Wenn meine Frau Julia und ich das Haus verlassen, uns nach rechts wenden und am Flussufer entlanggehen, bis wir in dem alten Marktstädtchen Le Bugue die Brücke überqueren, erreichen wir am Ende einer Landstraße ein kleines Tal. Dort befindet sich ein Kalksteinkliff mit einer Einbuchtung, die für eine Art breites, felsiges Vordach gesorgt hat. Darunter lebten vor 70.000 Jahren Menschen. Wir stehen dann auf dem ältesten Friedhof der Welt, La Ferrassie. Archäologen fanden hier die Gräber von acht Menschen, vor allem Kindern, aber auch die einer erwachsenen Frau und eines älteren Mannes.

Meine Frau und ich bleiben an dieser Stelle immer stehen und senken unsere Köpfe. Denn das hier ist der früheste bekannte Ort der Welt, an dem unsere Vorfahren ihre Toten rituell begraben haben, um ihnen Respekt zu zollen.

Einige der Toten wurden unter Steine gelegt, auf denen Zeichnungen von menschlichen Körperteilen und Tieren eingraviert waren, andere mit mehreren kleinen Steinen umgeben. Die Toten hier waren Neandertaler, der Schädel des alten Mannes ist der kompletteste, der je von unseren prähistorischen Verwandten gefunden wurde. Aber noch wichtiger: Die Knochen des alten Mannes zeigten, dass er schon Jahre vor seinem Tod verkrüppelt gewesen sein muss, unfähig, zu jagen oder sich alleine durchzuschlagen. Wie hat er überlebt? Seine Verwandten müssen ihn ernährt haben. In dieser Höhle liegt also auch der früheste Beweis für eine Gemeinschaft von Menschen, die füreinander gesorgt haben.

Wenn Julia und ich das Haus verlassen und uns nach links wenden, kommen wir an einem kleinen Château namens Domaine de la Vitrolle vorbei, das heute ein Hotel ist. Es steht inmitten von Apfelgärten und den ordentlich aufgereihten Reben unseres lokalen Weinbergs. Im Frühling und Sommer des Jahres 1944 war dieses kleine Schloss das geheime Hauptquartier der Résistance. Hier organisierten britische und französische Offiziere, nachdem sie mit Fallschirmen hinter feindlichen Linien abgeworfen worden waren, Sabotageakte und Feuergefechte, die den Vorstoß der SS-Panzerdivision "Das Reich" Richtung Normandie aufhielten.

Diese Panzerdivision sollte nur vier Tage nach ihrem Aufbruch in Toulouse an Nordfrankreichs Stränden eintreffen. Die Planer der alliierten Invasionstruppen, die am D-Day den Kontinent stürmten, hatten der Résistance aufgetragen, diesen Vormarsch um jeden Preis zu stoppen und zu stören. Drei Wochen brauchte die Division am Ende, um ihr Ziel zu erreichen. Eine für die Alliierten wichtige Verzögerung, die mit dem Blut französischer Zivilisten erkauft wurde.

Wenn wir weiter am Fluss Vézère entlanggehen, erreichen wir das Bergdorf Limeuil, wo Archäologen Hunderte handgroßer Kalksteintafeln fanden, alle mit ähnlichen Gravuren verschiedener Tiere. Die beste Erklärung für so eine Ansammlung von Zeichnungen: Hier muss es vor 12.000 Jahren eine Art prähistorischer Kunstschule gegeben haben.

Auf dem Gipfel des Berges stand einst eine Wallanlage aus der Eisenzeit, die von Julius Cäsar gestürmt und in eine römische Siedlung, ein Oppidum, verwandelt wurde. Acht Jahrhunderte später baute Karl der Große an gleicher Stelle ein Fort, um sich vor dem Einfall der Wikinger zu schützen. Und im Mittelalter stand hier ein Schloss, das während des Hundertjährigen Kriegs abwechselnd von Franzosen und Engländern besetzt wurde.