Es ist schon befremdlich, wie man in Deutschland dem bizarren Charme des katalanischen Separatisten Carles Puigdemont erliegt. Da wird der ehemalige Regionalpräsident, den die deutsche Polizei kurz in Auslieferungshaft genommen hatte, vom Oberlandesgericht Schleswig vorläufig auf freien Fuß gesetzt – und sogleich fordert die Bundesjustizministerin Katarina Barley: "Man wird jetzt auch über die politischen Komponenten reden müssen."

Der Chef der Grünen, Robert Habeck, bot sogar das Bundesland Schleswig-Holstein als Vermittler im Konflikt zwischen Madrid und den Separatisten an. Schließlich habe man ja im Land zwischen den Meeren gelernt, wie man "Leid, Tod und Hass" zwischen Deutschen und Dänen überwinden könne. Als Puigdemont nach seiner Freilassung in Berlin auftrat, wurde er als sanfter Rebell gefeiert, und seine Begleiter wurden als "katalanische Exilpolitiker" bezeichnet, ganz so, als sei Spanien eine Diktatur.

Puigdemont ruft zum Dialog auf – nichts als leere Worte

Man könnte all das als Besserwisserei abtun oder als unwiderstehlichen Drang, den vermeintlichen Underdog zu idealisieren. Doch die Sache ist ernster. Deutschland riskiert, in einen Konflikt hineinzugeraten, der hochexplosiv ist – für Spanien und für die gesamte EU.

Fangen wir bei der Gegenseite an, bei Mariano Rajoy. Der konservative Regierungschef hat es gewiss versäumt, den Katalanen zur rechten Zeit zu signalisieren, dass er ihre Wünsche nach mehr Autonomie ernst nimmt. Er hat nicht verstanden, dass Politik auch aus Symbolen besteht, aus Gesten und vielen guten Worten. Im Kern aber hat er getan, was jeder europäische Ministerpräsident tun würde und tun muss: Er hat die Verfassung und die Demokratie verteidigt, gegen Puigdemont und dessen Anhänger.

Die Separatisten haben im vergangenen Herbst mutwillig die spanische Verfassung gebrochen, als sie ein sogenanntes Referendum über die Unabhängigkeit Kataloniens abhielten; sie haben die Institutionen der spanischen Demokratie mit Absicht beschädigt und den sozialen Frieden im Land gefährdet. Rajoy konnte gar nicht anders, als ihnen Grenzen zu setzen. Verfassungen sind keine toten Paragrafen. Sie definieren die Grundregeln einer Gemeinschaft und ermöglichen den Bürgern, sich in Freiheit zu entfalten. Die spanische Verfassung ist dafür ein gutes Beispiel. Sie wurde 1978 nach fast vier Jahrzehnten Diktatur verabschiedet und ebnete Spanien den Weg in den Kreis demokratischer Staaten. Die Verfassung, die Puigdemont gebrochen hat, ist eine Erfolgsgeschichte. Den Katalanen ging es noch nie so gut wie heute, auch dank dieser Verfassung. Sie sind kein unterdrücktes Volk, und Puigdemont ist kein politisch Verfolgter. Auch wenn die Reaktionen der spanischen Justiz auf die Separatisten überhart sind, ändert das nichts daran, dass Spanien ein Rechtsstaat und eine konsolidierte parlamentarische Demokratie ist.

Ob Puigdemont ein Träumer ist oder ein Fanatiker, sei dahingestellt – jedenfalls hat er sehr viel Schaden angerichtet, vor allem in seiner eigenen Region. Er hat die Katalanen tief gespalten. Seit Amtsantritt hat er mit seinen Verbündeten mit verbissener Leidenschaft die Abspaltung von Spanien betrieben – gegen den erklärten Willen der Hälfte der Katalanen, gegen die Verfassung, gegen jede politische Vernunft. Er hat einen Sprengsatz gelegt, der weit über Spaniens Grenzen hinaus wirken kann. Sein Projekt steht der europäischen Einigung diametral entgegen – er ist ein nationalistischer Spalter.

Und wenn er nun in Berlin zum Dialog aufruft, sind das bislang nichts als leere Worte. Puigdemont spielt erkennbar auf Zeit. Er wird versuchen, so lange durch Europas Hauptstädte zu geistern, bis er sein Ziel erreicht hat: den Konflikt mit Spaniens Regierung zu internationalisieren. Das aber darf Deutschland nicht zulassen. Der Konflikt um Katalonien ist eine innerspanische Angelegenheit.

Warum könnte der Plan Puigdemonts ausgerechnet hierzulande aufgehen? Warum wird bei ihm der Nationalismus überhört oder nach Kräften beschwiegen? Warum wird er romantisiert, obwohl er in der Sache auch nicht anders spricht als der Ungar Viktor Orbán oder der Pole Jarosław Kaczyński?

Weil die Figur Puigdemont offenbar eine deutsche Sehnsucht bedient, die in allen politischen Lagern verbreitet ist – die Sehnsucht nach Rebellion, nach einer Rebellion ohne Sinn. Es ist der Wunsch des Biedermanns, auch einmal Brandstifter sein zu dürfen.

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