Ein Spielfilm über Romy Schneider ist wahrscheinlich so schwer zu drehen wie einer, sagen wir mal, über den deutschen Wald. Während man noch glaubt, davor zu stehen, hat man sich schon darin verirrt. Wie eine Legende einfangen, die monumental ist und zugleich durchlässig? Eine Frau, die sich selbst ein Rätsel war, widersprüchlich bis in die Mikrostruktur ihrer Sätze: mit fester Stimme beginnend, stockend und fragend sich verlierend.

Für Generationen ist Romy Schneider alias Rosemarie Magdalena Albach der Wirtschaftswunderwildfang in den Sissi-Filmen: Über bayerische Wiesen stürmt sie hinein in eine k. u. k. Welt, die den Zweiten Weltkrieg und die Nazis schon im 19. Jahrhundert verdrängen darf (Hitler war ein Bewunderer von Romys Mutter, der Ufa-Schauspielerin Magda Schneider).

Romy Schneider ist das Wesen, das 1974 in einer deutschen Talkshow wie eine Statue unter Valium wirkt, um dann plötzlich neben dem Ex-Sträfling und Schriftsteller Burkhard Driest aufzuwachen. Mit zwei Sätzen und der Berührung seiner Lederjacke bringt sie ein Land in Wallung: "Sie gefallen mir. Sie gefallen mir sehr."

Dem deutschen Kino führt sie vor, dass das französische mehr anzufangen weiß mit ihrer zwischen Zurückhaltung und Selbstzerstörung schillernden Sinnlichkeit. Auch mit der lebensgierigen Energie, die sie in Trio Infernal mit Michel Piccoli eine Leiche in der Säurewanne auflösen lässt.

In Emily Atefs Romy-Schneider-Film 3 Tage in Quiberon liegt das alles schon hinter ihr. Die Kamera beobachtet Schneider bei einem Rückzug, vor dem sie wieder einmal flieht. Die Handlung ist angelehnt an ein Interview, das der stern-Reporter Michael Jürgs 1981 im bretonischen Badeort Quiberon führte, wo sich Schneider vor ihrem nächsten und letzten Film Die Spaziergängerin von Sans-Souci einer Entziehungskur unterzog. Die Fotos zu der Geschichte machte Schneiders Lieblingsfotograf Robert Lebeck, von ihr zärtlich "Lebo" genannt. Verzweiflung und Lachen, Überdrehtheit auf dem Hotelteppich, die Spuren der Depression in der Nahaufnahme; das legendäre Zechgelage in der Hafenbar; der Tanz mit dem Nachtschwärmer; Champagner und die ewige Zigarette – natürlich fragt man sich, ob das Kino Robert Lebecks Bilder, die um die Welt gegangen sind, zum Laufen bringen kann.

Die Antwort ist: Ja. Dank Marie Bäumer, die sich Schneiders Gesten, ihr Wesen, ihre fahrige Verbindlichkeit anverwandelt. Man erkennt sogar Schneiders Hang zu einer spezifisch österreichischen Müdigkeit beim Sprechen. Dieses Gefühl, dass eh alles wurscht ist. Außer der nächste Film. Oder das nächste Glas Wein.

Von dem Journalisten Jürgs (schneidend zynisch gespielt von Robert Gwisdek) mit Alkohol versorgt, öffnet sich die Schauspielerin. Sie erzählt vom Leiden an der Sissi-Festlegung, von den Versagensgefühlen als Mutter. Es entsteht das Bild eines Kindes, das sich selbst im Weltstar sucht. Einer verunsicherten, auch nervigen, sich von den Männern verlassen, von den Deutschen missverstanden und letztlich von allen ausgenutzt fühlenden Frau, in deren Gegenwart jedes Gegenüber zum Therapeuten wird – Hans-Jürgen Syberberg hat diesen Mechanismus bereits 1966 in seinem scharfsinnigen Essay-Film Romy – Portrait eines Gesichts beobachtet.

Ja, die Bilder laufen. Aber interessanterweise immer nur bis zum nächsten Lebeck-Bild, also von einem ikonischen Moment zum anderen. 3 Tage in Quiberon bleibt eine schauspielerisch und handwerklich virtuose Rekonstruktion. Ein filmästhetisches Malen nach Zahlen im erlesenen Schwarz-Weiß der Originalfotografie. Was dem Film zum Abheben oder zumindest zum Atmen fehlt, ist ein entschiedener Blick. Jedenfalls etwas anderes als die fast basisdemokratische Aufteilung der Erzählperspektiven und der Wahrnehmungsökonomie auf vier Figuren. Oder auch drei Anfänge: Gemeinsam mit Romy Schneider, die mit dem Rücken zur Kamera sitzt, blicken wir von einer Terrasse aufs Meer, entdecken die Szenerie des Kurhotels. Schneiders Kindheitsfreundin Hilde, gespielt von Birgit Minichmayr, kommt mit dem Taxi im Hotel an, schaut sich neugierig um, läuft von der Rezeption ins Zimmer der komatös schlafenden Romy. Schließlich gesellt sich die Kamera zu dem Journalisten und dem Fotografen, die in der Hotelbar auf Drinks, Romy und die Story warten.

Und so handelt 3 Tage in Quiberon von allem ein bisschen. Da sind die zwielichtigen Methoden und indiskreten Fragen eines Gesellschaftsreporters, der Romy Schneider einmal mehr zu dem Opfer macht, das sie bleiben will. Da ist der Fotograf, dem das schlechte Gewissen anzusehen ist, angesichts des gemeinschaftlich mit dem Kollegen begangenen Akts des Voyeurismus. Da ist der Weltstar, der ein unprofessionell offenes Interview gibt und damit den beruflichen Missbrauch durch Mutter und Stiefvater zu wiederholen scheint. Und die beste Freundin, die das alles verhindern will, aber nicht kann.

Diese Hilde, sagenhaft pragmatisch gespielt von Birgit Minichmayr, ist die Warnerin, die Kassandra, die interessante Leerstelle, die eigentliche Projektionsfläche des Films. Minichmayr hat die Freiheit, einfach nur im Bild zu sein, während Marie Bäumer gar nichts anderes übrig bleibt, als immerzu einem Bild hinterherzuspielen. In den Augen von Hilde liegt eine Traurigkeit, ein Unwohlsein an sich selbst und der Situation. Ein Gefühl für etwas Tragisches, das über betrunkene Weltstars hinausgeht. In diesem Blick sieht man die Hinfälligkeit und Vergeblichkeit von Ruhm. Und dessen Faszination. Auch in einem Film über Romy Schneider geht es ja letztlich darum, von mehr als Romy Schneider zu erzählen.

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