ZEIT: Können die Europäer mit ihrem Ansatz einer Regulierung des Netzes nach demokratischen Grundsätzen das freie Internet retten?

Garton Ash: Nur wenn Europa gemeinsam mit den großen Internetkonzernen ein besseres Modell aushandelt, eines, das auch die großen Schwellenländer überzeugt. Und das kann gelingen. Viele Mitarbeiter von Facebook sind gute Liberale. Manche, die ich kenne, haben vorher in Nichtregierungsorganisationen gearbeitet und teilen unsere Werte. Ich bin der Überzeugung, Facebook könnte die Plattform so verändern, dass sie unseren Bedürfnissen und unseren Erwartungen an den Schutz von Daten, freier Rede und Informationsfreiheit genügt, ohne dass dies das Geschäftsmodell gefährden würde. Zugleich sollten wir nicht glauben, dass die Nachrichtenlandschaft etwa in den USA im Lot wäre, wenn Facebook seine Probleme in den Griff bekäme.

ZEIT: Weshalb nicht?

Garton Ash: Lassen Sie uns einen Moment nicht über den konservativen Fernsehsender Fox News sprechen, sondern über die New York Times.

ZEIT: Wie bitte? Die gilt doch als "graue Lady", weil sie so viel Wert auf nüchterne Berichterstattung legt.

Garton Ash: Das ist Geschichte. Die New York Times ist seit zwei Jahren ähnlich parteiisch wie der New Yorker und der Fernsehsender MSNBC.

ZEIT: Sie meinen, die Gegnerschaft zu Trump hat die graue Lady ist eine rote verwandelt?

Garton Ash: Zumindest in eine rosafarbene. Menschen werden durch einseitige Berichterstattung in ihren Vorurteilen bestärkt, und das tut nicht mehr nur Fox, sondern leider auch die New York Times. Die Zeitung hatte bis vor zwei Jahren enorm strenge Regeln, um Fakten von Meinung zu trennen, aber das hat sich verändert. Ich habe darüber mit vielen Redakteuren diskutiert, und sie bestätigen diese Beobachtung. Präsident Donald Trump wurde in einer Überschrift sogar als Lügner bezeichnet. Das wäre früher undenkbar gewesen.

ZEIT: Ökonomisch war es ein Erfolg.

Garton Ash: Die Times hat seither eine halbe Million neue Digital-Abonnenten gewonnen. Ich wette, die wenigsten davon sind Republikaner.

ZEIT: Was stört Sie daran?

Garton Ash: Das Medium hat dafür einen Preis bezahlt, und ich denke, die ganze Gesellschaft ebenfalls. Denn wenn Sie einmal den Ruf verloren haben, nüchtern und unparteiisch zu sein, können Sie das nicht mehr ungeschehen machen. Und eine offene, demokratische Gesellschaft braucht solche Quellen und Foren mehr denn je.