Sagen wir, Sie kommen um 17 Uhr an. Dann dauert es noch eine Stunde, bis Sie sich dem wahren Charme von Lichtenfels hingeben können – erst dann öffnen die Kneipen. Machen Sie sich bis dahin mit der Stadt vertraut; dann kommen Sie nachher am Tresen leichter ins Gespräch. Schon der Bahnhof macht sie behutsam mit dem Thema Leerstand vertraut. Überqueren Sie den Vorplatz, und legen Sie dabei eventuelle Großstadtallüren ab. Das vor Ihnen ist unsere Hauptstraße, ob Sie Autos sehen oder nicht. Falls also die einsame Fußgängerampel davor Rot zeigt, bleiben Sie bitte stehen.

Vor Ihnen liegt die Fußgängerzone; sie ist beinahe hundert Meter lang. Tasten Sie sich vorbei an zweistöckigen Reihenwohnhäusern, die zu Ihrer Linken zu einer einzigen Mauer mit bröckelndem Putz verschmelzen. Am Ende der Straße wacht das Untere Stadttor seit dem 14. Jahrhundert über den Ort, wie ein breiter Turm spannt es sich über Pflasterstein. Über dem Torbogen sind drei Kanonenkugeln einzementiert, die an 1553 erinnern sollen: Während des Zweiten Markgräfischen Krieges überfielen etwa 2.000 Soldaten Lichtenfels. Merken Sie sich das für den Tresen! Vermutlich weiß kaum ein Lichtenfelser um den Hintergrund der Kugeln. Umso stolzer wird man darauf sein, dass es seinerzeit derart viele Krieger brauchte, um die Stadt zu erobern.

Nun aber zurück ins Jetzt, durchs Tor, ins Herz von Lichtenfels. Ein kleiner Platz dehnt sich zwischen Fachwerkhäusern: der Säumarkt. Wo das nahe Bamberg mit Hegel und E. T. A. Hoffmann auftrumpft und Nürnberg Sachs und Dürer dagegenhält, nimmt Lichtenfels mit seiner Bodenständigkeit Besucher für sich ein. Hier braucht man keine Bronzestatuen berühmter Bürger. Stattdessen umlaufen drei Schweine aus Stein den zentralen Brunnen der Stadt.

Diesen Ort müssen Sie sich für später merken, denn hier finden Sie den Pinkus. Neben fünf Fassbieren bietet die urige Kneipe mehr als zwanzig Flaschenbiere, fast alle stammen aus regionalen Brauereien. Inmitten von Fachwerk, an massiven Tischen aus dunklem Holz, trinken Sie hier Bier wie anno 1670 – aus diesem Jahr stammt das Gebäude.

Grundlage schaffen? Dann geradeaus, zur Metzgerei Molendo. Möglicherweise werden Sie mit "Na, gescheid blaudern könn mer nier?", angebellt, sobald Sie versuchen, eine Wurstsemmel zu bestellen. In Oberfranken gibt es keine Semmeln, hier bestellt man "a Brödla". Was schroff klingt, ist versteckte Neugier – wo kommst du eigentlich her? Die fränkische Freundlichkeit zeigt sich im Detail: unter ruppigem Ton wird jedes Wort verniedlicht. Hängen Sie an jedes Substantiv ein "-la" an, Bierla, Brödla, Weinla", und man wird Ihnen mit demselben Wohlwollen begegnen wie einem Kind, das sprechen lernt.

Frisch gestärkt weiter zum Marktplatz mit dem alten Rathaus: Rote Holzbalken ziehen sich wie Adern durch weißen Putz, und vor dem waldgrün gestrichenen Eingangsportal thront der größte Blumenkorb der Welt, groß wie ein VW-Bus, geflochten aus Rattan und bepflanzt mit Stiefmütterchen. Blicken Sie sich um, und Sie werden bemerken: Zwischen dem schönen Fachwerk sind einige der Fenster mit Plakaten tapeziert, um die verlassenen Räume dahinter zu verstecken. "Lebendiges Lichtenfels" heißt das Motto der Stadt – "sterbendes Lichtenfels", halten Kritiker entgegen. Der demografische Wandel höhlt die Stadt allmählich aus.

Lassen Sie sich davon die Stimmung nicht verderben. Nun ist es Zeit, "a weng a Bierla" zu trinken. Wenn Sie sich gegen die schwere Holztür des Pinkus stemmen und schließlich an einem der Tische Platz nehmen, bedenken Sie: Trotz aller Niedlichkeit versteht man hier unter "klein" einen halben Liter – das "Seidla".

Egal für welches Gebräu der paradiesischen Bierauswahl Sie sich entscheiden, das Gefühl fränkischer Glückseligkeit beginnt immer gleich: Eine Krone aus Schaum umschmeichelt Ihre Lippen, Bläschen platzen, kitzeln, streicheln Ihre Zunge. Und wenn Sie sich dann auf den Weg zurück machen, beobachten Sie die eigenen Schritte, und Sie werden wissen, weshalb die Schweine auf dem Säumarkt Kreise drehen, statt geradeaus zu laufen.