Männer in Lederjacken stehen am Eingang der Hotelgaststätte im 13. Bezirk Budapests. Ungarns Regierungspartei Fidesz hat zu einer Wahlveranstaltung am Gründonnerstag geladen. Die Besucher werden gebeten, sich in Anwesenheitslisten einzutragen. Nun, warum nicht. Obwohl: "Da steht ja Unterstützerliste drüber." – "Das ist dasselbe." Interessant.

Etwa 80 Bürger haben sich eingefunden. Einer von ihnen telefoniert lautstark: "In zwanzig Jahren gibt es keine Weißen mehr in Europa, hab ich gelesen." Man liest einiges dieser Tage in Ungarn. Es ist Wahlkampf. Die vom Ministerpräsidenten Viktor Orbán geführte Fidesz will am kommenden Sonntag unbedingt ihre absolute Mehrheit sichern. In der Partei ist man nervös.

Redner des heutigen Abends ist der Fidesz-Vizepräsident Szilárd Németh. Der vierschrötige 53-Jährige hebt an mit der Warnung, am 8. April werde entschieden, "ob Ungarn ungarisch bleibt oder von Migranten überflutet wird". Németh wird diesem Thema 55 der 62 Minuten widmen, die seine Ansprache dauert. Er greift eine Meldung auf, derzufolge eine Organisation für Flüchtlingshilfe nach leer stehenden Wohnungen gesucht habe. Die Nachricht ist falsch. Egal: "Erst besetzen sie unsere Wohnungen, dann unsere Schulen und Kirchen." Wie zum Beispiel in London, wo der Bürgermeister bereits kein Brite mehr sei (es handelt sich um den in London geborenen Briten Sadiq Aman Khan).

"London ist verloren", sagt Németh. Ein Schicksal, das auch dem Kontinent drohe. "Laut Nato kommen bis zum Jahr 2060 60 Millionen Einwanderer nach Europa, um es zu erobern. Das war’s dann mit uns." Schweigen im Saal.

Im Hintergrund PowerPoint-Folien, mit denen die Fidesz-Zentrale ihren Wahlmeetings Farbe verleiht. Ein Motiv kehrt immer wieder: ein Maschendrahtzaun mit Loch, ein Bolzenschneider sowie ein älterer Herr. Bei dem handelt es sich um George Soros, gebürtiger Ungar, Milliardär, Förderer von Menschenrechtsorganisationen. Der Zaun, das Werkzeug und der reiche Mann sind derzeit überall in Ungarn auf Fidesz-Plakaten zu sehen. Sie erzählen, dass Soros mithilfe der ungarischen Oppositionsparteien die Grenzen zu öffnen beabsichtige, um das Land den Muslimen auszuliefern.

"Er will die Welt kontrollieren", ruft Németh aus und: "Stop Soros!" Stürmischer Beifall. "Stoppt ihn in jedem Wahlkreis!"

Das ist Orbáns Linie. Ihm zufolge werde in jedem Wahlkreis dem Vertreter der Fidesz zum Schluss nur je ein einziger Kandidat gegenüberstehen, auf den sich Soros-Leute kurz vor der Wahl einigen würden; die anderen Oppositionskandidaten seien bloß Staffage. Dieser "Soros-Kandidat" könne ein Liberaler sein oder ein Linker, aber auch ein Rechter von der Partei Jobbik. In jedem Fall wolle der dann "Millionen Migranten ins Land holen", warnt auch Németh.

Da schiebt jemand Panik. Und das nicht ohne Grund. Auch in Ungarn gibt es Erst- und Zweitstimme, aber das System ist anders als hierzulande: Von den 199 Parlamentssitzen werden 106 durch Direktwahl vergeben (einfache Mehrheit genügt), 93 nach Maßgabe der Listenwahl. Es kommen ein paar komplizierte Regeln hinzu, die auch in Ungarn nicht jeder versteht; mit ihrer Hilfe erreichte im Jahr 2014 die Fidesz, die nur 44 Prozent der Zweitstimmen ergatterte, im Parlament die Zweidrittelmehrheit. Die dürfte sie diesmal verfehlen. Sollten in 46 Wahlkreisen Oppositionskandidaten gewinnen, verlöre Orbán sogar die absolute Mehrheit.

Umfragen zufolge ist ein derartiges Ergebnis nicht sehr wahrscheinlich, aber aus Orbáns engerem Kreis ist zu hören, auf Demoskopie sei wenig Verlass. Eher schon auf die politische Zersplitterung der Opposition. Zum Verlust der absoluten Fidesz-Mehrheit kann es nämlich nur dann kommen, wenn liberale oder linke Wähler in etlichen Wahlkreisen taktisch wählen. Etwa indem sie für einen aussichtsreichen Kandidaten der rechten Jobbik-Partei stimmen.