Kinder sollen die Natur erkunden. Dafür gibt es auf der Welt recht verschiedene Kulturtechniken. Heranwachsende des Suruí-Volkes im brasilianischen Amazonasgebiet etwa dürfen unbeaufsichtigt in Horden herumziehen. Falls sie mal ein Waldstück abfackeln, müssen ihre Eltern das tolerieren. Kindern des benachbarten Tenharim-Volkes wird beigebracht, dass sie stets mit einer lauten xambu ins Wasser springen müssen ("Arschbombe" in der örtlichen Sprache), weil das die Alligatoren und Piranhas vertreibt. Je nach Kultur übernehmen Väter, Mütter, Opas oder Schaman(inn)en die Urwald-Initiation.

Anders läuft die Sache in Karlsruhe. Im Zentrum für Kunst und Medien können deutsche Kinder bis Ende April den Amazonaswald kennenlernen, und das verdanken sie Diana Schniedermeier. Als Executive Producer der Interactive Media Foundation empfängt sie Besucher in einem loftartigen Büro, wo Kaffeespezialitäten auf Knopfdruck in Tassen laufen.

Ihr Team aus Kreativdirektoren, Producern, künstlerisch-wissenschaftlichen Vorständen und Leitern kuratorischer Abteilungen hat ein Stück Amazonas nachgebaut. Inside Tumucumaque heißt die Installation in Karlsruhe, wo Besucher eine Virtual-Reality-Brille und Kopfhörer aufsetzen – und die Natur im Dschungel kennenlernen. Dann stehen sie im Wald, "hautnah und in Echtzeit". Sie können laufen, schwimmen, fliegen, die Welt mit den Augen der Tiere sehen. "Die Kinder laufen überall herum und wollen die Pflanzen anfassen", sagt Schniedermeier. Na ja, bis ein blaues Gitter in den virtuellen Raum projiziert wird, als Warnung, dass gleich eine Museumswand kommt. Ab Weihnachten gibt es den Urwald auch als Download für den Gamer-PC. Schniedermeier sagt: "Die Kinder gehen ja nicht mehr so viel raus."

Der virtuelle Amazonas ist wunderschön. Über 7.500 Pflanzen wurden mit wissenschaftlicher Begleitung des Berliner Naturkundemuseums als simulierte Wirklichkeit nachgebaut. Das Naturschutzgebiet Tumucumaque gibt es wirklich, allerdings sieht es nicht ganz so aus. Die Entwickler sagen: Nun, das VR-Waldstück mit seinen 750 Texturen und Custom-programmierten Shadern und Sonnenaufgang-Algorithmen, das habe man sich ausgedacht – "idealtypisch". Don’t try this in real life!, wäre Amazonasreisenden zu raten. Riesenkaimane nehmen Besucher in Wirklichkeit nicht freundlich mit auf Tauchtouren im Waldsee, selbst wenn man mit dem Controller draufklickt.

Der beteiligte Filmemacher Michael Grotenhoff weiß das aus Erfahrung. Er ist für das Projekt wirklich an den Amazonas geflogen. Er schlief in Hängematten, fuhr mit einem Langboot und spannte Plastikplanen gegen tropische Regenfälle auf. Er ließ Drohnen aufsteigen, die in der Amazonasluft unerwartete Flugeigenschaften entwickelten, und hielt alles per Kamera und Mikrofon fest.

"Unser Kameramann hat sogar einmal eine fette Giftspinne in seiner Hängematte entdeckt", berichtet er. "Der hat sich ganz schön erschreckt!" Der Mann hat die Natur erkundet.