DIE ZEIT: Frau Frevert, Sie haben ein Buch unter dem Titel Die Politik der Demütigung veröffentlicht, es ist eine Geschichte öffentlicher Beschämungsrituale. Sie erinnern daran, dass Demütigung eine enorme politische Kraft darstellt. Sie sei, schreiben Sie, eine Machttechnik. Wer nutzt diese Technik heute?

Ute Frevert: Staaten benutzen sie untereinander, wie neulich zwischen Trump und Kim Jong Un zu beobachten. Man macht sich größer, um den anderen kleinzuhalten. Wir haben es unter Obama erlebt, der Russland eine Regionalmacht nannte, worauf die russische Politikerriege Amok lief. Aber es ist auch das Alltagsgeschäft unserer Innenpolitik – wer kann die Szene auf dem CSU-Parteitag 2015 vergessen, als Horst Seehofer Angela Merkel auf offener Bühne kleinmachte und demütigte?

ZEIT: Nutzen das auch Privatpersonen?

Frevert: Viele tun das, und dank des Internets immer mehr. Sie nehmen Anstoß an Verhaltensweisen ihrer Mitbürger, prangern sie öffentlich online an und beanspruchen die moralische Oberhoheit.

ZEIT: Sie beschreiben den langen Weg zu Verhältnissen, in denen nicht mehr nach Gusto oder Machtlage öffentlich gedemütigt werden kann, hin zu einer Gesellschaft, deren Einrichtungen nicht demütigen dürfen und Beschämungspraktiken unter Kontrolle halten. Sind wir also eine "anständige" Gesellschaft im Sinne des israelischen Philosophen Avischai Margalit?

Frevert: Es gibt auf der ganzen Welt keine wirklich anständige Gesellschaft in diesem Sinn. Aber immerhin gibt es ein paar, die sich wenigstens den Anspruch zu eigen gemacht haben. Im Prinzip reicht das bis ins späte 18. Jahrhundert zurück, als man begann, von Menschenwürde zu sprechen.

ZEIT: Als Zeichen ihrer Zivilisiertheit liegt der liberalen Gesellschaft die Trennung von Moral und Recht zugrunde. Ein Verstoß gegen geltende Verhaltensregeln ist noch keine Straftat und rechtfertigt keine öffentliche Demütigung. Trotzdem haben Bloßstellungen am elektronischen Pranger Konjunktur. Woher die Unduldsamkeit?

Frevert: Mit jeder Moralisierung gehen Dramatisierung, Skandalisierung und Emotionalisierung einher. Moral ist ganz nah an den Gefühlen. Wenn ich mich moralisch im Recht fühle, dann kann ich mich in einer Weise empören und diese Empörung laut werden lassen, wie das bei Rechtsverstößen, für die erst mal Polizei und Justiz zuständig sind, nicht funktionieren würde. Moral ist etwas, das uns alle unmittelbar betrifft und für das wir alle Experten sind. Sie verbindet, kann aber auch spalten. Je heterogener eine Gesellschaft, desto pluraler die Moral beziehungsweise die Moralitäten. Das gesellschaftliche Minimum definiert das Recht. Für das Maximum zeichnen die diversen Moralapostel verantwortlich, die andere vorführen, um daraus Selbstgewissheit und Statusvorteile zu ziehen. Je dramatischer die Anklage, je skandalisierter das inkriminierte Verhalten, desto besser steht man selber da – und kann sich darüber hinaus auch noch als Kämpfer für die gerechte, "uns allen" dienliche Sache inszenieren.

ZEIT: Woher kommt die Lust am Moralisieren?

Frevert: Dafür sind zwei Dinge verantwortlich: erstens das Leitbild einer partizipativen Gesellschaft, das wir seit den siebziger Jahren kennen und das uns Bürger auffordert, an sozialen und politischen Debatten aktiv teilzunehmen. Zweitens spielen technologische Entwicklungen eine Rolle. Die digitale Kommunikation ermöglicht es jedem und jeder, den öffentlichen Raum zu erweitern und sich dort moralpolitisch zu positionieren. Wir gewinnen damit eine Sprachmächtigkeit und eine Partizipationschance, die es vor dem Internet nicht gab.