Es gibt eine tolle Szene, um zu erklären, warum Felix Jaehn nicht irgendein Knilch ist, der mit Plattenauflegen Millionen scheffelt, sondern eine stilprägende Figur des gegenwärtigen Kulturbetriebs. Die Szene findet sich in der NDR Talk Show vom 23. Februar, Barbara Schöneberger, die Moderatorin, zieht gerade bei ihrem verkaufsfördernden Gesprächsstil noch ein bisschen an, schließlich muss der junge Mann aus Hamburg den Leuten erst mal vermittelt werden. Jaehn, 23, DJ. Sein erster Hit Cheerleader war sechs Wochen lang in den USA auf Platz eins (Sensation!), er bekam für seine Songs bisher 15-mal Gold und 60-mal Platin. Er legt überall auf, in London, in Shanghai, auf Ibiza.

"Jeder siebte Mensch hat rein rechnerisch schon mal ein Lied von ihm gehört", sagt Schöneberger, damit klar ist, wen man vor sich hat, und Jaehn erklärt, wie anstrengend das ist, durch die Welt zu jetten, und wie gut es ist, dass ihn beim Auflegen die Leute nicht mehr mit Songwünschen nerven. Irgendwann sagt Elke Heidenreich, die auch zu Gast ist und neben Senta Berger sitzt und sich von der Jeder-Siebte-kennt-den-Statistik nicht hat einschüchtern lassen, Elke Heidenreich sagt: "Ich verstehe das nicht."

Jaehn: "Welchen Teil verstehen Sie nicht?"

Heidenreich: "Alles."

Und dann erklärt Jaehn, wie das funktioniert – ein DJ-Set. Dass er die Songs anderer Künstler zu einer Collage vermengt, aber auch eigene Stücke spielt. Schöneberger sagt: "Du bist eigentlich ein Dienstleister", da zuckt Jaehn kurz ein bisschen, aber ja, er ist auch ein Dienstleister, und wenn er für David Guetta, den erfolgreichsten DJ der Welt (Abendgage bis zu 400.000 Dollar), in Miami den Einpeitscher geben darf, dann sorge er dafür, "dass die Leute auch am Start sind".

Nach einer kurzen Einlassung von Senta Berger, die meint, früher habe man so schön zu zweit getanzt – "Wir sind aufgewachsen mit Samba, mit Mambo, mit Rock" –, stellt Heidenreich die Frage, die man einfach stellen muss, wenn man noch einen Rest hermeneutisches Grundbedürfnis bei der Kulturkonsumtion hat:

"Klingen diese Songs nicht alle gleich?"

Und Jaehn sagt: "Nein, wieso sollten sie? Es liest sich ja auch nicht jedes Buch gleich."

Da sind erst mal alle baff, es wird applaudiert, weil dieser 23-Jährige, so scheint es, die 75-jährige Literaturexpertin mit ihren eigenen Waffen geschlagen hat. Wir würden ja auch nicht sagen, alle Thomas-Mann-Romane klingen gleich, selbst wenn sie meistens von hilflosen Intellektuellen handeln – das war so ungefähr das Argument von Jaehn.

Das ist deswegen spannend, weil dieser Künstler genau deshalb so gut ist in seinem Job, weil er die Autorenstimme fast vollständig ausgelöscht hat. Ein Song von Felix Jaehn ist auf virtuose Weise unpersönlich, abspielbar in allen Teilen der Welt, passend zu jedem Anlass: Abi-Party, Firmenfeier, Galerie-Eröffnung, Rave.

Es gibt meistens einen stampfenden Beat, ein paar Bläser schnarren durch den Refrain, über alles tröpfeln Marimbas, sie klingen immer ein wenig nach Robinson-Club oder Fußgängerzone. Wenn ein Marimbafon im Spiel ist, ist die Panflöte nicht weit. Die Marimba ist ein Fetisch in der Klangwelt von Felix Jaehn, aber selbst dieser Zwang zum Klöppeln und Dengeln ist entspannt und lässig.

Auf jedem der 25 Stücke seines Debütalbums, mit dem Jaehn gerade auf Deutschland- und Europa-Tour ist, singt irgendwer, meistens unbekannte Leute mit wenig markanten, teilweise leicht somnambul wirkenden Stimmen.

Selbst wenn Elke Heidenreich bisher an der statistischen Wahrscheinlichkeit vorbeigehört hätte, so hat sie wahrscheinlich einen allgemeinen Eindruck angesprochen: Es klingt alles doch ein bisschen ähnlich. Das aber ist die phänomenale Leistung von Jaehn: dass er ein akustisches Gefühl über verschiedene Songs hinweg herstellen kann. Dass er Sommer, Urlaub, Strandglück, aber auch Melancholie, Liebesschmerz, pubertäre Schnoddrigkeit als Soundkulisse für alle errichtet hat.

Er kann mit allem Recht "wir" sagen

Jaehns Platte heißt I – "Ich" –, aber die Pointe ist, dass hier ein Ich im konventionellen Heidenreich-Literarischen-Quartett-Sinn gar nicht zum Vorschein kommt. Eher wird das Auteur-Ich, dieses Konzept von artistischer Souveränität und Geschlossenheit, zerbröselt und zerstreut über eine Folge von Blubberbässen und Quengelrefrains. Einen Jaehn-Song erkennt man paradoxerweise daran, dass man ihn erst mal nicht erkennt. Man hat nur sehr schnell einen Mitschunkel-Drang und einen krassen Ohrwurm.

Wenn man einem Bürokollegen mit Faible für, sagen wir, romantische Kunstlieder einen Streich spielen will, dann spielt man ihm wahlweise folgende Songs vor:

Cool (auf einer Skala von 1 bis 10: Ohrwurmstärke 8)

Jeannie (9)

Hot2Touch (10)

Like a Riddle (10)

Felix Jaehn braucht kein ästhetisches Ich. Er kann wir sagen, und das mit Recht.