Am 7. April, kurz nach Einbruch der Dunkelheit über Syrien, melden zivile Rettungskräfte via Twitter: Ein Helikopter habe ein Fass voller Chemikalien über der Stadt Duma abgeworfen, 40 Menschen seien bereits tot, Hunderte kämpften mit Erstickungssymptomen. Fotos zeigen Säuglinge mit Schaum vor dem Mund, Leichen mit weit aufgerissenen Mündern. Die Retter sagen, das Fass habe wohl das Giftgas Sarin enthalten. Abgeworfen habe es die syrische Armee.

Die Nachricht lässt sich zunächst nicht überprüfen. Die Retter aber haben sich in der Vergangenheit als zuverlässige Quelle erwiesen. Auch klingt, was sie berichten, furchtbar vertraut: Fast auf den Tag genau vor einem Jahr schoss Assads Armee mit Sarin auf das Dorf Chan Scheichun (siehe Zeitleiste). UN-Experten bestätigten später den Einsatz des Gifts. Auch was jetzt folgt, ist Wiederholung. US-Präsident Donald Trump empört sich per Tweet: "Präsident Putin, Russland und der Iran sind verantwortlich für die Unterstützung von dem Tier Assad. Werden einen hohen Preis zahlen müssen." Paris, Berlin und London veröffentlichen Presseerklärungen mit scharfen Worten. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron telefoniert mit Trump, man denke gemeinsam über weitere Schritte nach.

Das syrische Regime bestreitet derweil den Einsatz von Chemiewaffen. Regierungsfreundliche Medien verbreiten allerlei Theorien, meist heißt es, die Toten seien von den Rebellen inszeniert. Ein regimetreuer Twitterer postet dazu zwei Fotos. Das eine zeigt Helfer in Duma, mit bloßen Händen stützen sie Opfer. Das andere stammt aus dem englischen Salisbury, wo Anfang März ein ehemaliger russischer Agent und seine Tochter mit einem Nervengift angegriffen wurden. Das Foto zeigt Helfer in Schutzanzügen. Dies, so der Twitterer, sei doch der Beweis! Wie könne es sich in Duma um Giftgas handeln, wenn die Retter dort nicht einmal Schutzkleidung trügen? Er muss wissen, dass es im belagerten Duma nicht einmal genug zu essen gibt, geschweige denn Schutzanzüge.

Auch wenn zu diesem Zeitpunkt noch manches offen ist, deutet alles darauf hin, dass Assad beides wollte: Giftgrüße an den Westen schicken. Und dann vernebeln, was zu vernebeln war. Es ist eine absichtsvolle Ambivalenz, widerstreitende Signale, um die Bruchstellen im Westen zu verstärken.

Grüße aus Moskau?

Im südenglischen Salisbury trug der erste Helfer in Wahrheit ebenfalls keinen Schutzanzug. Am 4. März findet ein Polizist dort auf einer Parkbank den früheren russischen Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter, beide sind bewusstlos. Nach bisherigen Erkenntnissen war ein Nervengift an der Klinke von Skripals Haustür angebracht worden. Laut einer Prüfung des britischen Militärlabors Porton Down handelt es sich um einen hochgefährlichen chemischen Kampfstoff namens Nowitschok ("Neuling"). Die britische Regierung ist überzeugt davon, dass er aus einer Fabrik in Schichany in Südrussland stammt. Dort, so die Briten, sollen sogar Agenten in der Handhabung des Giftes trainiert worden sein. Gleich nachdem Premierministerin Theresa May ihre Verbündeten über die Hintergründe unterrichtet hatte, wiesen 25 Staaten sowie das Hauptquartier der Nato rund 150 russische Diplomaten aus.

Gift und Zweifel

Aber können die Briten wirklich so genau wissen, wer der Urheber war? Die Ausweisungswelle setzte ebenso wie der Streit um die Verantwortlichen für den Sarin-Angriff auf Duma eine zweite, eine politische Vergiftungswirkung in Gang, in Form von russischer Gegenpropaganda, dem Rauswurf ebenso vieler westlicher Diplomaten durch das Moskauer Außenamt – und westlichem Selbstzweifel. Russische Staatsmedien und Politiker boten in den Tagen nach dem Attentat unzählige Erklärungen dafür, was mit Skripal und seiner Tochter geschehen sei.

Erst hieß es, weder die Sowjetunion noch Russland hätten je ein Programm mit der Bezeichnung "Nowitschok" unterhalten. Dann: Russland hätte das Nervengift zwar einmal besessen, aber mittlerweile entsorgt. Als Nächstes hieß es, der Stoff könnte auch aus Tschechien, der Slowakei, Schweden, den USA oder Großbritannien selbst stammen. Dann: Die Ukraine habe ihn gelagert. Oder die baltischen Staaten. Die Verwirrung wirkte: Laut dem unabhängigen Meinungsforschungsinstitut Lewada sind 72 Prozent der Russen der Meinung, dass Russland nichts mit dem Anschlag in Salisbury zu tun habe.