DIE ZEIT: Herr Schreiber, Sie sind aufgrund Ihrer arabischen Sprachkenntnisse ein Wandler zwischen den Welten. Gehört der Islam nun zu Deutschland oder nicht?

Constantin Schreiber: Ich kann diesen Satz nicht mehr hören und halte ihn – auch wenn sie ihn nicht originär geprägt hat – für einen typischen Merkel-Satz.

ZEIT: Ursprünglich stammt er von Christian Wulff ...

Schreiber: ... genau, die Kanzlerin hat ihn sich zu eigen gemacht. Aber er hilft der Debatte nicht weiter. Wenn ich sage, der Islam gehört zu Deutschland, so what? Was bewirkt das? Vielleicht bin ich zu praktisch veranlagt. Ich halte es für die Aufgabe der Politik, die Zukunft zu gestalten – das vermisse ich. Es ist doch klar, dass sich die Probleme muslimischer Zuwanderung nicht von allein lösen werden. Wir haben heute in Deutschland Schulen mit einem Anteil von bis zu 90 Prozent muslimischer Migrantenkinder. Ich habe solche Schulen besucht und erlebt, welche Probleme das mit sich bringt. Die demografische Welle, die sich dort aufbaut, wird in fünf oder zehn Jahren noch eine ganz andere, stärkere Dynamik haben. Statt sich an einem Islam-Satz abzuarbeiten, sollte die Politik ihre Energien auf die Integration selbst lenken.

ZEIT: Aber was ist Ihr Eindruck: Welche Rolle spielt der Islam in Deutschland?

Schreiber: Ich habe neulich für einen Tweet Schelte bekommen, der lautete: "Wie viel Deutschland gehört denn zum Islam?" Also: Was findet letztlich von den Werten, die unser Land ausmachen, in den Moscheen und auch in der islamischen Theologie in Deutschland statt? Diese Frage lässt sich viel besser beantworten als die nach der Zugehörigkeit des Islams zu Deutschland.

ZEIT: Nämlich wie?

Schreiber: In den Predigten, die ich gehört habe, kam Deutschland entweder gar nicht vor – oder als etwas, das man ablehnt, weil es eine Bedrohung für die Reinheit des muslimischen Glaubens darstellt.

ZEIT: Warum wurde Ihr Tweet kritisiert?

Schreiber: Es wurde mir vorgeworfen, dass es unanständig sei, eine Bringschuld bei den muslimischen Zuwanderern zu sehen. Meine Frage sei diskriminierend. Ich habe zwar auch Zuspruch bekommen, aber die Kritik an dem Tweet war symptomatisch für das, was mir auch nach der ersten Staffel Moscheereport und meinem Buch Inside Islam entgegenschlug: der Verdacht, ich wolle Muslime schlechtmachen.

ZEIT: Ich habe mir Ihre Filme angeschaut und muss sagen: Ich kann da auf muslimischer Seite wenig Anstößiges entdecken. Sie durften filmen, die Imame waren zugänglich, selbst der Imam, der von der Tonart am aggressivsten wirkte, war voller Respekt für Deutschland: Es gewähre Muslimen mehr Freiheiten als das Land, aus dem er selber komme. Worauf beruht also Ihr kritisches Urteil?

Schreiber: Darauf, dass einige Moscheen, die ich besucht habe, hierzulande eine Botschaft der Abgrenzung vermitteln. Meine Recherche hat ja 2015/2016 stattgefunden, und ich hätte erwartet, dass in irgendeiner Predigt thematisiert werden würde, wie unglaublich viele Menschen in Deutschland sich für syrische, für arabische, für muslimische Flüchtlinge einsetzen.

"Eine Theologie der Abschottung"

ZEIT: Man hätte über die Gastfreundschaft der Deutschen predigen sollen?

Schreiber: Anstatt den Muslimen zu sagen: "Werdet Teil dieser Gesellschaft", hieß es: "Haltet euch von der westlichen Lebensweise fern. Seid nicht mit Christen befreundet. Geht raus und versucht zu missionieren." Das waren – vorsichtig ausgedrückt – die Aufforderungen. Besonders krass fand ich die Aussage: "Ihr könnt nicht Muslime und Demokraten zugleich sein." Die Predigten, die wir angemeldet filmten, hatten eine moderatere Tonalität. Das Phänomen kennt man als Journalist auch von Gesprächen mit Politikern und Wirtschaftsvertretern: Sobald eine Kamera dabei ist, wird anders gesprochen – ein ganz normaler menschlicher Vorgang. Bei manchen Predigten fiel mir selber erst hinterher auf, wo das Problem lag. Zum Beispiel beim Thema Gerechtigkeit.

ZEIT: Gegen Gerechtigkeit ist wenig einzuwenden.

Schreiber: Aber was als gerecht gilt, das ist von Land zu Land unterschiedlich. In einem Taliban-Staat ist es gerecht, wenn Frauen gesteinigt werden, weil sie angeblich Ehebruch begangen haben. In Saudi-Arabien ist es gerecht, dass man einem Dieb die Hand abhackt. In Deutschland ist genau das nicht gerecht und entspricht auch nicht unserem Verständnis von Gerechtigkeit. Es wird also vom Imam ein Wort in den Raum geworfen, und wenn man es kritisch hinterfragt, heißt es: Was willst du denn, der Imam sagt doch nur, man soll gerecht sein! Natürlich ist es ein positiver Begriff für uns, aber jeder versteht darunter etwas anderes. Die Unterscheidung mag pingelig erscheinen, ist aber keine Kleinigkeit.

ZEIT: Woher wissen Sie, dass die Predigten anders klangen, wenn die Kamera nicht dabei war?

Schreiber: Ich habe mit Predigern und Moscheebesuchern auch ohne Kamera gesprochen. Und ich habe mit einem arabischen Kollegen zusammengearbeitet, der nach mir noch mal in dieselbe Moschee in Neukölln ging und berichtete, wie ein anderer Prediger viel konservativere, härtere Lehren verbreitete ...

ZEIT: ... aber es war dieselbe Moschee ...

Schreiber: ... genau, und wegen des zweiten Besuchs hatten wir dann tatsächlich eine rechtliche Auseinandersetzung mit der Gemeinde.

ZEIT: Für Sie war der Ton in Berlin-Neukölln bezeichnend für etwas, was Sie woanders auch beobachten konnten?

Schreiber: Ja, für eine Theologie der Abschottung, für den Wunsch, sich eben nicht zu integrieren.

ZEIT: Wie kamen Sie überhaupt zu Ihrem kritischen Ansatz? Bis dahin hatten Sie viel in der arabischen Welt gearbeitet und waren eher als "Flüchtlingsversteher" bekannt.

Schreiber: Ich bin nicht mit einem kritischen Ansatz an das Projekt herangegangen, sondern mit einem sehr offenen. Es gibt so viele Moscheen in Deutschland, und ich kenne so viele Deutsche, die es sehr interessiert, wie es dort ist und was gesprochen wird, die aber nie hingehen würden. Entweder weil sie Angst hätten zu stören. Oder weil sie die Predigt doch nicht verstehen könnten. Ich habe angefangen zu recherchieren und festgestellt, dass es, auch im wissenschaftlichen Bereich, zu diesem Thema fast nichts gab.

ZEIT: Einer Ihrer Kritiker, der Islam-Experte Rauf Ceylan, bestreitet das. Er sagte in der Neuen Osnabrücker Zeitung: "Ich habe schon 2010 ein Buch genau zu diesem Thema veröffentlicht. Dazu habe ich über 250 Vorgespräche geführt und dann systematisch mit 44 Imamen gesprochen" – das hätten Sie an keiner Stelle erwähnt.

Schreiber: Ich weiß, welches Buch er meint, ich habe es sogar zu Hause. Ceylan hat über Imame geschrieben und mit ihnen gesprochen: wo sie herkommen, was sie für eine Theologie mitbringen. Mir ging es jedoch um die Inhalte der Predigten. Das ist nicht das Gleiche. Aber mein Ansatz erklärt, glaube ich, auch die ablehnende Reaktion der deutschen Islamwissenschaft auf meinen Report: Da kommt ein Journalist und stellt diese naheliegende, viel zu einfache Frage ...

ZEIT: ... was in Moscheen in Deutschland gepredigt wird?

Schreiber: Ja! Man fragt sich doch, wozu man all diese Islamwissenschaftler braucht, wenn sie das nicht wissen.

"Der Shitstorm hat mich überrascht"

ZEIT: Der Hauptvorwurf war ja, Sie hätten sich nur 13 von – man weiß es nicht genau – etwa 2.500 Moscheen in Deutschland angeschaut.

Schreiber: Richtig: Man weiß es nicht genau.

ZEIT: Deshalb ist die Frage umso berechtigter, ob Sie mit den 13 Moscheen tatsächlich einen repräsentativen Querschnitt darstellen.

Schreiber: Das Wort repräsentativ benutze ich nicht. Das Buch ist eine Reportage, keine Studie. So wie ich als Journalist eine Reportage über das Zugfahren schreiben kann, ohne in jedem Zug gesessen zu haben, kann ich eine Reportage über Moscheen in Deutschland schreiben, ohne in allen gewesen zu sein.

ZEIT: Trotzdem: Was gibt Ihnen die Sicherheit, dass Ihre 13 Erlebnisse in den Moscheen typisch für viele Moscheen in Deutschland waren?

Schreiber: Die ausgewählten Moscheen waren nicht radikal. Wenn man nur mal ein bisschen googelt und Videos anschaut, findet man viel Schlimmeres, was in deutschen Moscheen offenbar gepredigt wurde, etwa gegen Frauen oder gegen Homosexuelle.

ZEIT: Es kommen – zumindest in Ihrem Buch – als Kritikpunkte an den Moscheen noch dazu: die Feindschaft gegenüber bestimmten Volksgruppen wie Jesiden, Armeniern und Juden; außerdem in türkischen Moscheen auch politische Botschaften.

Schreiber: Das ist richtig: pro Erdoğan.

ZEIT: Als Sie das vor einem Jahr veröffentlichten, erlebten Sie einen Shitstorm – so haben Sie es selbst mehrmals beklagt.

Schreiber: Denn es hat mich überrascht. Zuvor hatte ich schon Erfahrungen mit Shitstorms von rechts gemacht, wegen meiner Flüchtlingssendung Marhaba – Ankommen in Deutschland ...

ZEIT: ... für die Sie den Grimme-Preis gewonnen haben und auch als "Gesicht der Willkommenskultur" verspottet wurden.

Schreiber: Genau, das war 2016, ich moderierte auf Deutsch und Arabisch. Da war der Vorwurf, dass ich das Abendland islamisieren oder arabisieren möchte. Die rechten Gruppen pflegten einen äußerst aggressiven Ton. Da hieß es: "Ich knall dich ab", "Ich steche dich ab", "Ich werde dich finden" und so weiter. Die Reaktionen auf den Moscheereport waren subtiler, aber auch perfider. Sie kamen vor allem von Islamwissenschaftlern und Journalisten. Die unterstellten mir Islamfeindlichkeit, aber kaum jemand sagte so direkt: "Du hast den Islam schlechtgemacht." Stattdessen wurde meine Arbeit als unseriös abgewertet.

ZEIT: In einem Ihrer Filme war tatsächlich ein Fehler. Da wurde das Wort "Türken" mit "Soldaten" übersetzt.

Schreiber: Das war eine fehlerhafte Arbeitsversion, die versehentlich ins Netz gestellt wurde. Wir haben sie innerhalb von zehn Minuten wieder zurückgezogen, aber da war sie schon runtergeladen worden und kursierte. Eklatanter waren die Vorwürfe, ich sei wie ein Kolonialherr in die Moscheen gegangen, ich hätte eine antimuslimische Agenda, und mit der wolle ich Geld verdienen.

ZEIT: Welcher Vorwurf trifft Sie am meisten?

Schreiber: Mich trifft, dass meine Kritik nicht richtig ernst genommen wird. Es müsste doch egal sein, ob ich in 13, 100 oder 200 Moscheen war. Wenn es in einer Predigt heißt: "Du kannst nicht Muslim und Demokrat sein", oder: "Deutschland will dich auslöschen" – dann müsste doch jeder Mensch mit einem funktionierenden rechtsstaatlichen Kompass sagen: Das darf nicht sein! Stattdessen wurde es relativiert und verwässert. Die Kritik war nicht so stumpf wie bei den Rechten, sondern indirekt.

ZEIT: In der taz hieß es, Sie seien nun das Gesicht der "Misstrauenskultur" geworden.

Schreiber: Meine Freunde und Familie waren darüber richtig betroffen, mehr als ich selbst.

ZEIT: Das Online-Magazin Islam IQ, das sich Debatten rund um die muslimische Welt widmet, schrieb, Sie seien ein Rassist ...

Schreiber: Das war erst kürzlich, im Vorfeld der neuen Staffel des Moscheereports. Aber das ist ein Nischen-Magazin. Ich stehe da im inneren Widerstreit, weil ich so eine dämliche Äußerung nicht noch durch Aufmerksamkeit würdigen will.

ZEIT: Sie haben jedoch erfolgreich gegen die Deutsche Welle geklagt, das ist jener Sender, für den Sie auch selbst mal gearbeitet haben. Was hat Sie so erbost?

"Ein romantisierendes Bild vom Islam"

Schreiber: Kurz nach Veröffentlichung des Moscheereports bekam ich auf Facebook Hunderte Hassnachrichten aus dem Nahen Osten: "Mögest du in der Hölle schmoren" und Ähnliches. Ich war völlig überrascht, dann fand ich den Grund heraus. In einem Artikel der arabischen Redaktion der Deutschen Welle stand: "Constantin Schreiber bezeichnet Mourou als Islamisten."

ZEIT: Das war ein bekannter Imam aus Tunesien, den Sie in Berlin-Neukölln interviewt hatten.

Schreiber: Genau. Ich hatte jedoch nur geschrieben, dass er sich selbst als gemäßigten Islamisten bezeichnet. Das wurde zu der Behauptung verfälscht, ich würde ihn als Islamisten verunglimpfen. Der Sender Al-Dschasira griff das auf und pustete es in die gesamte arabische Welt. Da kriegen Sie richtig Feedback!

ZEIT: Man kann es sich vorstellen. Der Sender nahm dann auf Ihr Betreiben den Bericht von der Seite. War die Sache damit erledigt?

Schreiber: Nein. Ich bekam weitere Drohungen per Facebook. Und die Deutsche Welle veröffentlichte noch einen Artikel, der mir unter anderem unterstellte, ich hätte Aussagen von Islamexperten unterschlagen. Das war falsch, doch die Redaktion weigerte sich, den Artikel aus dem Netz zu nehmen.

ZEIT: Was haben Sie dagegen unternommen?

Schreiber: Mein Buchverlag und ich haben eine einstweilige Verfügung erwirkt. Trotzdem blieb der Text zunächst noch unkorrigiert im Netz. Ich will mich hier aber nicht zu sehr beschweren. Mir war schon klar, dass es heftige Reaktionen geben würde. Die muss man dann aushalten.

ZEIT: Haben Sie den Eindruck, dass man für einen Bericht über eine diskussionswürdige Predigt als "islamophob" abgestempelt wird?

Schreiber: Ja, sehr deutlich. Heute wird in Fachmedien gern ein märchenhaftes bis romantisierendes Bild vom Islam vermittelt. Gleichzeitig wird oft sehr kritisch über liberale muslimische Stimmen wie Ahmad Mansour oder Seyran Ateş geurteilt. Manche zweifelhafte Kritik bringt sie sogar in Gefahr.

ZEIT: Wie waren die Reaktionen von Kollegen?

Schreiber: Sehr kontrovers. Am schärfsten war die Mail, in der mir jemand schrieb: "Wir sorgen dafür, dass die Rundfunkräte dich loswerden wollen." Aber davon darf man sich nicht beeindrucken lassen. Häufiger bekam ich zu hören, ich würde Argumente liefern für jene, denen man keine Argumente liefern darf.

ZEIT: Können Sie diesem Vorwurf aus dem Lehrbuch der Political Correctness etwas abgewinnen?

Schreiber: Nein. Ich finde es hochproblematisch, wenn wir Berichte danach ausrichten, welche Personengruppe ihnen zustimmt oder nicht.

ZEIT: Haben Sie nicht auch Beifall von der falschen Seite bekommen?

Schreiber: Ich freue mich sicherlich nicht, wenn Beatrix von Storch mein Buch in der Hand hält und es ausdrücklich lobt.

ZEIT: Jetzt ist ein Jahr vergangen seit der ersten Staffel Moscheereport und Ihrem Buch Inside Islam. Haben Sie Ihre Herangehensweise geändert? Gibt es etwas, was Sie nicht noch mal machen würden?

Schreiber: Ich würde den Buchtitel Inside Islam nicht noch mal wählen.

ZEIT: Weil er zu reißerisch ist?

Schreiber: Ja. Ich hatte tatsächlich auch für das Buch nur den Titel Moscheereport vorgeschlagen. Ich glaube, ich wäre damit besser beraten gewesen, weil er den Reportage-Charakter stärker betont und keine Allgemeingültigkeit impliziert hätte.

ZEIT: Warum läuft Ihre neue Staffel Moscheereport zu einem so aktuellen Thema wie dem Islam in Deutschland jetzt nur auf Tagesschau24 und nicht im Ersten?

Schreiber: Darüber entscheidet die Programmdirektion in München.

ZEIT: Es wäre doch sicherlich ein Thema, das viele Zuschauer interessiert.

Schreiber: Soll ich Ihnen da widersprechen?

Mitarbeit: Karoline Kuhla