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Wenn im Heiligen Land heute ein Dorf geboren wird, dauert das einen einzigen Tag. An einem sonnigen Februarmorgen schieben sich Dutzende Tieflader über eine schmale, staubige Straße durchs biblische Nirgendwo. Links und rechts hügelige Ödnis. Oben weiter Himmel. Wäre da nicht das Keuchen der Motoren, es wäre friedlich still. Jedes Fahrzeug trägt auf seiner Ladefläche ein halbes vorgefertigtes Haus aus Blech, schiffscontainergroß und strahlend weiß.

Am Fuß eines Hügels biegen die Lastwagen in einen notdürftig befestigten Weg. Hundert Meter weiter steht ein neongelber Kran, der die Haushälften, eine nach der anderen, von den Ladeflächen holt und, ordentlich, im Abstand von 20 Metern, auf die Erde setzt. Am selben Abend funkeln, wo eben nur braune Erde und grauer Fels waren, 36 Häuser in der untergehenden Sonne, fremd und besitzergreifend wie eine Mondbasis.

Amichai, "Mein Volk lebt".

So heißt die neue Siedlung, bald werden die ersten jüdischen Familien einziehen und dem ewigen Konflikt einen weiteren Grund geben, anzudauern. Vielleicht werden die Einwohner Amichais einen Zaun bauen oder Hunde abrichten, so wie andere Pioniere in der Gegend, denn die dünnen Wände ihrer Instanthäuser schützen sie zwar vor Wind und Regen, aber nicht vor Selbstmordattentätern. Später werden sie die Container wahrscheinlich ersetzen durch Steinhäuser, sie werden eine Synagoge eröffnen und Geschäfte, sie werden Straßen pflastern und Bäume pflanzen. Andere Familien werden ihnen folgen, und irgendwann wird das Dorf Amichai zu einer Stadt herangewachsen sein – schön und selbstverständlich, als wäre sie immer schon da gewesen.

So war es in Ofra, etwas weiter westlich, heute ein aufgeräumtes Städtchen mit roten Ziegeldächern.

So war es in Ariel, weiter nördlich, heute eine Stadt mit Palmenalleen.

So war es in Tel Aviv, am Mittelmeer, heute eine Metropole mit Glitzertürmen und Boutiquen.

Karte von Israel

© ZEIT-Grafik

Worauf Amichai, 50 Kilometer nördlich von Jerusalem, mitten im Westjordanland, mitten im Palästinensergebiet, noch wartet, das ist an Hunderten, an Tausenden Orten im ganzen Land bereits geschehen. Zerlegt man die moderne Geschichte Israels in kleine Teile und betrachtet jedes Dorf, jede Stadt für sich, dann zeigt sich ein Muster, an dem sich in 120 Jahren nichts verändert hat: Immer wollen einige wenige Pioniere auf einem Stück Land siedeln, das ihnen nicht gehört. Immer hat jemand etwas dagegen. Nicht selten jemand Mächtiges, oft eine Regierung. Und mit erstaunlicher Regelmäßigkeit sind es am Ende die Siedler, die sich durchsetzen.

Als Anfang des 20. Jahrhunderts das Osmanische Reich noch über Palästina herrschte, trotzten ihm ein paar jüdische Pioniere Land ab, um Farmen zu bauen.

Als die Briten nach dem Ersten Weltkrieg die Macht übernahmen, holten die Siedler, teilweise gegen direkten britischen Widerstand, Hunderttausende Juden ins Land und formten ihre Dörfer zu modernen Städten.

Als dieses Land schon eine Weile wieder Israel hieß, in den siebziger Jahren, errichteten radikale Religiöse gegen den Willen der eigenen Regierung im Westjordanland Häuser, aus denen heute ebenfalls Städte geworden sind.

Jetzt wiederholt sich die Geschichte in Amichai. Seit Jahren wollten einige Dutzend Juden dieses Dorf auf palästinensischem Land gründen. Die USA, Deutschland und andere westliche Mächte verhinderten das, indem sie Druck auf Israel ausübten. Nun wird Amichai trotzdem gebaut.

Wie kommt es, dass eine kleine Gruppe von Siedlern sich immer wieder gegen große Mächtige durchsetzt? Dass hier, wo einst der tatsächliche David den tatsächlichen Goliath überwältigte, seine sprichwörtlichen Nachfolger zu Seriensiegern geworden sind?

Natürlich ist das kein Zufall. Die Siege der Siedler sind das Resultat eines politischen Prinzips, das nie explizit niedergeschrieben, auf keinem Kongress verabschiedet, nicht mal strategisch erdacht wurde. Im historischen Abstand aber zeigt es sich so deutlich wie die weiße Silhouette Amichais im Abendlicht.

Man könnte es das Arthur-Ruppin-Prinzip nennen.

In diesen Tagen feiert Israel seine Gründung vor 70 Jahren. Deswegen ist gerade wieder viel von Theodor Herzl die Rede. Bei einem Festakt nächste Woche wollen sie über seinem Grab in Westjerusalem ein Feuerwerk zünden, wie es das Land noch nicht gesehen hat.

Dabei hatte Herzl mit der Staatsgründung wenig zu tun. Er starb schon ein halbes Jahrhundert davor, im Sommer 1904. Dennoch gilt er bis heute als Vater des Zionismus, der jüdischen Nationalbewegung. Tatsächlich war es ihm gelungen, mit einer Idee, die bis dahin nur einzelne jüdische Intellektuelle interessiert hatte, Juden in aller Welt zu begeistern. Nach zwei Jahrtausenden Exil, in denen Juden, wo sie auch lebten, geächtet, verfolgt und ermordet wurden, in denen sich der Antisemitismus ständig neu erfand, ohne je nachzulassen, in denen das Gehasstwerden zum jüdischen Leben gehörte wie die verblassende Erinnerung an die alte Heimat Israel, nach dieser Ära des Leidens also sollten die Juden wieder einen eigenen Staat haben, in dem sie zur Ruhe kommen konnten. Am liebsten dort, wo es schon mal einen gegeben hatte. Das war Theodor Herzls Traum, niedergeschrieben in seinem Buch Der Judenstaat.