Na, heute schon mehr als 5.000 Schritte gemacht? Jeder vierte Deutsche trägt ein Fitnessarmband oder zeichnet mit einer App auf, wie viel er schläft, läuft und wie viele Kalorien er verbrennt. Manche leiten die Daten an ihre Krankenkassen weiter. Die wiederum zahlen Boni, wenn jemand regelmäßig sein Schrittziel erreicht. Oder sie rufen zu Wettbewerben auf, gern auch in Unternehmen: Wer nimmt in dieser Woche die meisten Treppenstufen?

Aber was, wenn aus dem Gesundheitsbonus irgendwann ein Gesundheitsmalus wird? "Blutdrucksenker bei 3.000 Schritten pro Tag? – Strengen Sie sich erst mal an!"

Locken uns die Fitnessarmbänder gerade spielerisch in eine Art Gesundheitsdiktatur?

Um einen Blick in die Zukunft zu werfen, haben wir uns ein kleines Sozialexperiment überlegt. Fünf Kollegen werden acht Wochen lang Fitnessarmbänder tragen. Über eine App beobachten wir uns gegenseitig. Totale Kontrolle, totaler Wettbewerb. Wir wollen eine Gesundheitsdiktatur light simulieren. Wie wird uns das verändern?

Erste Woche

Johannes Gernert

Johannes Gernert war Rad fahren. Johannes Gernert hat 0:21 h aufgezeichnet. 206 kcal

Die Bänder, die uns in den kommenden zwei Monaten vermessen sollen, liegen vor uns auf dem Konferenztisch, die meisten sind schwarz, eines ist lila. Die Kollegin, der ich das lila Armband gebe, guckt ein wenig skeptisch. Ich habe fast den Eindruck: Alle gucken ein wenig skeptisch, während ich die Regeln für unser Experiment erkläre.

Wir werden alle Fitnessarmbänder tragen. Jede Woche wird ein neuer Wettbewerb um die meisten Schritte, verbrannten Kalorien, zurückgelegten Kilometer oder Höhenmeter die Konkurrenz schüren. Wenn einer sich verweigert, darf die Gruppe Sanktionen beschließen.

Die Teilnehmer: der Kollege Dachsel, dessen Schreibtisch zwölf Schritte von meinem entfernt steht. Der Kollege Allmaier, der 24 Schritte den Gang runter rechts sitzt. Die Kollegin Ceballos Betancur, 15 Schritte und links. Und die Kollegin Thomé, unsere Hospitantin, deren Schrittdistanz mit ihren Büros wechselt.

Ich kann das so genau beziffern, weil ich meine Uhr schon seit einer Woche trage. Ich bin in unserer Gruppe der early adopter, die gesellschaftliche Vorhut, und auch: der Studienleiter.

Wenn ich mein Handgelenk drehe, erscheinen auf dem schwarzen Display meines Fitnessbandes die Uhrzeit, das Datum. Mein Puls. Und die Zahl der Schritte, die ich an diesem Tag schon gegangen bin. Rufe ich die App namens Dacadoo auf, an die all diese Daten weitergeleitet werden, zeigt sie mir eine Zahl zwischen 1 und 1.000. Meinen Gesundheitsindex.

Das belebt den Wettbewerb zusätzlich. Über die App sehen wir: Wer ist gerade der Gesündeste? Wer hat den höchsten Wert im Index?

Und wessen Gesundheitsaktie fällt?

Als wir im Konferenzsaal unsere Bänder festzurren, liegt mein Index bei 591. Grüner Bereich. Gut. Aber natürlich auch: 429 Punkte vom absoluten Spitzenwert entfernt. Wenig später schreitet der Kollege Allmaier (Gesundheitsindex: 706) im Stechschritt an meiner gläsernen Bürotür vorbei. Mehrmals hintereinander. Das tut er sonst nie.

Luisa Thomé

Luisa Thomé war Rad fahren. Luisa Thomé hat 4,26 km in 0:17 h aufgezeichnet. 181 kcal

Meine Großmutter sagt immer: Es zählt, wie du dich fühlst. Ich mache ab und an ein bisschen Sport, bin privat und beruflich ziemlich zufrieden, habe mein Stresslevel meist besser im Griff als meinen Nikotinkonsum. Ich fühle mich kerngesund. Mein subjektives Empfinden wird nun allerdings durch Säulen und Skalen untergraben. Wie gut es mir geht, sagt mir mein Fitnessband. Es sendet meine Schritte, Puls und Herzfrequenz auf den Bildschirm meines Smartphones. Und mein Puls ist komisch hoch (manchmal fast 100 im Sitzen).

Dacadoo fragt nach meiner Neigung zu Depressionen, meiner Zufriedenheit im Arbeitsleben oder meinen Energiereserven auf einem Barometer zwischen "gar nicht" und "sehr". Es fühlt sich an wie das Erstgespräch beim Psychologen. Irgendwie übergriffig.

Lebensstil, Körper, Befinden. Aus diesen drei Bereichen errechnet sich dann mein Gesundheitsindex. Nachts werde ich, seit ich das lilafarbene Band trage, ständig vom unkontrollierten Blinken des grellen Bildschirms geweckt. Er schaltet sich immer ein, wenn ich den Arm drehe.