Amerika ist nicht alles für uns, aber fast: Vorbild, Mythos, letzte Hoffnung, Klagemauer – und eine nicht enden wollende Serie über das Leben und die Politik, von der man weder lassen kann noch mag. So ist es spätestens, seit die USA Deutschland vom Faschismus befreit haben; doch nun ist etwas Neues hinzugekommen: Seit der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten avancieren die USA in der deutschen Debatte zum Laboratorium des demokratischen Verfalls. Man schaut hierzulande nicht mehr nach Amerika, um zu verstehen, wie es geht – sondern um zu verhindern, dass es auch hier so kommt.

Gleich nach Hillary Clintons Niederlage im Herbst 2016 schickten deshalb alle großen deutschen Redaktionen (auch die ZEIT) Reporter in die "Provinz", um nachzuschauen, ob vielleicht auch im Sauerland oder in Oberschwaben etwas ins Rutschen gekommen sei, so wie im Mittleren Westen der USA, wo die Trump-Wähler leben. Die amerikanischen Ostküsten-Medien hatten die Wut vieler Weißer in den Weiten des Landes übersehen. Diesen Fehler wollte der deutsche Journalismus auf jeden Fall vermeiden. Doch die Reporter kamen mit ziemlich leeren Händen zurück, es zeigte sich: Der Gegensatz zwischen Provinz und Metropole ist hierzulande längst nicht so schroff wie in Amerika. Dieselbe Frage, die in den USA richtig und notwendig war, führte in Deutschland in die Irre.

Oder ein anderes Beispiel. Im August 2017 titelte das Online-Magazin Huffington Post: "Eine Grafik zeigt die erschütternde Ungleichheit in den USA – sie muss auch den Deutschen eine Warnung sein". Eine Warnung wovor genau?

Drittes Beispiel – Mark Lillas Abrechnung mit den identity politics der amerikanischen Linken: Kaum war die Polemik des Columbia-Professors in den USA als Buch erschienen, in dem er den Demokraten vorwarf, sich nur noch um die Sonderinteressen von Minderheiten zu kümmern statt um die Anliegen aller Bürger, schrieb der damalige SPD-Chef Sigmar Gabriel im Spiegel einen Essay mit der These, seine Partei habe sich zu viel mit den Großstadt-Hipstern beschäftigt und zu wenig mit den kleinen Leuten. Ausdrücklich verwies Gabriel auf die Entwicklung der Demokratischen Partei in den USA, die zeige, wie gefährlich die Konzentration "auf die Themen der Postmoderne sein kann".

Es geht hier gar nicht um die Frage, ob Gabriel mit seiner Behauptung recht hatte. Oder was sein Anteil an dieser vermeintlichen Fixierung auf übermäßig gestylte Großstadtbärte war (von denen es allein in San Francisco mehr geben dürfte als in ganz Deutschland). Es geht um das Muster in der Argumentation, um den unverzollten und unverdauten Import von Argumenten aus Amerika. Um die Einfuhr von Themen, Debatten, Ängsten aus den Vereinigten Staaten in die Bundesrepublik.

Fast manisch wird alles beäugt und untersucht, was in den USA schiefgelaufen ist, oft werden die Lehren, die daraus gezogen werden, mechanisch auf Deutschland übertragen. Der Schritt von der Analyse zur Analogie ist klein, man versucht hierzulande nicht einfach, den Fall USA zu verstehen (was gut wäre), man verwechselt sich mit den USA (was gefährlich ist).

Ob Stadt und Land, Elite und Volk, Medien und Leute, Migranten und Einheimische, Liberale und Konservative – all diese Beziehungen sind in den westlichen Gesellschaften zurzeit gestört, weswegen es in den USA einen Trump gibt und in Deutschland eine AfD. Allerdings stehen hinter Trump fast die Hälfte der Amerikaner, hinter der AfD nur 13 Prozent.

Atlantische Analogieschlüsse haben zudem eine ungewollte politische Nebenwirkung: Vor dem amerikanischen Hintergrund erscheint die AfD viel bedeutender, als sie tatsächlich ist; während die deutschen Liberalen maroder wirken, als sie hoffentlich jemals sein werden. Hier wächst zurzeit die Gefahr einer sich selbst erfüllenden Analogie.

Die deutsche Krise ist ebenfalls ernst, aber längst nicht systemisch. Man kann sagen: Noch. Doch damit dieses "Noch" nicht eines Tages fällig wird, darf man sich nicht nur auf das fixieren, was für die hiesige Debatte mit Blick auf die USA zu lernen ist – mindestens genauso wichtig ist, was daraus eben nicht zu lernen ist. Mit den Erfahrungen aus den USA die Krise in Deutschland lösen zu wollen kommt dem Versuch gleich, mit dem Vorschlaghammer eine Mutter festzuziehen. Um es mal auf gut Europäisch zu sagen: Vive la différence.

Amerikanische Heilsversprechen

Moralismus

Die derzeit vielleicht größte Ansteckungsgefahr liegt da, wo man sie am wenigsten vermutet: im Ungefähren. Es geht um eine Tonlage. Dass die Debatte in den USA in eine nicht enden wollende Schreierei ausgeartet ist, lässt sich nicht ohne den Puritanismus erklären. Dabei geht es nicht mehr um eine spezifische Ausprägung des Protestantismus, sondern um einen Gestus und eine Redeweise, die sich weit über die Kirchen hinaus ausgebreitet haben. Es ist dieses moralische Auf-die-Goldwaage-Legen, verbunden mit Heilsversprechen, die offenbar immun dagegen sind, dass sie sich nur äußerst selten bewahrheiten. Als Oprah Winfrey kürzlich sagte, eine neue Welt erscheine am Horizont, da wurde sie in den USA gleich zur nächsten Präsidentschaftskandidatin hochgejubelt, während man als geschichtssatter Europäer dachte: Schon wieder?! Liberale und Republikaner, Trumpisten und Anti-Trump-Kämpfer berufen sich mittlerweile unablässig auf die allerhöchsten Werte und belegen sich zugleich gegenseitig mit den allerschlimmsten Schimpfwörtern. Dies beides gehört zusammen.

Noch ist man in Deutschland davon entfernt, doch ist auch hier der Moralismus auf dem Vormarsch. Dabei lautet die gesellschaftlich zuträglichste Antwort auf viele moralische Fragen nach wie vor: Mal halblang. Das gilt für den Grad des Eifers, mit dem in der Gender-Debatte eine dritte Toilette gefordert wird, aber auch für den Grad des Eifers, mit dem diese Forderung abgelehnt wird. Keine neue Welt erscheint am Horizont, es sind immer noch die alten Menschen.

Religion

Die Vereinigten Staaten sind ein tief religiös geprägtes Land, viel stärker als Deutschland. Drei Viertel aller US-Bürger bekennen sich nach einer Umfrage aus dem Jahr 2016 zu einer, meist christlichen, Glaubensrichtung. Fast 40 Prozent der US-Bürger geben an, mindestens einmal pro Woche in die Kirche zu gehen, in Deutschland sind es kaum zehn Prozent. Hierzulande ist aktuell gut die Hälfte der Bevölkerung Mitglied einer christlichen Kirche, zwischen fünf und sechs Prozent sind Muslime, und ein reichliches Drittel ist konfessionslos.

In beiden Ländern ist Religion politisch, aber aus völlig anderen Gründen. In Deutschland entsteht die politische Reibung mit dem Islam aktuell daraus, dass die allenfalls noch feiertagsreligiöse Mehrheitsgesellschaft sich mit einer wachsenden muslimischen Minderheit konfrontiert sieht, für die ihre Religion, der Islam, eben keine private Nebensache ist, sondern etwas Identitätsstiftendes und Politisches. Aus diesen unterschiedlichen Temperaturen entsteht Spannung. Die Ablehnung des Islams ist der Glutkern der AfD.

In den USA liegen die Dinge ganz anders. Dort ist die Auseinandersetzung mit den Muslimen eher Nebensache, allen antiislamischen Untertönen des Präsidenten zum Trotz. Schließlich gibt es dort nur ein Prozent Muslime. Politisch viel wirkmächtiger ist der Aufstieg der Evangelikalen zur Leitreligion der Rechten. Das bedeutet: Die ideologische Spaltung des Landes ist religiös unterlegt – und sie ist innerchristlich. Der Fundamentalismus ist eben keine exklusiv islamische Krankheit, man findet ihn auch im Namen des Kreuzes. Und die Zahl der Evangelikalen in den USA wächst noch, während andere christliche Kirchen schrumpfen.

Bis in die sechziger Jahre waren Demokraten und Republikaner Volksparteien auch im konfessionellen Sinn, ähnlich wie die deutschen Volksparteien. Evangelikale Christen fanden sich in beiden Lagern, und eine knappe Mehrheit der Evangelikalen wählte die Demokraten. Das änderte sich in den siebziger Jahren, als die Evangelikalen politisch wurden, vor allem nach der Freigabe der Abtreibung 1973. Massenhaft wechselten sie zu den Konservativen. 2016 bekannten sich 76 Prozent der weißen Evangelikalen zu den Republikanern – und zum sündenstolzen Donald Trump.

Zugleich säkularisierte sich die Demokratische Partei. Nur noch ein Drittel der Demokraten sind weiße Christen. Die beiden Parteien, die sich früher über Sachfragen wie die Höhe der Steuern stritten, sind heute mithin auch entlang religiöser Grenzen getrennt. Das befeuert massiv Polarisierung, Intoleranz und wechselseitige Feindseligkeit.

Nichts dergleichen gibt es bislang in Deutschland. Gottlob.

Stadt und Land

Auch der politisch ausbeutbare Gegensatz zwischen Metropolen und Provinz ist in Deutschland längst nicht so schroff wie in den USA, wo die Bewohner der Großstädte mit den Menschen auf dem Land eigentlich nur noch durch die gemeinsame Kontinentalplatte zusammengehalten werden.

Der wichtigste Grund dafür ist einfach: Deutschland ist viel dichter besiedelt als die USA, die Übergänge zwischen Stadt, Vorstadt und ländlichem Raum sind fließender. In Deutschland leben mehr als 200 Menschen auf einem Quadratkilometer, in den USA nur etwa 35. Und selbst in dem am dünnsten besiedelten Bundesland Mecklenburg-Vorpommern sind es immer noch 76 Menschen, in einem der am dünnsten besiedelten US-Bundesstaaten, Montana, sind es dagegen gerade mal zwei Menschen. Zwei.

Selbst wenn in manchen Gegenden Bushaltestellen fehlen, Ärzte oder Läden, sind sogar die ländlichen Regionen in Deutschland im Vergleich zu vielen Gebieten der USA hoch entwickelt. Der Mittelstand ist über das ganze Land verteilt, er produziert nicht nur in den Ballungsräumen, sondern ganz im Gegenteil häufig in der Provinz. In vielen Regionen des Landes sitzt in jedem zweiten Tal ein Weltmarktführer.

Die Mitte schrumpft hüben wie drüben

Sogar im Grundgesetz ist das Ziel verankert, überall in Deutschland die "Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse" anzustreben. So etwas wäre in den Vereinigten Staaten undenkbar. Dort gibt es keine Finanztransfers zwischen den einzelnen Bundesstaaten. Dass reiche Bundesstaaten etwas von ihren Einnahmen an die ärmeren Nachbarn abgeben, wie im milliardenschweren System des deutschen Länderfinanzausgleichs, widerspricht diametral der amerikanischen Vorstellung von Föderalismus.

Stadt und Land, Metropolen und Provinz sind in den USA aber auch politisch scharf geteilt. Mit wenigen Ausnahmen gewinnen die Demokraten zuverlässig die Großstädte und die Republikaner die ländlichen Gebiete. Eine so klare und unversöhnliche Trennung gibt es in Deutschland nicht einmal ansatzweise. In manchen Großstädten regieren SPD-Bürgermeister, in anderen Grüne, in vielen Unionsleute. Auch die Wahlerfolge der AfD lassen sich nicht in ein Stadt/Provinz-Schema bringen. In Nordrhein-Westfalen etwa erzielte die AfD ihre schlechtesten Ergebnisse im vermeintlich "provinziellen" katholischen Münsterland und ihre besten in einigen Stadtteilen von Essen.

Reich und Arm

In keinem Industrieland ist das Geld so ungleich verteilt wie in Amerika. Gerade einmal ein Prozent der US-Bevölkerung besitzt fast 42 Prozent des gesamten Vermögens. Die Reichen in den USA sind extrem viel reicher als die Reichen in Deutschland, und sie sind viel mehr.

Nach einer Studie des Beratungsunternehmens Boston Consulting Group gibt es in den USA über sieben Millionen Millionäre bei 325 Millionen Einwohnern, in Deutschland sind es weniger als 500.000 von 82 Millionen Einwohnern. Die Deutschen horten ein privates Finanzvermögen (Bargeld, Aktien, Wertpapiere und Fonds) von 6,3 Billionen Dollar, die Amerikaner hingegen kommen auf die märchenhafte Summe von 50,7 Billionen Dollar – und dabei sind Immobilien noch gar nicht berücksichtigt.

Hillary Clinton beklagte im Wahlkampf immer wieder, die 25 bestverdienenden Hedgefonds-Manager der USA verdienten pro Jahr mehr als alle 158.000 Kindergarten-Erzieher Amerikas zusammen (was Clinton allerdings keineswegs daran hinderte, die Nähe zur Wall Street zu pflegen).

Auch in Deutschland gibt es, wie in den USA, deutliche Hinweise auf ein Schrumpfen der Gruppe derjenigen, die statistisch gesehen mittlere Einkommen beziehen. In den beiden Ländern ist die Gruppe der Bezieher unterer Einkommen ähnlich groß. Der Anteil der Bezieher hoher Einkommen aber ist in den USA mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland.

Der vielleicht wichtigste Unterschied zwischen den beiden Ländern ist jedoch die Konsequenz von Armut: Die USA verzichten mit voller politischer Absicht auf einen Sozialstaat europäischer Prägung. Wer dort arm ist oder arm wird, kann schnell in der Obdachlosigkeit landen. In Deutschland hingegen mit seinem entfalteten Sozialsystem werden, bei allen Schwächen, die Risiken von Arbeitslosigkeit oder chronischen Krankheiten wesentlich besser abgepuffert.

Uni und Elite

An den amerikanischen Elite-Unis herrscht mittlerweile ein Maß an Selbstbeschau und Moralismus, das den Gedanken der Rücksichtnahme auf Minderheiten zu diskreditieren droht. Natürlich finden sich ähnliche Phänomene auch an hiesigen Universitäten – nur eben viel weniger ausgeprägt. Es gibt aber noch einen substanziellen Unterschied, der mit dem jeweiligen Bildungssystem zu tun hat.

In den USA existiert eine Handvoll absolute Spitzenuniversitäten, ausgestattet mit fabelhaften Lehrkräften und bizarrem Reichtum (Harvard, die reichste Uni, verfügt über ein Stiftungsvermögen von fast 40 Milliarden Dollar). Und daneben eine gewaltige Zahl von Unis, die bestenfalls akademisches Mittelmaß bieten. Das Qualitätsgefälle zwischen den Hochschulen ist teils dramatisch, die Spreizung ist viel ausgeprägter als zwischen den deutschen Unis, die allerdings auch kaum solche Spitzenleistungen bringen wie Stanford, Harvard oder das MIT.

An diesen Elite-Unis ballen sich die Kinder reicher Eltern zusammen. Eine Studie hat gerade gezeigt, dass an 38 Colleges mehr Studenten studieren, deren Eltern zu dem einen Prozent der reichsten Familien Amerikas zählen, als Studenten, deren Eltern in den unteren zwei Dritteln der Einkommensskala rangieren.

Die amerikanischen Elite-Unis haben – im Gegensatz zum egalitären deutschen Bildungswesen – eine hohe Strahlkraft ins Land; was dort geschieht, bewegt im Zweifel alle Amerikaner. Nur so erklärt sich die immense provokative Wirkung von Debatten über Political Correctness, wenn etwa Harvard-Studenten gegen Diskriminierungen aller Art kämpfen – ohne Rücksicht darauf, dass allein schon der Ort, wo sie das tun, sie gegenüber dem Rest des Landes zu absolut Privilegierten macht. Hier verhalten sich Opfer- und Privilegiertenstatus wie Nitro und Glyzerin.

Das System der Elite-Unis verschärft auch die Entfremdung zwischen den liberalen Eliten und der übrigen Bevölkerung. Der Eindruck, dass die Spitzen der Demokratischen Partei nicht in erster Linie Liberale sind, sondern Elite, ist nicht falsch. Selbstverständlich verkehren sie mit der Geldelite, verschmelzen zum Teil mit ihr, schließlich sind es ja alles Alumni.

Die deutsche Elite, der man sogleich Anführungszeichen hinzufügen möchte, ist demgegenüber mittelmäßig, unbrillant, weniger abgehoben und – soweit es um die politische Elite geht – viel weniger reich. Dieses System der gehobenen Durchschnittlichkeit steht unter Druck, weil auch in Deutschland die Welten langsam auseinanderdriften. Eine Rückvervolkung der führenden Schichten ist jedoch immerhin noch möglich – aber gewiss nicht durch eine permanente Selbstbezichtigung zu bewerkstelligen, die so tut, als sei man hier in Amerika.

Der demografische Wandel in den USA ist dramatisch

Polarisierung

Dass die Vereinigten Staaten ein ideologisch tief gespaltenes Land sind, erschüttert mittlerweile sogar die deutsche Öffentlichkeit. Aber wie tief diese Spaltung reicht, das ist weit weniger klar. Es gibt eben nicht bloß zwei geteilte Fernsehwelten, es gibt, nur zum Beispiel, auch einen geteilten Buchmarkt, auf dessen rechter Seite etwa Ann Coulter ein Star ist. Die Titel ihrer Bücher, die stets auf die Demokraten eindreschen und zuverlässig zu Bestsellern werden, sprechen für sich: "Verrat", "Gottlos", "Dämonisch".

Das Oberste Gericht, der Supreme Court, ist entlang ideologischer Linien scharf geteilt, im Gegensatz zum Bundesverfassungsgericht, es gibt kaum mehr überparteiliche Institutionen, kaum mehr Orte, an denen sich die beiden Lager begegnen. Wähler der Republikaner ziehen tendenziell in die Nähe von Republikanern und Demokraten in die Nachbarschaft von Demokraten. Sie machen an anderen Orten Urlaub, gehen unterschiedlich häufig in die Kirche, betreiben andere Sportarten, kleiden sich anders, hören andere Musik, und es gibt Soziologen, die meinen, sogar an der Wahl des bevorzugten Softdrinks lasse sich zuverlässig die politische Orientierung ablesen. Umziehen aus politischen Gründen? In Deutschland im größeren Maßstab undenkbar.

Und jene Teilung verläuft nicht, wie bei uns, zwischen der (relativ breiten) Mitte und den (eher schmalen) Rändern, sie zerreißt die USA mitten im Zentrum, teilt das Land in zwei etwa gleich große Lager, die sich immer unversöhnlicher gegenüberstehen. Je ein gutes Drittel der Wähler der Demokraten und der Republikaner sehen in der jeweils anderen Partei nicht nur den politischen Gegner, sondern eine "echte Gefahr für das Land".

Diese politische Spaltung ist nicht zufällig passiert, sondern wird bewusst betrieben, von beiden Seiten. Einen Ursprung hatte sie im Aufstieg des jungen Konservativen Newt Gingrich, der 1979 als Abgeordneter nach Washington kam und eine "Republikanische Revolution" forderte. Er schwor seine Partei darauf ein, Politik sei Krieg, jeder Kompromiss bedeute Verrat. Auf lange Sicht hatte Gingrich damit enormen Erfolg. Wenn hingegen Alexander Dobrindt eine "konservative Revolution" fordert, so hat das kaum praktische Auswirkungen, und die meisten denken: Ach, der Dobrindt! Ist schon wieder Bayernwahl?!

Schwarz und Weiß

Auch für das alles überwölbende Problem der amerikanischen Gesellschaft gibt es in Deutschland im Grunde keine Entsprechung: die Rassenfrage.

Noch um 1950 machten die Weißen mehr als 90 Prozent der amerikanischen Bevölkerung aus. Die Wirtschaft war weiß, die Universitäten waren weiß, die Politik war weiß, sogar die Demokratie war weiß. Die Schwarzen wurden bis Mitte der sechziger Jahre gesetzlich von Wahlen ferngehalten. Erst der Civil Rights Act von 1964 und der Voting Rights Act von 1965 setzten der massiven Diskriminierung der Schwarzen jedenfalls juristisch ein Ende.

Ebenfalls Mitte der sechziger Jahre wurde das Quotensystem bei der Immigration aufgehoben, das jahrzehntelang europäische Neu-Amerikaner bevorzugt hatte. Bald darauf setzte eine massive Zuwanderung aus Lateinamerika ein, später auch aus Asien. Bis 2014 sank der Anteil der Weißen auf 62 Prozent der Gesamtbevölkerung, und nach Schätzungen des amerikanischen Zensus-Büros wird um das Jahr 2044 die Mehrheit der US-Bürger nicht mehr weiß sein.

Das ist eine dramatische Veränderung – selbst für ein traditionelles Einwanderungsland wie die USA. Die politischen, ökonomischen und kulturellen Folgen lassen sich noch gar nicht absehen. Bei vielen weißen US-Bürgern löst die demografische Entwicklung Unbehagen, Widerstand, mitunter sogar Panik aus. Gerade unter Trump-Wählern ist der Eindruck verbreitet, sie würden, wie es die Soziologin Arlie Hochschild formuliert hat, zu "Fremden in ihrem eigenen Land". Auch deshalb empfanden sie die Präsidentschaft von Barack Obama als ständige Provokation.

Tatsächlich unternehmen die USA gerade einen historisch beispiellosen Versuch in Echtzeit: Können die Amerikaner ihr Land, das lange ethnisch, religiös und kulturell so homogen war, innerhalb von zwei, drei Generationen zu einer multiethnischen Demokratie umbauen, in der alle gleiche Chancen auf Teilhabe genießen? Und kann dieser Umbau friedlich gelingen? Das ist die alles beherrschende Frage, das große Amerikanische Experiment des 21. Jahrhunderts.

Man kann die Frage auch anders stellen: Werden die weißen Amerikaner, die das Land seit der Unabhängigkeit geprägt und geführt haben, bereit sein, ihre Macht, ihre Privilegien, ihren Reichtum mit den anderen US-Bürgern zu teilen, wenn sie nicht mehr die Mehrheit stellen? Derzeit sieht es nicht so aus. Trumps Präsidentschaft ist der wütende Versuch, die Veränderung aufzuhalten.

Beobachten ja, neurotisch fixieren nein

Deutschland ist auch ein Einwanderungsland. Doch mit den Wellen von Vertriebenen und von Italienern, Spaniern, Türken und nun Arabern hat die deutsche Stammbevölkerung keinen historisch-moralischen Streitpunkt, der in seiner Tiefe und Unversöhntheit annähernd dem gleichkäme, was die weißen Amerikaner mit Schwarzen und Indianern verbindet – und was sie von ihnen trennt. Von der damit zusammenhängenden Schuldfrage sind die politische Kultur und das gesellschaftliche Leben der USA schicksalhaft durchzogen.

Im Zentrum der deutschen Identität steht eine Schuldgeschichte. Noch bekennt sich die Mehrheit zu dieser Vergangenheitspolitik, doch Gegenstimmen und Gleichgültigkeit nehmen zu: Holocaust-Mahnmal in Berlin © Paul Langrock/laif

In Deutschland gibt es eine ähnliche alles berührende Schuldfrage auch, aber die Minderheit, um die es da geht, ist, eben aufgrund der singulären deutschen Verbrechen an den Juden, sehr klein. Darum sind hierzulande Schuld- und Minderheitenfrage weitgehend getrennt, in den USA fallen sie oft in eins. Dort sind sie moralisch maximal aufgeladen, bei uns moralisch abrüstbar.

Alle wichtigen Fragen stellen sich hüben und drüben also anders: Schuld, Elite, Gleichheit, Minderheiten. Wir Deutschen sollten die USA im Auge behalten, ohne uns aber neurotisch, sei es proamerikanisch oder antiamerikanisch, darauf zu fixieren. Für die Linderung der alten und neuen deutschen Konflikte hilft vor allem der Blick auf die uns viel ähnlicheren anderen Europäer. Für Ungenauigkeiten und Verwechslungen bleibt jetzt jedenfalls keine Zeit mehr. Denn sie drängt.

Ist Deutschland irgendwie "besser" als die USA? – Das wäre die falscheste aller Fragen, schließlich geht es um keinen nationalen Schönheitswettbewerb. Entscheidend ist, dass dieses Land sehr anders ist, gerade auch in seinen Schwächen: Die deutsche politische Kultur beispielsweise leidet nicht an einer heillosen Polarisierung der Mitte wie in den USA, sondern an einer Konsens-Orientierung, die von der großen Koalition nicht geschaffen, aber zu einer Verklumpung der Mitte hin verschärft wurde. Auch vom politischen Moralismus ist Deutschland natürlich nicht frei, doch findet diese oft apolitische Haltung ihren schlimmsten Ausdruck in der Außenpolitik, wo man sich jahrzehntelang darauf verlassen konnte, dass die USA es schon richten werden, während Deutschland sich eher im Rezensentischen verlor.

Deutschland muss es auch gar nicht besser machen als Amerika. Sondern morgen besser als heute.