mitschuld." Er selbst hält diese Erkenntnis für einen guten Grund zu klagen. Aber da gab es ein Problem.

Hersteller und Verkäufer von Waffen können in den USA nicht für ihre Produkte haftbar gemacht werden, selbst wenn damit Verbrechen begangen werden. Ein Gesetz, der Protection of Lawful Commerce in Arms Act, verbietet es. "Das wichtigste Waffengesetz der vergangenen 20 Jahre", jubelte die NRA, als George W. Bush es 2005 unterzeichnete.

Straffreiheit. Nahezu völlige Immunität vor dem Gesetz. Gibt es ein größeres Geschenk, das ein US-Präsident der Waffenlobby machen konnte? Bis heute müssen Waffenhersteller und -verkäufer nicht fürchten, verklagt zu werden. Joshua Koskoff fand allerdings heraus, dass es eine Bedingung gibt, unter der man sie doch drankriegen kann. Im amerikanischen Recht heißt diese Bedingung negligent entrustment, auf Deutsch etwa "fahrlässiges Anvertrauen". Ein Beispiel: Wenn jemand einem Betrunkenen die Autoschlüssel gibt, handelt er fahrlässig und kann dafür haftbar gemacht werden.

Handelt ein Waffenhersteller fahrlässig, wenn er das AR-15 bei jungen Männern aggressiv als Macho-Waffe vermarktet? Liegt hier die große Chance, etwas zu ändern, wenn der politische Weg versperrt erscheint?

Dezember 2014: Joshua Koskoff verklagt Remington.

Oktober 2016: Joshua Koskoff verliert. Die Richterin verweist auf die Immunität des Waffenherstellers. Koskoff geht in Berufung.

November 2017: Donald Trump ist seit fast einem Jahr im Amt, als das Oberste Gericht von Connecticut die streitenden Parteien anhört. Aus einer juristischen Fachdebatte ist ein Prozess geworden, der landesweit Aufmerksamkeit bekommt.

Aufgabe der Richter ist es nicht, in der Sache zu entscheiden. Sie haben nur zu beurteilen, ob der Fall erneut vor Gericht verhandelt werden muss. Am Ende wäre es dann an den Geschworenen, sich von Koskoff überzeugen zu lassen oder nicht. Sollten sie ihm folgen, könnten viele weitere Klagen auf Waffenhersteller zukommen.

"Jetzt ist es eins weniger"

In den USA dürfen Interessengruppen Stellung zu wichtigen Fragen eines Rechtsstreits nehmen. Notärzte, die Opfer von Amokläufen behandelt hatten, schrieben an das Oberste Gericht, es schrieben Schulbehörden und sämtliche Organisationen, die für strengere Waffengesetze kämpfen. Die Nervosität der Waffenlobby lässt sich daran erkennen, dass auch die NRA schrieb. "Wie alle Amerikaner haben NRA-Mitglieder ein Recht darauf, Waffen zu besitzen und zu tragen, was von den Anklägern mit ihrer juristischen Theorie beiseitegewischt würde."

Am 14. Februar 2018 ist Scott Pappalardo auf dem Weg zurück von der Arbeit, von der Großstadt heim aufs Land, von der Welt der Waffengegner in die Welt der Waffenfreunde, als er im Radio hört, dass es in Florida einen Amoklauf an einer Schule gegeben hat. Zu Hause klebt er den Rest des Tages am Fernseher. Später wird er erzählen, er habe in diesen Stunden nicht nur Trauer gefühlt. Er fühlt jetzt auch Schuld.

Wieder ein AR-15. Sein Gewehr. Nach Sandy Hook hat er mehrmals überlegt, das Gewehr zu verkaufen, auf einer Waffenshow oder online. Aber in wessen Händen würde es landen? Würde irgendwer eines Tages genau mit diesem Gewehr einen Amoklauf begehen, und würde er, Scott Pappalardo, damit leben können? Pappalardo kam zu dem Ergebnis: nein. Also verkaufte er es nicht. Und schoss weiter damit.

Am Samstag, dem 17. Februar, drei Tage nach dem Amoklauf in Parkland, holt Scott Pappalardo seine Kreissäge aus dem Schuppen und sein AR-15 aus dem Safe. Er setzt sich auf einen Stuhl, auf den er zuvor die Kamera seines Handys ausgerichtet hat, sein AR-15 nimmt er auf den Schoß. Dann startet er die Aufnahme. "Es gibt eine Menge Dinge, denen man die Schuld geben kann: den Videospielen, dem Internet, schlechter Erziehung, psychischer Krankheit. Aber letztendlich ist es so eine Waffe, die tötet. Also ...", er hebt das AR-15 kurz hoch, "wie werde ich das los?"

Scott Pappalardo steht auf, setzt seine Lärmschutzkopfhörer auf und legt den Lauf seines AR-15 unter das Sägeblatt. Die Säge kreischt, Funken sprühen. Dann ist das Gewehr, das er einst so liebte und das er jetzt nicht mehr ansehen kann, ohne an den Tod von Kindern zu denken, kaputt. "Jetzt ist es eins weniger."

Pappalardo stellt das Video auf Facebook ein. Er hat es nicht so mit Facebook, seine Frau hat ihm mal einen Account eingerichtet, 140 Freunde hat er. Sein letzter Beitrag ist vom 11. Dezember 2017, ein Bild seines weihnachtlich geschmückten Hauses. 13 Likes. Zu seinem Video vom Zersägen der Waffe schreibt er: My drop in a very large bucket – "Mein Tropfen in einem sehr großen Eimer". Dann geht er ins Bett.

Am Sonntagmorgen bekommt Pappalardo eine SMS von seiner Schwester. Sie schreibt ihm, sein Video sei schon 6.000-mal angeschaut worden. Es werde geteilt wie verrückt. Am Montag rufen die ersten Journalisten an. Pappalardo bekommt Panik. Damit habe er nicht gerechnet, sagt er heute, er habe doch nur etwas tun wollen. Er sagt den Journalisten ab.

Waffenfreunde schreiben wütende Kommentare, manche wollen ihn anzeigen: Es ist verboten, den Lauf einer Langwaffe abzuschneiden – so kann man daraus eine noch gefährlichere Waffe machen. Also legt Pappalardo das AR-15 noch einmal unter die Kreissäge und schneidet den Teil ab, an dem der Abzug sitzt. Dann fährt er zur Polizei und gibt die drei Bruchstücke ab.

Andere AR-15-Besitzer folgen seinem Beispiel, Hashtag #oneless. Eins weniger. Menschen bejubeln ihn, das Video geht um die Welt. Scott Pappalardo hat, ohne dass er es gewollt hätte, eine kleine Bewegung geschaffen, die Teil einer viel größeren Bewegung ist. Der Never-Again-Bewegung, die nach Parkland entstanden ist.

Scott Pappalardo ist nicht links, nicht liberal. Er kann kaum begreifen, dass einige Menschen ihn bejubeln. Aber er ist auch kein konservativer Ideologe. Er kann ebenso wenig begreifen, dass Menschen ihr Recht, eine Waffe zu tragen, so wichtig nehmen, dass sie ihn hassen. Er ist – und das macht es für beide Seiten schwer, ihn zu verstehen – kein Gegner von Waffen. Trotzdem sagt er: "Irgendwas muss passieren." Am 14. März, einen Monat nach dem Amoklauf, an dem Tag, an dem in den USA landesweit um zehn Uhr Schüler den Unterricht verlassen, um ein Zeichen zu setzen, kündigt Scott Pappalardo an, er werde am 24. März nach Washington zu fahren, um die Schüler von Parkland zu unterstützen.

"Ist euer ›Hobby‹ mehr wert als unser Leben?"

Zehn Tage später. Pappalardo hat sein Vorhaben wahr gemacht. Er ist in der Nähe von Washington angekommen, hat seinen Silverado außerhalb der Stadt geparkt, jetzt wuchtet er 50 Plakate aus dem Pick-up-Truck, auf ihnen ist ein in drei Stücke zerteiltes AR-15 zu sehen, dazu der Hashtag #oneless. Pappalardo zieht einen Kapuzenpullover an mit dem gleichen Motiv, auf dem Rücken steht in gelben Großbuchstaben: #NEVERAGAIN. Dann packt er eine Flasche Mountain Dew ein, eine Limo mit viel Koffein und noch mehr Zucker, sein Rezept gegen die Müdigkeit. Er wäre gern schon einen Tag vorher angereist und hätte sich ein Hotel genommen, aber Washington ist eine sehr teure Stadt, besonders an diesem Wochenende.

Irgendwann in den Wochen nach Parkland ist aus diesem freundlichen Durchschnittsamerikaner ein Aktivist geworden. Er war zu Hause in seiner Kleinstadt bei einem Treffen der Schulbehörde und hat sich erkundigt, welche Sicherheitsmaßnahmen für den Fall eines Amoklaufs vorgesehen sind. Und er war in New York bei einer Gedenkveranstaltung für den Stiefsohn eines Arbeitskollegen, vor einem Jahr ist der erschossen worden, mit 15. Der Stiefsohn und sein Freund waren irrtümlich für Mitglieder einer verfeindeten Gang gehalten worden.

Es braucht nicht viel, um als schwarzer Teenager in einer der schlechteren Ecken einer amerikanischen Großstadt zu sterben. Es braucht nicht einmal einen landesweit beachteten Amoklauf mit einem Sturmgewehr, eine Pistole in der Tasche eines Drogenverkäufers reicht schon. "Für die Jugendlichen dort gehört Waffengewalt zu ihrem Alltag", berichtet Pappalardo, als habe er bei der Gedenkveranstaltung eine Neuigkeit erfahren.

"Vielleicht habe ich früher nicht gut genug zugehört", sagt Pappalardo. Jetzt, wo er angefangen habe, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, denke er plötzlich über so vieles nach. Pappalardo macht sich in diesen Frühlingswochen bewusst, wie sehr sein Land im Waffenwahn gefangen ist. Man könnte den Verkauf neuer Sturmgewehre verbieten, man könnte sämtliche 3,5 oder 5 oder 8 Millionen Sturmgewehre verschrotten – übrig blieben die Pistolen, übrig bliebe der zweite Verfassungszusatz, übrig bliebe der Glaube von Millionen Menschen, dass Waffenbesitz in diesem Land zu den Grundrechten gehört wie die freie Meinungsäußerung und das Recht, seine Religion auszuüben, wie es einem gefällt.

Aber bedeutet das, dass man gar nicht erst anfangen soll?

Auf der Pennsylvania Avenue taucht Scott Pappalardo ein in den Strom von Menschen, Tausende, Zehntausende Menschen. "Jetzt bin ich glücklich", sagt er. Er fotografiert Schilder, auf denen steht: "Ist euer ›Hobby‹ mehr wert als unser Leben?" Er verteilt seine Plakate mit dem zersägten AR-15, er klatscht und pfeift, und als ein kleiner Junge ein Plakat hochhält, auf dem steht: Guns are poop, "Waffen sind kacke", sagt Pappalardo zu ihm: "Stimmt, Waffen sind kacke." In diesem Moment scheint Scott Pappalardo, sonnenverbrannt von der ersten Demonstration seines Lebens, aufgeputscht von der Energie der Jugendlichen um ihn herum, ein paar Dinge vergessen zu haben. Dass er zwar sein AR-15 kaputt gesägt hat, aber zu Hause immer noch den Safe voller Gewehre hat. Dass er zwar den Waffenwahn seiner Gesellschaft erfasst hat wie ein Alkoholiker, der sich bewusst macht: "Ich trinke zu viel" – aber darüber nicht zum Abstinenzler wird. Dass keine Demonstration, nicht einmal diese, den Riss zwischen Waffengegnern und Waffenfreunden kitten kann. Manchmal verläuft er mitten durch eine Person hindurch.

Nach der Demonstration muss Scott Pappalardo sich beeilen, er ist verabredet. Ein Interview mit einem Dokumentarfilmer, es findet in einem Luxushotel unweit vom Weißen Haus statt. Pappalardo wird auf ein graues Sofa mit drei drapierten Kissen gesetzt. Im Scheinwerferlicht sagt Pappalardo etwas, das man entweder als besonders schwach oder als besonders stark ansehen kann. Er schlägt einen Kompromiss vor. Pappalardo sagt, dass man nicht alle Waffen sofort von der Straße bekomme, wie es manche Menschen jetzt gerne hätten, ja, dass man vielleicht nicht einmal AR-15-Gewehre direkt verbieten müsse. Vielleicht könne man erst einmal die Schussfrequenz verringern, indem man austauschbare Magazine und Magazine, die mehr als zehn Patronen fassen, verbiete.

"Beide Seiten müssen sich jetzt aufeinander zubewegen", sagt Pappalardo. Die Frage ist, ob irgendwer das will.

Ein Laden in Trumbull, Connecticut, im Fenster verkündet ein grünes Neonschild in Großbuchstaben: Guns. Der Ladenbesitzer steht vor einer Wand, an der drei Dutzend Gewehre hängen. "Wie kann ich helfen?", fragt er.

Warum ist das Sturmgewehr so beliebt?

"Ich interessiere mich für Waffen." Man sei Reporterin und wolle wissen, was so besonders sei an diesem AR-15, dem Gewehr, das damals beim Amoklauf von Sandy Hook benutzt wurde – und jetzt wieder, in Parkland.

"Tragisch", sagt der Ladenbesitzer, Richard Sprandel ist sein Name. Er geht zur Wand mit den Gewehren, greift nach dem Modell ganz oben links und legt es sanft auf den Verkaufstisch.

Warum ist es so beliebt?

"Es verursacht kaum einen Rückstoß", antwortet Sprandel. Man habe Spaß damit, und es sei einfach zu handhaben. "Sogar Kinder können damit schießen."

"Aber es ist die Waffe, mit der Massenschießereien stattfinden."

"Es ist nicht die Waffe. Es ist der Amokläufer."

Richard Sprandel war mal Polizist, 18 Jahre lang. Dann knallte ihm ein betrunkener Idiot in den Streifenwagen, und zwei Rücken-OPs später war Sprandels Laufbahn beendet. "Werden Autos verboten, weil Besoffene am Steuer Unfälle bauen?", fragt er jetzt in die Stille seines Ladens hinein. Seine Kunden seien anständige Menschen. Schießen sei für sie nichts anderes, als Golf zu spielen – ein Sport. Sprandel verkauft auch Schilder mit der Aufschrift Ban idiots, not guns – "Verbietet Idioten, nicht Waffen".

Sprandel ist nicht in der Defensive. Die Diskussion um das AR-15 macht ihm keine großen Sorgen. Im Gegenteil. In diesen Wochen, sagt er, habe er gut zu tun. Er glaubt auch den Grund zu kennen: der Amoklauf von Parkland. Nichts nämlich heizt die Verkäufe von Waffen so sehr an wie die Angst der Amerikaner, jemand könnte sie ihnen wegnehmen.

Geschieht irgendwo eine Massenschießerei, kaufen die Menschen besonders viele AR-15-Gewehre, weil sie Angst haben, dass diese bald verboten werden könnten. Das ist eine perverse Wahrheit Amerikas. Aus dem gleichen Grund werden auch im Wahlkampf mehr Waffen gekauft. Richard Sprandel erinnert sich noch gut an den Tag, an dem sein Geschäft so voll war wie nie. Es war der 5. November 2016, der Samstag vor den letzten Präsidentschaftswahlen. Die Menschen befürchteten, dass es auf Hillary Clinton zulief – und dass sie versuchen könnte, ein Gesetz gegen Sturmgewehre auf den Weg zu bringen, so wie vor zwei Jahrzehnten ihr Ehemann.

Als hätte Sprandel ihn bestellt, kommt nun ein kleiner Mann in den Laden, er stellt sich als Jerrod vor, 47 Jahre alt. Jerrod will ein AR-15 kaufen.

Sprandel diskutiert fachmännisch mit dem Kunden über Farbe und Ausstattung. Man kann sich sein AR-15 individuell zusammenstellen, auch das ist Teil des gigantischen Erfolgs.

Jerrod hat mehr als ein Jahr lang gespart für das AR-15. Jetzt greift er in die Jackentasche, legt fünf Hundert-Dollar-Scheine und einen Zwanzig-Dollar-Schein auf den Tresen, eine Anzahlung. Das Gewehr kostet das Doppelte, knapp über 1.000 Dollar. Der Waffenhändler wird es nach seinen Wünschen zusammenbauen, in ein paar Wochen wird Jerrod dann sein Gewehr abholen. "Wer weiß, wie lange es das AR-15 noch gibt", sagt er.