Es ist, paradox genug, das Extrem, das die Normalität offenbart. Im Ausnahmezustand zeigen sich jene allgemeinen Gesetze der Informationsverbreitung und der Informationsverarbeitung, die das kommunikative Klima vernetzter Gesellschaften bestimmen.

Als Jens R. am vergangenen Samstag um 15.22 Uhr mit seinem VW-Bus in die Außenterrasse des Lokals Kiepenkerl in Münster rast, zwei Menschen tötet, mehrere verletzt und sich selbst erschießt, ist für einen Augenblick alles offen. Man spürt in den Ad-hoc-Stellungnahmen von Polizisten, manchen Politikern und Journalisten den unbedingten Wunsch, sich dem Flächenbrand der Erregung zu entziehen. Nur nicht vorschnell spekulieren! Was ist überhaupt passiert? Ein Terrorakt? Vielleicht der Anschlag eines Islamisten? Oder handelt es sich, wie es verharmlosend heißt, um einen erweiterten Suizid?

Aufschlussreich ist, dass sehr unterschiedliche Reaktionen von Anfang an nebeneinanderher laufen. Da ist zum einen die Polizei, die heute in den sozialen Netzwerken zunehmend selbst zum Publizisten wird, zum neuen Player und Pädagogen der Mediengesellschaft, der nicht mehr primär als passiver Informationslieferant agiert, sondern als eine Wahrheits- und Verifikationsinstanz eigenen Rechts. Es ist gerade mal 17.07 Uhr, als die Polizei in Münster den ersten ihrer vielen Aufrufe twittert, die um Zurückhaltung und Mäßigung werben.

Da sind zum anderen die Politiker, die vor pauschalen Schuldzuweisungen warnen. Da sind die Fernsehmacher, die unmittelbar auf Sendung gehen, beständig und manchmal bloß zum Zweck der rhetorischen Absicherung ihrer eigenen Spekulationen das Verbreiten von Spekulationen kritisieren. Und da sind die Journalisten, die zur "Social-Media-Gelassenheit" (Süddeutsche Zeitung) raten und Regeln gegen die drohende Panik formulieren: "Bevor ich etwas veröffentliche oder an meine Freunde schicke", heißt es etwa in Regel Nummer 2, "atme ich dreimal tief durch – und suche mindestens zwei verlässliche Quellen für die Information."

All diese Akteure wollen im Verbund mit einem sensibilisierten, auf präzise Einordnung setzenden Publikum zeigen, dass sie aus vergangenen Erregungsexzessen – dem Germanwings-Flugzeugabsturz, dem Amoklauf von München, den Reaktionen auf Anschläge in Europa und den USA – gelernt haben. Und doch: Es gibt, dies ebenso von den ersten Momenten an, auch die Gruppe derjenigen, die Falschmeldungen, Gerüchte und Verschwörungstheorien verbreiten, Zweifel an der Darstellung der klassischen Medien schüren, auch der Polizei nichts mehr glauben wollen und die Mär streuen, diese stecke mit Journalisten und Politikern beim Versuch, einen islamistischen Anschlag zu vertuschen, unter einer Decke.

Woran liegt es also, dass die Fraktion der Zündler, Scharfmacher und Panik-Profiteure doch so dominant erscheint? Widmen ihnen die klassischen Medien, vielleicht im Bemühen, Gerüchte als solche zu entlarven, zu viel Aufmerksamkeit, indem sie wieder und wieder die schlichte Tatsache der Netzpublizität ("Was auf Twitter gesagt wird ...") zum Nachrichtenfaktor erheben? Ist der Standardreflex, sofort an einen Anschlag eines islamistischen Fanatikers zu denken, Indiz einer diffusen Terrorangst?

Ich behaupte: Das Scheitern der Besonnenen hat systemische Gründe, ist Resultat eines Zusammenspiels unterschiedlichster Faktoren. Zum einen liegt es natürlich am Schrecken des Geschehens selbst, dem monströsen Rätsel sinnentleerter Gewalt. Zum anderen werden jedoch am Beispiel eines solchen Extremereignisses die Tiefeneffekte vernetzter Medien und die untergründig wirksamen Gesetze der digitalen Informationsordnung erlebbar, die die kollektive Erregung und die Relevanzverzerrung programmieren.

Das erste Gesetz: Information ist schnell, Wahrheit braucht Zeit

Was immer geschieht oder vermeintlich gerade passiert, wird sofort bekannt, aber ist ebendeshalb noch lange nicht verifiziert oder gar erklärbar. Und so bildet sich – mit jedem Anschlag, jedem Amoklauf, jeder plötzlich hereinbrechenden Katastrophe – eine Art Informationsvakuum, das mal mit Spekulationen zur Identität und zu den Motiven des Täters, mal mit frei erfundenen Behauptungen, dann wieder mit echten Nachrichten gefüllt wird. Ein paar Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit offenbaren die Gefahren der Falschmeldung unter diesen Bedingungen. Nach dem Boston-Attentat 2013 veröffentlichte die New York Post im Verlauf einer modernen Hexenjagd das Foto eines zu Unrecht Verdächtigten auf der Titelseite. Nach dem Absturz der Germanwings-Maschine wurden Psychologen, Journalisten und sogar ein Pizzabäcker, der den Piloten Andreas Lubitz kannte, zur Spekulation über seine Seelenlage animiert, einfach um mal wieder auf Sendung gehen zu können.

Im Nachgang der Amokfahrt von Münster kursierten angebliche Videobeweise einer Verschwörung von Politik und Massenmedien, darunter ein Bild, das angeblich den dunkelhäutigen Attentäter präsentierte. In Wahrheit jedoch handelte es sich um einen Mann, der in einem Netz-TV-Sender ein paar Sätze über Münster gesagt hatte. Das heißt allgemeiner betrachtet: Unter den aktuellen Medienbedingungen der Sofortveröffentlichung wird der Grundkonflikt allen Publizierens zwischen Geschwindigkeit und Genauigkeit in besonderer Schärfe aktualisiert. Der Netzphilosoph Peter Glaser hat diese Dynamik einmal zu der Formel verdichtet: "Information ist schnell, Wahrheit braucht Zeit."