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Ich bin in den 1980er Jahren aufgewachsen. Damals glaubten die Konservativen, der Kalte Krieg sei zu gewinnen. Einwanderung war gut, Protektionismus war schlecht, die Wahrheit war nicht relativ, moralische Integrität war wichtig, und es gab da diese Sache, die "freie Welt", für die es sich einzutreten lohnte. Am Ende des Jahrzehnts war die Berliner Mauer gefallen, und die US-Wirtschaft boomte. Kein Wunder, dass sich die Konservativen bestätigt fühlten. Das zog einen politisch interessierten Teenager wie mich in ihr Lager.

Heute sind meine Kinder in dem Alter, in dem ich in den 1980er Jahren war. Was verbinden sie aus amerikanischer Sicht mit Konservatismus?

Ganz einfach: einen krankhaft verlogenen Präsidenten, der instinktiv auf Schwächere losgeht und sich aufführt wie ein Kneipenkasper. Einen Slogan, "America first", der von den isolationistischen und antisemitischen Strömungen vor dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg übernommen wurde. Demagogische Veranstaltungen, auf denen die Anhänger des Präsidenten gegen die Medien als "Feinde des amerikanischen Volks" wettern. Er steht für eine Waffenkultur, der zuletzt 17 Schüler und Lehrkräfte an einer Highschool in Florida zum Opfer fielen. Er bedeutet Handelskriege, Grenzmauern und die grausame Trennung von Familien durch erzwungene Abschiebungen.

Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, reicht aber aus, dafür zu sorgen, dass meine Kinder in nächster Zukunft keine Konservativen werden, zumindest nicht politisch. Ich kann es ihnen nicht verübeln.

Aber es ist auch ein Jammer, vielleicht sogar eine Tragödie, denn keine Demokratie kann ohne eine moralisch integre und intellektuell gut gerüstete konservative Bewegung gesund bleiben. Heute haben die Vereinigten Staaten keine, und es ist unwahrscheinlich, dass sie auf absehbare Zeit wiedererstehen wird. Die jüngsten Wahlen in Italien zeigen, dass auch andere westliche Demokratien in dieser Gefahr sind. Statt einer politischen Landschaft, in der sich die Ränder in Richtung Zentrum biegen, erleben wir eine, in der sich das Zentrum in Richtung der Ränder biegt. So gehen Demokratien zugrunde.

Worum also sollte es beim Konservatismus gehen? Laut gängiger Definition ist Konservatismus die Politik von Ordnung, Tradition und Bedachtsamkeit. Allerdings wird Konservatismus in einem aus dem Liberalismus gewachsenen Staatswesen wie in den USA immer etwas anderes bedeuten, denn die grundlegende Ordnung, die die Konservativen bewahren wollen, ist ihrem eigenen Wesen nach nicht konservativ.

Der kluge Konservative löst dieses Paradox dadurch auf, dass er sich für eine Politik liberaler Zwecke und konservativer Mittel einsetzt. Der Zweck ist das Recht des Einzelnen, das größtmögliche Maß an persönlicher Freiheit zu genießen, ohne die Rechte seines Nachbarn einzuschränken. Die Mittel sind Institutionen – Familie, Kirche, Militär, Bürgerinitiativen, Unternehmen, der freie Markt –, die dazu beitragen, Bürger zu aufgeklärter Selbstverwaltung zu befähigen. Sich um des Konservatismus willen für den Konservatismus starkzumachen, ist atavistische Torheit. Aufgabe des Konservatismus ist es, den Menschen das moralische und intellektuelle Rüstzeug zu geben, das sie benötigen, um ihr Geburtsrecht als freie Menschen bestmöglich wahrnehmen zu können.

Das bedeutet auch, dass kluge Konservative besser als ihre linksgerichteten Zeitgenossen wissen, wie zerbrechlich die liberale Ordnung ist. Liberale Demokratien entstehen nicht über Nacht – diese schmerzhafte Lehre musste Amerika in Afghanistan und dem Irak machen. Zudem sind sie deutlich anfälliger für Vernachlässigung, Verfall, Unterwanderung oder Umstürze, als es die meisten Menschen gerne glauben würden. Man sehe sich nur Ungarn oder Polen an.

Freie Gesellschaften haben Feinde – die Kräfte der Revolution und der Reaktion, des linken und rechten Populismus, Utopien und Stammesdenken. Die zentrale Aufgabe des Konservatismus besteht darin, den Liberalismus vor diesen Feinden zu schützen – auch wenn das manchmal bedeutet, Liberale vor sich selbst schützen zu müssen.