Der Fall Facebook & Cambridge Analytica löst einen Gemütszustand aus, von dem man immer wieder hofft, er würde reinigend wirken und die Verantwortlichen aufrütteln und zur Umkehr bewegen. Empörung und Wut scheinen klare Frontstellungen wiederherzustellen, Gut und Böse. Für den Moment sieht die Welt tatsächlich so aus wie im heute-journal: Politiker zitieren Manager entschlossen zum Rapport, denn es muss doch klar sein, wer Koch und wer Kellner ist. Allerdings ist nicht die Rede davon, den Datenkapitalismus ernsthaft zu regulieren. Das wäre eine noch langwierigere Sisyphusarbeit als die Zähmung der Finanzindustrie, und so inszeniert die Politik Gesten der Überlegenheit und schwingt in die medialen Gefühlswelten ein. In Wirklichkeit löst der Facebook-Skandal Resignation, tiefe, nachhaltige Enttäuschung aus, mit quälender Ungewissheit einhergehend. Das macht noch wütender.

Dummerweise hat keiner der Beteiligten in dieser Sache gegen geltendes Recht verstoßen. Datendeals gehören zum Geschäftsmodell, und dessen Modalitäten hat jeder Nutzer formell anerkannt. Auch Wahlwerbung darf optimiert werden, warum nicht? Gleichzeitig gibt es eine starke Intuition, dass zumindest mit diesem Deal etwas Unerhörtes geschehen ist. Recht und Moral klaffen also auseinander, und die Empörten wissen, dass sie selbst ein Bestandteil jener Form der Digitalisierung sind, die nun die Demokratie aufzulösen droht, mitschuldige Nutzer, freiwillige Lieferanten der neuen Rohstoffe. Man möchte so gerne mit dem Finger auf die Bilder Zuckerbergs oder Trumps zeigen, aber irgendwie scheinen es Spiegel zu sein, in denen das eigene Konterfei aufblitzt. So präzise ist die Trennung zwischen Täter und Opfer nicht mehr.

In einer Hinsicht hat der Skandal Naivität beseitigt: Niemand kann mehr glauben, dass abgeschöpfte Daten bloß kommerziellen Zwecken dienen, nur die Konsumwelt bunter machen. Der Datenkapitalismus wird jetzt politisch, und zwar nicht, weil er Demokratie in klassischer Manier mit Gier und Geld korrumpiert, sondern weil er deren partizipative Verfahren aushöhlt und umgestaltet. Schon das ist ein Schock, doch niemand kann sagen, wie weit diese Kraft reicht und ob die Umgestaltung zwangsläufig geschieht. Man kann nicht seriös behaupten, dass smarte Wahlwerbung tatsächlich Wahlen entscheide, auch ob die schlauen Stupser der Verhaltenswissenschaft genau so wirken wie beabsichtigt, bleibt eine offene Frage.

Es ist vermutlich das Gift genau dieser Ungewissheit, das entmutigend wirkt, klare Gegenmaßnahmen der Politik verzögert und damit die Demokratie noch stärker auffrisst als Facebooks Machenschaften. Die Lage lässt eigentlich nur drei Reaktionsmöglichkeiten zu: Der Demokrat glaubt, dass alle demokratischen Wahlen manipuliert seien und damit nichtig, oder er hält alle anderen für verblendet, nur sich selbst nicht, oder er hält das Gerede über Cambridge Analytica für übertrieben und vertraut weiter auf die aufklärende Widerstandskraft seiner Kultur. Nach Lage der Dinge wirkt keine dieser Haltungen sonderlich überzeugend.

Dass "ich" mich als politisches Subjekt gegenüber der Digitalisierung verhalten könne, als sei die Digitalisierung nur eine neue Technik oder eine neue Schweinerei des Kapitalismus, dass "ich" mich als bloßes Opfer fühlen darf oder alle neuen Probleme an die Politik delegieren kann, funktioniert nicht länger. Die Welt, die Daten als Ressource benötigt, definiert das politische Subjekt neu, aber nicht vollständig anders. Das digitalisierte "Ich" ist heute ganz offensichtlich in die gesellschaftlichen Systeme der Ökonomie und der Politik auf nachhaltigere Weise verstrickt als zuvor. Man könnte auch sagen, Digitalisierung ist ein neues Regiment der Anwesenheit, denn die meisten digitalen Angebote sind per se auf Partizipation, Mitgestaltung oder zumindest Mitreden angelegt. "Ich" bin dabei, sobald ich einen algorithmischen Avatar ins Leben entlassen habe, willentlich oder nicht, und auch der ist künftig Bestandteil meiner politischen Subjektivität.

So gesehen trägt die westliche Demokratie an Fällen wie Facebook eine Zweideutigkeit aus, die sie selbst zugelassen hat. Es kommt nun darauf an, welche Deutung sich in der Gesellschaft als unumstößliche Wahrheit über die Zukunft der Demokratie durchsetzt. Was glauben "wir Demokraten", wie weit Facebooks Einfluss reicht und inwieweit Wahlen noch frei seien? Diese geteilte Überzeugung ist von tatsächlicher, man möchte sagen existenzieller Bedeutung, denn es gibt keinen Supervisor, der sagt, was in dieser Sache wirklich zutrifft, keine letzte Instanz, keinen Internetphilosophen, Soziologen oder Bundespräsidenten. In den angelsächsischen Ländern ist das Misstrauen gegenüber Wahlausgängen tiefer als hierzulande, seit Bush junior die Wahlmaschinen von Florida auf seiner Seite wusste und seit die Brexit-Kampagne der Spielplatz von finanzstarken Fanatikern wurde. Wahlen sind von vornherein manipuliert, das ist dort die Gewissheit vieler Liberaler – aber wenn das alles nur Scheinveranstaltungen sind, ist die wichtigste Legitimitätsquelle der westlichen Demokratie verdorben. Keiner muss sich dann mehr an die Regel halten, wonach das unterlegene Lager nach einer angemessenen Frist des Zähneknirschens den Sieg der anderen akzeptiert und zur Tagesordnung der Opposition übergeht.