Eine klare Grenze zwischen meinem Privatleben und dem Schulalltag zu ziehen ist mir als Internatslehrer kaum möglich: Schließlich unterrichte ich meine Schüler nicht nur vormittags in Englisch und Sport, sondern wohne in meiner Funktion als Gruppenleiter auch mit acht Jungen aus der Oberstufe im selben Haus.

Meine Wohnungstür und ihre Zimmertüren gehen vom selben Flur ab, fast wie in einer Jugendherberge. Die Jungs sind zwischen 17 und 19 Jahre alt und siezen mich, ich sage Du. Sie kennen meine Frau und unseren siebenjährigen Sohn, wissen über meine Hobbys Bescheid und haben keinerlei Skrupel, bei mir zu klopfen, wenn sie Fragen zu ihren Hausaufgaben oder mal wieder den Zimmerschlüssel verlegt haben.

Für mich geht diese Nähe in Ordnung. Ich spanne die Schüler auch schon mal als Babysitter für meinen Sohn ein, wenn ich kurz etwas einkaufen muss. Mein Sohn findet es super, wenn die Großen mit ihm Fußball oder Mau-Mau spielen. Wenn ich mit ihm draußen tobe, gesellt sich auch ab und an einer von den Jungs dazu.

Jedermanns Sache wäre der Job wahrscheinlich nicht. Statt gemütlich mit meiner Familie zu essen, nehme ich Frühstück, Mittag und Abendbrot mit meiner Gruppe im Speisesaal des Internats ein. Morgens muss ich darauf achten, dass alle pünktlich zum Frühstück kommen, nachmittags habe ich ein Auge darauf, dass die Jungs ihre Hausaufgaben erledigen – und abends gehört es zu meinen Pflichten, für Bettruhe zu sorgen. Selbst an den Wochenenden könnte ich deshalb nicht spontan Freunde treffen oder zu einem Konzert gehen. Meine Frau beschwert sich zwar nicht – die gemeinsamen Mahlzeiten fehlen uns als Familie trotzdem. Sie ist ebenfalls Lehrerin hier am Internat; aus meinen Themen mit den Jungs hält sie sich aber heraus.

Ich dagegen kriege schon oft mit, was meine Schüler gerade so umtreibt: ob einer Liebeskummer oder Stress mit anderen hat. Wenn einer der Jungs im Unterricht nicht gut mitarbeitet, kann ich mir seine Leistung manchmal schneller erklären als ein Lehrer, der nur seinen Lehrplan im Blick hat. Ich zwänge niemandem ein Gespräch auf, der sich mir nicht anvertrauen möchte. Durch die Wohnsituation ergibt es sich aber leichter, dass wir mal zusammen joggen gehen oder uns auf eine Gartenbank hocken, um Probleme zu besprechen.

Seit den Missbrauchsskandalen an der Odenwaldschule wurden wir dazu angehalten, besonders wachsam mit solchen Momenten der Nähe umzugehen. Es gibt jetzt ein größeres Bewusstsein dafür, die Augen offen zu halten und andere Lehrer aktiv anzusprechen, bevor sich brenzlige Situationen entwickeln könnten. Ich würde Kollegen zum Beispiel davon abraten, sich allein mit einer Schülerin im Geräteraum aufzuhalten. Ich überlege vielleicht auch genauer als früher, ob ich nur einen oder lieber mehrere Schüler mit zu einer Mountainbike-Tour nehme. Auch die Schüler werden ermutigt, Verdachtsmomente sofort zu melden. An mehreren Stellen des Internats hängen Notfallnummern für sie aus. WhatsApp-Gruppen zwischen Lehrern und Schülern wurden verboten.

Weil ich schon mein halbes Leben Jugendarbeit mache, Ferienlager begleitet habe und als Vertrauenslehrer aktiv war, denke ich, ein ganz gutes Gespür für das richtige Maß an Nähe und Distanz zu besitzen. Ich vertraue da meiner Intuition. Für mich hat der Lehrerjob erst am Internat seine besondere Qualität bekommen. Anfangs wollte ich nur mal ein Jahr lang reinschnuppern. Ich hatte aber schnell das Gefühl, hier mehr ausrichten zu können als an einer regulären Schule – und meinen Schülern nicht nur englische Vokabeln, sondern Dinge fürs Leben mitzugeben: Wenn ich sie etwa beim Rauchen ertappe, verabreden wir uns zum gesundheitlichen Ausgleich eben mal zu einem Ausdauertraining. Und wenn ich sehe, dass meine Gruppe große Augen bekommt, sobald ich von meiner privaten Wildwasser-Tour erzähle, kann es passieren, dass ich beim nächsten Mal eine Schul-Exkursion mit ihnen daraus mache.

Klar, manchmal brauche ich auch Abstand von meinen Schülern, bin kurz genervt oder angestrengt, weil wir immer wieder über die ewig gleichen Themen wie Handy- oder Alkoholkonsum diskutieren. Dann gehe ich laufen oder ziehe mich für eine Stunde mit meiner Schallplatten-Sammlung zurück, um neue Kraft zu schöpfen. Auch in den Ferien suchen meine Familie und ich bewusst das Weite und zuckeln mit unserem Wohnwagen los – ohne feste Tagesstruktur. Danach hab ich wieder tausend Ideen und Lust, meine Schüler wiederzusehen.

Inzwischen bin ich seit 13 Jahren am Internat. Mein Sohn redet auch schon davon, zur fünften Klasse hier starten zu wollen. Meinen Segen hat er. Wenn ehemalige Schüler vorbeikommen und ich sehe, was für selbstbewusste Persönlichkeiten aus ihnen geworden sind, freue ich mich immer, dass ich vielleicht einen kleinen Teil dazu beitragen durfte.