Kein Schwein denkt über die Zukunft nach. Der Mensch schon. Er kann es, und er sollte es auch. Denn: Es ist jetzt an der Zeit, sich zu überlegen, ob wir wollen, dass unser Gehirn ans Internet angeschlossen wird.

Schritt für Schritt gelingt es der Wissenschaft, das Geheimnis Gehirn zu entschlüsseln. Zum Beispiel, um Kranken zu helfen. Über eine Computer-Hirn-Schnittstelle können Locked-in-Patienten sprechen, musizieren oder einen Roboterarm bewegen, mit dem sie etwas trinken oder Schokolade essen. Es ist großartig, welche Fortschritte an der Nahtstelle von Neuro- und Computerwissenschaften möglich werden.

Aber warum auf Kranke beschränken, was bei gesunden Menschen auch funktioniert? Technologiefirmen im Silicon Valley sehen darin den nächsten großen Markt. Sie wollen das menschliche Gehirn zur neuen Eroberungszone ihrer unternehmerischen Aktivitäten machen. Das Gehirn ist ganz schön gut. Aber es kann durch Technik noch besser werden. Dafür muss man es ein bisschen manipulieren und für die Zusammenarbeit mit neuester Technik vorbereiten, auf Neudeutsch: Brainhacking.

Vor einigen Monaten hat Facebook ein Projekt vorgestellt, mit dem es möglich werden soll, Nachrichten direkt ins Smartphone zu denken. "Wir arbeiten an einem System, das es euch erlauben wird, direkt aus eurem Gehirn heraus zu tippen, und zwar fünfmal so schnell, wie ihr heute auf euren Telefonen tippen könnt", schreibt Mark Zuckerberg in einem Blogpost. Schreiben per Gehirn geht schon heute, aber deutlich langsamer. Für ein paar Worte braucht man gerne mal ein paar Minuten. Einhundert Wörter pro Minute soll das Facebook-Gerät leisten können, das man außen am Kopf anlegt, um die neuronalen Signale des Gehirns auszulesen und in Text zu verwandeln.

Alles Science-Fiction von ein paar durchgeknallten Techies? Lehnen wir uns entspannt zurück und lassen die Gedanken zu Schönerem schweifen? Das wäre dumm. Menschen können sich die Zukunft vorstellen, aber sie liegen dabei oft ziemlich falsch. Gefragt nach dem ersten iPhone, das Apple-Chef Steve Jobs gerade vorgestellt hatte, brach Microsoft-Chef Steve Ballmer Anfang 2007 in einem Fernsehinterview in lautes Lachen aus: "Was? 500 Dollar für ein Telefon, das nicht mal für Geschäftsleute geeignet ist, weil es keine Tastatur hat?" Ballmer hatte gar nichts verstanden. Er hatte den Fehler gemacht, den so viele machen, wenn sie die Zukunft aus der Erfahrung der Gegenwart beurteilen.

Zehn Jahre später organisieren wir mit dem Smartphone unser ganzes Leben. Unsere Kühlschränke, Häuser, Autos sind ans Netz angeschlossen. Wir sind längst Cyborgs, nur dass die Schnittstelle zum Internet bislang noch in unserer Hand liegt.

Nun soll sie ins Gehirn wandern. Der Serienunternehmer Elon Musk arbeitet mit seiner Firma Neuralink daran, die Gehirne der Menschen in einer durch künstliche Intelligenz angereicherten Hirncloud zu vernetzen. So, wie es in der medizinischen Forschung längst gelingt, einzelne Nervenzellbereiche zu aktivieren und ihre Signale zu interpretieren, will Musk das bis 2050 im großen Stil für die Massenanwendung möglich machen. Das wäre dann der Eintritt in eine Welt, in der sich Gedanken im Wortsinne jederzeit direkt teilen lassen. Die Gedanken sind dann nicht nur frei. Sie sind vielmehr frei verfügbar für jeden, der sich an diese Hirncloud anschließt. Privatheit des Denkens? Fehlanzeige.

Gerade zeigt der aktuelle Datenskandal um Cambridge Analytica und Facebook wieder einmal, wie einfach es ist, Datenschutz außer Kraft zu setzen. Dafür müssen die Daten nicht einmal gehackt werden. Sorglose Zustimmung der Nutzerinnen und Nutzer zu technologischer Lebensleichtigkeit reicht aus. Wenn es möglich wird, Texte ganz einfach ins Handy zu denken, macht das unser Leben leichter. Aber es öffnet auch das Tor zum Gehirn für viele, die dort lieber nicht mitlesen sollten.

Wenn es gelingt, das Gehirn ans Internet anzuschließen, wird das in der Entwicklung der Menschheit einen Schub auslösen, der den Menschen verändert. Wer Gedanken auslesen kann, hat einen nahezu unbegrenzten Zugriff auf das Individuum, auf das Innerste der Persönlichkeit. Und wo sich Gedanken aus dem Gehirn lesen lassen, da lassen sie sich im Umkehrschluss auch hineinschreiben. So kann man Informationen, Erfahrungen und Erinnerungen speichern und eine Persönlichkeit umschreiben.

Wer lieber selbst Herrscher über sein Oberstübchen bleiben möchte, sollte wissen, dass mit dem Zugang zum Gehirn die Grenze zum Ich überschritten wird, zu Individualität und Freiheit. Ansonsten ergeht es ihm womöglich so, wie es der Computerwissenschaftler und KI-Forscher Marvin Minsky einmal beschrieben hat: "Wenn wir Glück haben, behalten uns die Maschinen als Haustiere." Wir hätten dann aber nicht Schwein, wir wären es.