Was die Kriegskinder wissen

Als der Regisseur Martin Farkas kürzlich auf der kleinen Bühne im überfüllten Filmeck-Kino in Demmin steht, macht er den Demminern das eigentlich schönste Geschenk: "Ich bin hier heimisch geworden", sagt er, der aus dem Allgäu stammt. Demmin in Mecklenburg-Vorpommern ist keine auf den ersten Blick schöne Stadt. Kaum ein Fremder wird sich darum reißen, hier Wurzeln zu schlagen. Im Gegenteil, wie viele ostdeutsche Provinzkommunen wirkt dieser Ort karg. Weil Farkas das weiß, ist sein Satz umso wichtiger. Demmin kann etwas Wärme gut gebrauchen.

Fast drei Jahre lang ist Farkas, 53, für seinen Dokumentarfilm Über Leben in Demmin immer wieder hierhergereist, hat Leute gesucht und gesprochen, die sich noch einmal an die April-Tage des Jahres 1945 erinnern wollen. Damals, als Demmin, wo schon 1933 überdurchschnittlich viel NSDAP gewählt wurde, gleich auf mehrere Arten unterging.

April 1945: Nachdem die Soldaten der Wehrmacht die Stadt verlassen und hinter sich die Brücken über die Peene gesprengt haben, rückt die Rote Armee ein. Es kommt zu zahlreichen Racheakten und Übergriffen auf die Zivilbevölkerung, zu Vergewaltigungen und Erschießungen. Außerdem bricht Feuer aus. Demmin brennt ab, bis auf wenige Häuser. Deshalb, aber auch weil die nationalsozialistische Ideologie die Demminer noch immer im Griff hat, nehmen sich Hunderte Einwohner, größtenteils Frauen mit ihren Kindern, das Leben. Sie schneiden sich die Pulsadern auf, vergiften, erhängen oder ertränken sich in der Peene. Insgesamt wohl über 900 Menschen, die genaue Zahl konnte nie ermittelt werden. Damit gilt das, was 1945 in Demmin passiert ist, als größter Massensuizid der jüngeren deutschen Geschichte.

Und als ein Fall, der viel zu lange nicht aufgearbeitet wurde. Der aber, wie viele andere, jetzt endlich aufgearbeitet wird: von jenen Ost- und Westdeutschen, die nicht mehr ganz jung sind, aber jung genug, um eine neue Form der Geschichtsarbeit zu beginnen. Von einer Generation, die sich "Kriegsenkel" nennt: nach dem Krieg geboren, aber von den Erzählungen und Erlebnissen der Eltern, die den Krieg als Kinder selbst noch erlebten, stark geprägt. Vor allem von deren Schweigen.

Denn natürlich wurde über all das, was da in Demmin passierte, in der offiziell antifaschistischen DDR nicht gesprochen, wurden die Erlebnisse nur als bruchstückhafte Familiengeschichten weitergegeben – und auch in der Nachwendezeit gab es wohl Wichtigeres zu tun, als sich mit der NS-Zeit und den Jahren danach auseinanderzusetzen. Als Martin Farkas vor ein paar Jahren zum ersten Mal von dieser Geschichte hörte, hatte er sofort das Gefühl, dass Demmin etwas mit seinem Leben zu tun habe. Farkas gehört selbst der Generation der sogenannten Kriegsenkel an. Er ist das Kind von Kriegskindern, wie man die Jahrgänge 1930 bis 1948 nennt. Die Kriegskinder sind die heute ältesten Deutschen.

Farkas’ Vater stammte aus dem in der Ukraine liegenden Czernowitz, erlebte den Zweiten Weltkrieg als Jugendlicher, wurde aus seiner Heimat vertrieben und landete schließlich im Allgäu. Über die damaligen Erlebnisse hat der Vater mit dem Sohn auch im Westen nicht viel gesprochen. Das Schicksal und die Gefühle der Kriegskinder hatten in beiden deutschen Staaten keinen wirklichen Platz oder angemessenen Raum. Erst jetzt, allmählich, werden sie aufgearbeitet, kommen diese Geschichten ans Licht.

Vor allem im Osten gibt es Nachholbedarf. Die Folgen des Krieges wurden in der DDR so gut wie nicht thematisiert. Der SED-Staat sollte antifaschistisch sein, die Tätergeschichten wurden aus der offiziellen Erzählung getilgt. Noch dazu kommt: Die Nachkriegserlebnisse im Osten sind andere als im Westen. Hier die russische Armee, bestehend aus Soldaten, die das brutale Vorgehen der Wehrmacht im Krieg fast alle selbst erlebt oder davon erfahren hatten. Die Sowjetarmee nahm dafür teils brutal Rache, die Erlebnisse sind mit denen, die die Westdeutschen mit Franzosen, Engländern oder Amerikanern gemacht haben, nicht vergleichbar. Die Erlebnisse mit den Russen wurden in der DDR nicht aufgearbeitet; eine kritische Auseinandersetzung mit der Rolle, die die Armee des "großen Bruders" auf dem Gebiet der DDR gespielt hat, war unmöglich.

Die Gefühle und Erinnerungen lebten in den Kriegskindern fort

Es fanden diejenigen, die die Kriegsjahre als Kinder erlebt hatten, keine Foren, keine Orte für ihre Geschichten. Ein Aufbruch im Reden über den Krieg, wie er im Westen 1968 geschah – eine Auseinandersetzung über die Erlebnisse der Elterngeneration –, gab es im Osten nie. Ein wirkliches Debattieren über das, was die heute 75-, 80-jährigen Ostdeutschen als Kinder erlebt haben, fand nur begrenzt privat statt. Dabei wäre es so notwendig wie kaum je zuvor. Denn an diese Generation der heute ältesten Ostdeutschen gäbe es Fragen: Gehen die Kriegsenkel Ost anders mit Schuld und Verantwortung um?

Die Auseinandersetzung begann – zaghaft – mit einem Buch, geschrieben von der Autorin Sabine Bode: Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen. Es erschien vor zehn Jahren, konnte wohl nicht früher erscheinen. Zu schwer wog in den Nachkriegsjahrzehnten die Schuld an den nationalsozialistischen Massenverbrechen, zu verlockend waren die Angebote auf beiden Seiten, sich abzulenken von diesen schweren Themen: Im Westen brachen die Jahre des Wirtschaftswunders an, in der DDR war der erwähnte staatlich verordnete Antifaschismus ein guter Weg, sich der eigenen familiären Verstrickungen aus der NS-Zeit zu entledigen. Schlicht: ein neues Leben zu beginnen. Nur die Gefühle und stummen Erinnerungen an traumatische Erlebnisse, Vertreibung und Entbehrungen, Schuld und Scham lebten in den Kriegskindern fort. Und haben wiederum deren Kinder, die Kriegsenkel, die heute 50-, 60-Jährigen, stärker geprägt, als viele es sich eingestehen.

Nach Demmin zu fahren, diesen Dokumentarfilm im Osten zu drehen – das war für Filmemacher Farkas eine Gelegenheit, sich zwar über Umwege, aber doch emotional mit seiner eigenen Familiengeschichte zu beschäftigen. Auf der Bühne sagt er den Demminern, dass es ihm nun gelinge, sich seinen Eltern wieder stärker zu nähern. Das klingt wie eine Lehre aus der beinahe therapeutischen Arbeit an seinem Film, aber auch wie eine Aufforderung, es ihm gleichzutun und sich mit seinen eigenen Wurzeln auseinanderzusetzen.

Immer klarer wird: Wer die stark zerklüftete Gegenwart begreifen will, muss das gesamte 20. Jahrhundert in den Blick nehmen. Wie sehr wirken Erinnerungen über Generationen nach, wie sehr ist unsere Zeit noch davon beeinflusst, wie wir über die Zeit damals sprechen? Es gibt sogar einen Verein, der sich diese Frage stellt, auf Tagungen, in Denkschriften und Symposien – er heißt: Kriegsenkel e.V. Seine jüngste Jahrestagung vor wenigen Wochen trug den Titel: "In den Schuhen des Anderen". Ausdrücklich hatte der Verein sich diesmal die Ost-West-Unterschiede in den Aufarbeitungsfragen vorgenommen: "Welche unterschiedlichen Kontinuitäten gab es nach dem Krieg hüben und drüben? Was hat das für den Umgang mit der Vergangenheit bedeutet, in den Familien, in den Kollektiven?" Anders gefragt: Was trennt Kriegsenkel in Ost und West, was eint sie?

Auch an solchen Fragen wird klar: Nachdem in den vergangenen zwei Jahrzehnten der Blick auf den Osten um das Jahr 1989 kreiste, man bislang vor allem die Erfahrungen und Prägungen aus der Vor- und Nachwendezeit beschrieb, geht es nun auch um tiefer liegende Schichten und größere Zeiträume.

Gerade weil die eigene Familiengeschichte den meisten Deutschen nur in groben Zügen bekannt ist und, besonders im Osten, unter oft schwer zu entschlüsselnden Familienmythen wie begraben liegt, ist die Suche aufwendig. Auch die Demminer erzählen in dem Dokumentarfilm, dass bis zu jenen schrecklichen Tagen im April in der Stadt Frieden geherrscht habe, man mit dem Krieg bis dahin nichts zu tun gehabt habe – obwohl alle Juden aus Demmin vertrieben worden waren; Männer als Soldaten der Wehrmacht womöglich auch an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen waren.

Die mangelnde Aufarbeitung der Kriegserlebnisse hat die Generation der zwischen 1930 und 1948 geborenen Ostdeutschen geprägt. "Unauffällig, anpassungsbereit, kontrolliert und kontrollierend", so beschreibt die Psychologin Beate Mitzscherlich auf dem Kriegsenkel-Kongress diese Generation der Kriegskinder. Mitzscherlich lehrt als Professorin an der Hochschule Zwickau. Die Kriegskinder, sagt sie, hätten ihren Söhnen und Töchtern später, in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren, vor allem beigebracht, dass das Leben ein Kampf sei, man nicht jammern und keine Schwäche zeigen solle – so wie man sich selbst einst als Kind auch keine Schwäche erlaubte. "Materiell gut versorgt bei einem Mangel an Resonanz und Empathie", so seien die Kriegskinder gewesen, in ihrer Erziehung sei ein Mangel an Wärme spürbar gewesen. Die Kriegsenkel sollten vor allem: funktionieren, nicht anecken, schnell auf eigenen Beinen stehen. Ein ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis und eine hohe Anpassungsbereitschaft dominierten beinahe alle Entscheidungen des Lebens. Selbstverwirklichung war ein Luxus, den sich kaum einer leisten wollte und konnte. Hier ähneln sich Kriegskinder in Ost und West.

Das Kriegsende wurde in Ostdeutschland anders erlebt

Aber auch die Unterschiede sind groß: In der geschlossenen DDR nämlich führte das – anders als 1968 in Westdeutschland – zu einem schleichenden, eher unsichtbaren, sich zäh entfaltenden Generationenkonflikt. Während die Kriegskinder dem Sozialismus wenn schon nicht begeistert folgten, so doch bis zum Schluss ihm weitgehend loyal zur Seite standen, wahrten die Kriegsenkel dem System gegenüber eine gewisse Distanz. Sie spürten, wie sich dessen antifaschistischer Gründungsmythos mit den Jahren immer mehr verbrauchte, hohl wurde. In den achtziger Jahren wurden die Kriegsenkel zur wichtigsten Gruppe derer, die Ausreiseanträge stellten. Auch erlebten sie die Friedliche Revolution als eine Emanzipationserfahrung, während ihre Eltern, die Kriegskinder, so Mitzscherlich, sich eher als "doppelte Verlierer" begriffen. Mit dem Ende des Sozialismus eine "doppelte Entwertung" erfuhren, zum zweiten Mal das Scheitern eines politischen Systems erlebten, mit dem sie eng verbunden waren, dem sie Lebenszeit geopfert hatten.

Der DDR als Staat haben die Kriegsenkel, die heute 50-, 60-Jährigen, demnach auf eine ähnliche Art und Weise misstraut wie den lückenhaften Erzählungen oder gar dem Schweigen ihrer Eltern – und deren eher schwachem Selbstbewusstsein, das mit Fragen nach der nationalsozialistischen Vergangenheit schnell zerstört werden konnte. So verband sich das Politische auch in der DDR mit dem Privaten, so mag die langsame Emanzipation der Kriegsenkel von der als zweifelhaft empfundenen Loyalität der Kriegskinder zum Sozialismus eine der inneren, wie gesagt, weniger spürbaren Voraussetzungen für das Ende der DDR gewesen sein.

Mitzscherlich sagt, dass "wir Deutsche eben 'ein Volk' nur in Hinblick auf die gemeinsame Prägung durch den Nationalsozialismus und das Kriegsende" seien. Aber schon das Kriegsende selbst wurde in Ostdeutschland anders erlebt als in Westdeutschland. Und die andere Verarbeitung des Krieges führte zu den ersten Ost-West-Unterschieden.

Die Kriegsenkel, so verläuft Geschichte, wiederholten einige Strategien ihrer Eltern. Nach dem Systemwechsel von 1989 forderten sie von ihren Kindern ebenjene Anpassung, die einst von ihnen gefordert worden war; forderten von ihren Kindern, sich zur Marktwirtschaft passende Berufe zu suchen; sich gut ins neue System zu integrieren. Sie fragten sich weniger, was die Jüngeren selber wollten. Anpassungsstrategien können mehrere Generationen überdauern.

Wie sehr sich die Zeiten vermischen, dass sie sich komplex und oft unterbewusst vermengen, erleben wir im Moment am ausgeprägtesten vielleicht bei Pegida und der AfD. Aber auch in den privaten Erzählungen ist das so, weiß der Seelsorger Hans Bartosch in seinem Vortrag auf der Jahrestagung der Kriegsenkel zu berichten. Der 54-jährige Rheinländer arbeitet seit gut sechs Jahren in den Krankenhäusern und Hospizen der Pfeiferschen Stiftungen in Magdeburg, hört dort, wie er sagt, "Monat für Monat Hunderte von Lebensgeschichten", die für ihn eindeutig "Ostgeschichten" sind. Denn sie unterscheiden sich von denen, die er von zu Hause kennt, in einem wichtigen Punkt: während die Alten in Westdeutschland von Krieg, Flucht und Vertreibung erzählen, reden die Alten im Osten von Krieg, Flucht und Vertreibung, aber auch von der DDR, von der Wende und der Nachwendezeit. Das historische Gepäck also wiegt um einiges schwerer, liegt drückender und um einiges unverarbeiteter auf den Seelen.

Nicht nur die schiere Masse der historischen Erfahrungen ist anders, auch die Perspektiven sind verschieden, sagt Bartosch. Drei Nuancen, wie er sagt, nimmt er in Bezug auf die Kriegserinnerungen wahr. Erstens: "Deutlich wird im Osten unseres Landes ausgesprochen, dass der Krieg 1944 und 1945 in jenes Land zurückkam, das ihn säte. Auf westlicher Seite als Pendant: erschütternd große Leerstellen." Zweitens: "Auch vom 'Russen' höre ich anderes: viel Heftiges und Brutales. Zugleich wird immer auch von menschlich starken Erfahrungen mit dem 'Russen' erzählt. Im westlichen Teil gab es sehr lange sehr böse Reden über den 'Russen', durchaus auch über den 'Polen' und den 'Tschechen'." Und drittens: "Von der Flucht und vor allem der Vertreibung wird im Osten mit einer eingebauten Verzögerung gesprochen, deutlicher wiederum vom Nicht-willkommen-Sein in der neuen Heimat DDR." Im Westen dagegen werden diese Geschichten viel unverstellter erzählt.

Die Sensibilität, mit der Hans Bartosch die historischen und autobiografischen Spuren und Fäden zu entwirren versucht, wie feingliedrig er zwischen Ost und West zu unterscheiden versucht, ohne die unterschiedlichen Erfahrungen zu werten oder zu gewichten, sie in Richtig und Falsch einzuteilen, das ist besonders. Und plötzlich wird einem deutlich, wie viel noch zu erzählen und zu deuten und ordnen sein wird, damit die ostdeutsche Gesellschaft sich ein Bild von sich selbst machen kann, erfahren kann, wer man in den vergangenen fast sieben Jahrzehnten gewesen ist. Oder anders gesagt: wie die Ostdeutschen wurden, wer sie heute sind.

Nicht nur die Gesellschaft der Bundesrepublik ist durch die Kriegsenkel offener, liberaler und vielfältiger geworden – die DDR wurde durch den Veränderungswillen dieser Generation schließlich hinweggefegt. Ihre engen Mauern haben den Vorstellungen der Kriegsenkel nicht länger trotzen können. Über diese Generation wird noch zu reden sein.