Für einen Jäger ist Christian Sewing eigentlich viel zu jung. Die größte Gruppe der männlichen Jäger hierzulande (Frauen sind in der Gilde eher schwach vertreten) ist im Alter 65 plus. Sewing aber hat erst die 47 erreicht. Und wirkt noch einmal fünf Jahre jünger, dem eifrigen Tennisspielen sei Dank. Trotzdem schrieb der am Sonntag frisch gekürte neue Chef der Deutschen Bank gleich zum Amtsantritt an alle Mitarbeiter einen Motivationsbrief. Darin kündigte er "harte Entscheidungen" an und forderte im Wesentlichen eines: Die Bank solle die "Jägermentalität" zurückgewinnen.

Die Formulierung lässt sanftes Gruseln aufkommen – erinnert sie doch ein wenig an AfD-Chef Alexander Gauland, mit 77 Jahren im besten Jägeralter, der nach dem Einzug in den Bundestag vor einem halben Jahr in Richtung der Kanzlerin rief: "Wir werden sie jagen." Doch gleich nach dem Gruseln ob der Wortwahl folgt die Irritation ob der Bedeutung dieser Worte im Fall der Deutschen Bank: Ist es wirklich fehlendes Jagdfieber, was die Bank in die Misere getrieben hat? Oder ist es nicht eher so, dass gerade der stets gut ausgeprägte Jagdtrieb die Schwierigkeiten mitverursacht hat? Und dass seit Jahren etwas ganz anderes vonnöten ist: ruhiges, kühles Nachdenken, um schließlich die Jäger klug in die richtigen Reviere umzulenken?

Wer sich die Entwicklung der Deutschen Bank über die vergangenen zehn Jahre anschaut, kann nur zu einem Schluss kommen: Es fehlt der Deutschen Bank nicht an Jägern, sondern an Jagdführern. Man könnte auch generell sagen: Es fehlt an Führung.

Das Haus ist tief zerstritten. Das gilt zum einen für die zwei Gruppen in der Bank, die seit eh und je im Clinch miteinander liegen: coole, aber gefährliche Investmentbanker auf der einen Seite und biedere, aber verlässliche Privatkundenbetreuer auf der anderen Seite. Es gilt zum anderen für die illustre Investorenschar der Bank, zu denen ebenso ein amerikanischer Vermögensverwalter gehört wie ein chinesischer Mischkonzern und die Scheich-Familie Al-Thani aus Katar.

Und es gilt für die Führung, die in einer denkwürdigen Sonntagabend-Aktion teils beseitigt und teils neu aufgestellt wurde. Dass diese Sitzung vier Stunden dauerte, zeigt, dass die Sache umstritten war. Dass die Entscheidung für den neuen Chef dem Vernehmen nach nicht einstimmig fiel, macht deutlich, dass der Aufsichtsratsvorsitzende und starke Mann der Bank, Paul Achleitner, die anderen Aufseher nicht mehr alle überzeugt.

Derzeit jagt man sich innerhalb der Deutschen Bank vorzugsweise gegenseitig. Schließlich muss es ja irgendeinen Schuldigen geben dafür, dass die Aktie im vergangenen Jahr fast ein Drittel an Wert verloren hat und dass es eigentlich seit Jahren nur abwärtsgeht. Als wären seit der Finanzkrise nicht schon zehn Jahre vergangen. Für schuldig befunden wird immer der andere: der Vorgänger, der Nachfolger, der Konkurrent. Eines ist für Manager bei der Deutschen Bank ganz klar: Ich war es nicht.

Die Zerstrittenheit führt dazu, dass der neue Chef schon jetzt – ohne dass er etwas getan hätte – nicht als Hoffnungsträger erscheint, sondern als Symbol dafür, was schiefläuft.

Das liegt gar nicht an Christian Sewing selbst. Sewing könnte das sichtbare Zeichen einer Neuausrichtung sein: Er ist nämlich ein deutscher Banker wie aus dem Geschichtsbuch seines Konzerns, und zwar aus der Zeit, als die Bilder noch schwarz-weiß waren. Pflichtbewusst, nüchtern, bodenständig. Ein Ostwestfale, der seine Karriere nach dem Abitur mit einer Banklehre in einer Filiale der Deutschen Bank in Bielefeld begann. Später studierte er berufsbegleitend.

Fast sein gesamtes Berufsleben lang ist Sewing Deutschbanker gewesen, auch wenn es ihn rein örtlich – anders als die Bankangestellten von einst – durch die Welt trieb. Nie hat er als Investmentbanker gearbeitet. Die Londoner und New Yorker Welt der hochbegabten Spielertypen ist nicht seine. Das macht ihn aus Sicht vieler Frankfurter erst einmal sympathisch. Dazu passt, dass ein ungewohnt lautes Lob zur Personalie von einem Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank kam. Und die würde, sollte jemals eine Olympiade der Bodenständigkeit abgehalten werden, ohne Zweifel den Medaillenspiegel anführen.