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Wenn im Heiligen Land heute ein Dorf geboren wird, dauert das einen einzigen Tag. An einem sonnigen Februarmorgen schieben sich Dutzende Tieflader über eine schmale, staubige Straße durchs biblische Nirgendwo. Links und rechts hügelige Ödnis. Oben weiter Himmel. Wäre da nicht das Keuchen der Motoren, es wäre friedlich still. Jedes Fahrzeug trägt auf seiner Ladefläche ein halbes vorgefertigtes Haus aus Blech, schiffscontainergroß und strahlend weiß.

Am Fuß eines Hügels biegen die Lastwagen in einen notdürftig befestigten Weg. Hundert Meter weiter steht ein neongelber Kran, der die Haushälften, eine nach der anderen, von den Ladeflächen holt und, ordentlich, im Abstand von 20 Metern, auf die Erde setzt. Am selben Abend funkeln, wo eben nur braune Erde und grauer Fels waren, 36 Häuser in der untergehenden Sonne, fremd und besitzergreifend wie eine Mondbasis.

Amichai, "Mein Volk lebt".

So heißt die neue Siedlung, bald werden die ersten jüdischen Familien einziehen und dem ewigen Konflikt einen weiteren Grund geben, anzudauern. Vielleicht werden die Einwohner Amichais einen Zaun bauen oder Hunde abrichten, so wie andere Pioniere in der Gegend, denn die dünnen Wände ihrer Instanthäuser schützen sie zwar vor Wind und Regen, aber nicht vor Selbstmordattentätern. Später werden sie die Container wahrscheinlich ersetzen durch Steinhäuser, sie werden eine Synagoge eröffnen und Geschäfte, sie werden Straßen pflastern und Bäume pflanzen. Andere Familien werden ihnen folgen, und irgendwann wird das Dorf Amichai zu einer Stadt herangewachsen sein – schön und selbstverständlich, als wäre sie immer schon da gewesen.

So war es in Ofra, etwas weiter westlich, heute ein aufgeräumtes Städtchen mit roten Ziegeldächern.

So war es in Ariel, weiter nördlich, heute eine Stadt mit Palmenalleen.

So war es in Tel Aviv, am Mittelmeer, heute eine Metropole mit Glitzertürmen und Boutiquen.

Karte von Israel

© ZEIT-Grafik

Worauf Amichai, 50 Kilometer nördlich von Jerusalem, mitten im Westjordanland, mitten im Palästinensergebiet, noch wartet, das ist an Hunderten, an Tausenden Orten im ganzen Land bereits geschehen. Zerlegt man die moderne Geschichte Israels in kleine Teile und betrachtet jedes Dorf, jede Stadt für sich, dann zeigt sich ein Muster, an dem sich in 120 Jahren nichts verändert hat: Immer wollen einige wenige Pioniere auf einem Stück Land siedeln, das ihnen nicht gehört. Immer hat jemand etwas dagegen. Nicht selten jemand Mächtiges, oft eine Regierung. Und mit erstaunlicher Regelmäßigkeit sind es am Ende die Siedler, die sich durchsetzen.

Als Anfang des 20. Jahrhunderts das Osmanische Reich noch über Palästina herrschte, trotzten ihm ein paar jüdische Pioniere Land ab, um Farmen zu bauen.

Als die Briten nach dem Ersten Weltkrieg die Macht übernahmen, holten die Siedler, teilweise gegen direkten britischen Widerstand, Hunderttausende Juden ins Land und formten ihre Dörfer zu modernen Städten.

Als dieses Land schon eine Weile wieder Israel hieß, in den siebziger Jahren, errichteten radikale Religiöse gegen den Willen der eigenen Regierung im Westjordanland Häuser, aus denen heute ebenfalls Städte geworden sind.

Jetzt wiederholt sich die Geschichte in Amichai. Seit Jahren wollten einige Dutzend Juden dieses Dorf auf palästinensischem Land gründen. Die USA, Deutschland und andere westliche Mächte verhinderten das, indem sie Druck auf Israel ausübten. Nun wird Amichai trotzdem gebaut.

Wie kommt es, dass eine kleine Gruppe von Siedlern sich immer wieder gegen große Mächtige durchsetzt? Dass hier, wo einst der tatsächliche David den tatsächlichen Goliath überwältigte, seine sprichwörtlichen Nachfolger zu Seriensiegern geworden sind?

Natürlich ist das kein Zufall. Die Siege der Siedler sind das Resultat eines politischen Prinzips, das nie explizit niedergeschrieben, auf keinem Kongress verabschiedet, nicht mal strategisch erdacht wurde. Im historischen Abstand aber zeigt es sich so deutlich wie die weiße Silhouette Amichais im Abendlicht.

Man könnte es das Arthur-Ruppin-Prinzip nennen.

In diesen Tagen feiert Israel seine Gründung vor 70 Jahren. Deswegen ist gerade wieder viel von Theodor Herzl die Rede. Bei einem Festakt nächste Woche wollen sie über seinem Grab in Westjerusalem ein Feuerwerk zünden, wie es das Land noch nicht gesehen hat.

Dabei hatte Herzl mit der Staatsgründung wenig zu tun. Er starb schon ein halbes Jahrhundert davor, im Sommer 1904. Dennoch gilt er bis heute als Vater des Zionismus, der jüdischen Nationalbewegung. Tatsächlich war es ihm gelungen, mit einer Idee, die bis dahin nur einzelne jüdische Intellektuelle interessiert hatte, Juden in aller Welt zu begeistern. Nach zwei Jahrtausenden Exil, in denen Juden, wo sie auch lebten, geächtet, verfolgt und ermordet wurden, in denen sich der Antisemitismus ständig neu erfand, ohne je nachzulassen, in denen das Gehasstwerden zum jüdischen Leben gehörte wie die verblassende Erinnerung an die alte Heimat Israel, nach dieser Ära des Leidens also sollten die Juden wieder einen eigenen Staat haben, in dem sie zur Ruhe kommen konnten. Am liebsten dort, wo es schon mal einen gegeben hatte. Das war Theodor Herzls Traum, niedergeschrieben in seinem Buch Der Judenstaat.

Wie anfangen?

Aber von einem Staat zu träumen ist das eine. Das andere ist, tatsächlich einen zu erschaffen.

Wie erschafft man einen Staat? Ganz konkret, was ist der erste Schritt? Der zweite? Der dritte?

Diese Fragen hat nicht Herzl beantwortet, sondern ein anderer Mann. Selbst in Israel kennen ihn nur noch wenige, dabei begegnet einem sein Werk überall: in den Häuserschluchten von Tel Aviv, in den Dattelplantagen am See Genezareth, in den Hörsälen der Hebräischen Universität in Jerusalem – auch im Staub Amichais. Sein Name war Arthur Ruppin, ein Jude aus Magdeburg.

"Es gibt nur wenige unter uns aus dieser Generation, die sich rühmen können, dass ihr Lebenswerk so notwendig, so fruchtbar und zukunftsreich gewesen ist wie das von Arthur Ruppin", sagte Salman Schasar, der dritte Präsident Israels.

"Es kann kein Zweifel bestehen, dass Ruppin die zweite Epoche des Zionismus symbolisiert, so wie Herzl der Schöpfer der ersten Epoche war", schreibt der deutschisraelische Historiker Alex Bein.

Auf den ersten Blick waren Herzl und Ruppin einander sehr ähnlich, beide waren sie Juristen, beide entstammten sie dem deutschsprachigen Bürgertum, beide waren sie glühende Zionisten.

Doch während Herzl laut Ideen verkündete, schraubte Ruppin leise an Details. Während Herzl beim Sultan in Konstantinopel versuchte, einen Judenstaat herbeizuverhandeln, fing Ruppin einfach an zu bauen – und wurde so zum Architekten eines jüdischen Palästina, zum Meister des Faktenschaffens.

Als Ruppin im Sommer 1907, 31 Jahre alt, im Hafen von Jaffa zum ersten Mal Palästina betritt, könnte er in den dreckigen Straßen nicht deplatzierter wirken. Alles an ihm ist akkurat: der Scheitel, der Schnauzer, der Dreiteiler, die Krawatte. Im Auftrag der Zionistischen Organisation, die sich in Europa gegründet hat, um Herzls Vision umzusetzen, soll Ruppin erkunden, ob dieses Land den Juden erneut eine Heimat sein kann.

Sechs Monate lang reist Ruppin durch Palästina, damals Teil des Osmanischen Reichs, das sich vom Balkan bis nach Persien erstreckt. Aber dieser Winkel, so stellt Ruppin fest, scheint dem Sultan ziemlich egal zu sein. Sein Pferdegespann bleibt im Morast stecken, weil es keine Straßen gibt. In den Gassen Jerusalems türmt sich der Dreck, in Hinterhöfen trocknen Fetzen schlechten Fleisches in der Sonne. Unter den arabischen Bauern grassiert die Malaria. Ruppin selbst steckt sich mit Typhus an und kämpft im Krankenhaus wochenlang gegen den Tod. Dort gebe es nicht mal Türen, notiert er in seinem Tagebuch, einmal wacht er nachts auf, und auf seiner Bettdecke sitzt eine streunende Katze.

Ruppin staunt über die Kluft zwischen der Palästina-Sehnsucht der europäischen Juden und dem Elend, das er vorfindet. Wie nur soll hier ein jüdischer Staat entstehen? Andererseits: Ist es nicht einfacher, etwas zu bauen, wo noch nichts ist?

Zurück in Deutschland, ignoriert Ruppin das Flehen seiner Familie, er, der gut ausgebildete Anwalt, möge eine Karriere an der Universität oder bei Gericht einschlagen. "In Deutschland hatte ich zwar große Aussichten", schreibt Ruppin später in seinen Memoiren, "aber es schien mir, dass ich bei noch so großen Leistungen immer als ein Außenstehender betrachtet und gehasst werden würde; in Palästina hoffte ich, als Glied einer Gemeinschaft in Harmonie mit dieser arbeiten zu können."

Er heiratet eilig und siedelt mit seiner Frau im März 1908 nach Jaffa über. Sie beziehen ein Häuschen, das zwar keine Heizung hat, aber einen Brunnen vor der Tür, aus dem man Wasser in einen Tank auf dem Dach pumpen kann. Den Luxus einer Dusche kennt kaum einer der 40.000 Einwohner. In der einzigen gepflasterten Straße der Stadt eröffnet Ruppin das "Palästina-Amt", das erste Büro der Zionistischen Organisation vor Ort. Sie gibt Ruppin ein Jahresbudget von 5.000 Pfund.

Wie anfangen? Theoretisch, das weiß Ruppin als Jurist, braucht ein Staat drei Dinge, um zu existieren. Ein Volk. Ein Land. Und Gewalt über beides.

Gibt es ein jüdisches Volk? Irgendwie schon, aber die elf Millionen Menschen, die ihm angehören, leben verstreut in aller Welt, sieben Millionen in Osteuropa, zwei Millionen in Westeuropa, eine Million in Amerika. In Palästina sind es, inmitten von 700.000 Arabern, einige Zehntausend, wie viele genau, weiß niemand. Als Ruppin versucht, zumindest die Jerusalemer Juden zu zählen, muss er die Aktion abbrechen, weil einige Helfer, die er angeheuert hat, um von Tür zu Tür zu gehen, von osmanischen Polizisten verhaftet werden. Ruppin besucht auch die neuen Landwirtschaftskolonien, die Juden gegründet haben, nachdem sie vor Pogromen in Osteuropa fliehen mussten. Können derart unterschiedliche Menschen, die bärtigen Gottesdiener in Jerusalem, die sozialistischen Arbeiter auf den Feldern und bürgerliche Städter wie er, wirklich eine Nation formen?

Hoffnung gibt ihm ausgerechnet ein Besuch in einem Kindergarten. Dort verständigen sich Kinder, deren Eltern aus 13 Ländern kommen und 13 Sprachen sprechen, in einer einzigen Sprache, die jahrhundertelang nur in religiösen Ritualen überdauert hatte – auf Hebräisch. Hier in Palästina benutzen Kinder sie, um über Spielzeug zu streiten.

Aber selbst wenn es Ruppin gelänge, Hunderttausende Juden ins Land zu holen, selbst wenn sie sich alle hebräisierten, wo sollen diese Menschen leben? Palästina gehört zu großen Teilen arabischen Privatleuten. Kann Ruppin ein ganzes Land zusammenkaufen? Gegen den Willen der osmanischen Regierung, die sich immer wieder öffentlich gegen den Zionismus ausspricht? Und selbst wenn er auch das fertigbrächte, dann ergäbe sich daraus noch keine jüdische Herrschaft, die osmanischen Gesetze, das Wort des Sultans wären nicht außer Kraft gesetzt.

Ruppin weiß nicht, wie er diese Probleme lösen soll. Aber er ist Pragmatiker. Also fängt er einfach an.

Die ersten Siedlungen

Zu diesem Zeitpunkt verfügt er über genau vier Grundstücke, die Zionisten aus der Ferne gekauft haben. Unter anderem 6.000 Dunam, etwa sechs Quadratkilometer, am Südufer des Sees Genezareth. Fotos aus der damaligen Zeit zeigen einen steinigen, gottverlassenen Berghang, und wenn sich Ruppin nichts einfallen lässt, wird er diesen bald an den osmanischen Staat verlieren. Das geschieht nach osmanischem Gesetz, wenn ein Stück Land nicht innerhalb von drei Jahren nach dem Kauf bewirtschaftet wird – diese drei Jahre laufen in wenigen Monaten ab.

Also investiert Ruppin sein gesamtes erstes Jahresbudget in den Plan eines russischen Juden, der versichert, er werde in der Ödnis Getreide pflanzen. Der Russe heuert Arbeiter an, die erste Häuser errichten. Auf Kamelen lässt er Eukalyptussetzlinge herbeischaffen. Sie taufen das Dorf Kinneret.

Ein zweites Grundstück, einige Hundert Meter südlich, am anderen Ufer des Jordan, verpachtet Ruppin an sieben Arbeiter, die dort eine sozialistische Kommune aufbauen wollen. Ruppin gibt ihnen acht Maultiere, vier Pflüge und Werkzeuge. Sie nennen ihr Dorf Degania.

1910 siedeln Juden in Degania, dem ersten Kibbuz Israels (oben). Beim Erntedankfest 2015 spielen dort Mädchen im Heu (unten). © Sipa/action press, Ronen Zvulun/Reuters

Auch die anderen beiden Grundstücke werden bald bewirtschaftet, auf dem einen, beim arabischen Dorf Hulda, lässt Ruppin einen Olivenwald pflanzen, das andere verpachtet er an einen deutschen Juden, der ostfriesische Milchkühe importieren will.

Ruppin ist jetzt ein Jahr hier, und noch fühlt es sich nicht an wie Heimat. Er hadert mit der hebräischen Sprache, zwar nimmt er Unterricht bei seinem Nachbarn, dem Schriftsteller und späteren ersten israelischen Literaturnobelpreisträger Samuel Agnon, aber er spricht immer noch am liebsten Deutsch. Er vermisst Rucksackwanderungen durch deutsche Bergwälder, hier gibt es nicht mal richtige Wege für Sonntagsspaziergänge. Während des Studiums in Berlin besuchte er Konzerte, hier gibt es ein halbes Dutzend Klaviere, alle in Privatbesitz. In Europa kannte er gute Ärzte, hier stirbt seine schwangere Frau an einer Blutvergiftung.

Im Frühjahr 1909 suchen ihn einige Juden aus Jaffa auf und bitten ihn um die Finanzierung eines modernen Stadtviertels nach europäischem Standard, mit Toiletten in den Häusern und asphaltierten Bürgersteigen. Einen Ort haben sie schon im Auge, eine sandige Dünenlandschaft, nicht weit vom Strand.

Ruppin besorgt ein Darlehen in Europa, dann beginnt der Bau der ersten Häuser. Ruppin plant einen Spielplatz, ein großes Gebäude, in das bald das Hebräische Gymnasium ziehen könnte, eine 30 Meter breite Straße. Der neue Vorort von Jaffa bekommt den Namen "Hügel des Frühlings" – Tel Aviv.

Palästina, das muss man sich manchmal in Erinnerung rufen, wenn man Ruppins Schriften liest, gehört damals immer noch zum Osmanischen Reich. Und dessen Regierung hält nichts vom Zionismus. Deshalb arbeiten Ruppin und seine Leute so leise wie möglich. Und wenn die Behörden doch etwas mitbekommen, sind sie erfinderisch. Auf Bauanträgen geben Juden manchmal den Namen eines Arabers an. Wird ihnen im Hafen die Einreise verweigert, nehmen sie den Landweg über Ägypten. Und wenn alles nicht hilft, zahlen sie ein bisschen Bakschisch, Bestechungsgeld, das hilft immer.

Es ist ein bürokratischer Guerillakampf, manchmal verlieren die Zionisten, aber oft gewinnen sie, und jeder Sieg bringt sie ein Stück weiter, jeder Sieg schafft Fakten. Ruppin nennt es das "Gewicht der Tatsachen". Wollten die Behörden ein nicht genehmigtes Haus wieder einreißen, müssten sie schweres Gerät herbeischaffen. Um jemanden auszuweisen, müssten sie Polizisten aufbieten. Und um die anschließenden Proteste niederzuschlagen, müssten sie eine ganze Einheit abstellen. Meist ist ihnen das zu mühsam.

Sie lassen Ruppin machen, und dabei entgeht ihnen etwas Entscheidendes: Er kauft nicht nur Land, baut nicht nur Siedlungen. Es gibt noch einen unsichtbaren, vielleicht sogar wichtigeren Teil seiner Arbeit: Im ganz Kleinen gebiert Ruppin eine zarte Form jüdischer Herrschaft. Er schreibt Lehrpläne für jüdische Schulen. Er begrüßt neue Einwanderer im Hafen und verteilt sie auf Farmen. Und er wird zum Richter.

Als die jüdischen Bewohner eines Dorfes sich zerstreiten, rufen sie nicht die osmanische Polizei, sondern Arthur Ruppin. Er fährt hin, hört alle Parteien an und verkündet noch am selben Abend das Urteil. Einen "besonders argen Störenfried" verbannt er aus dem Dorf. Das Interessante ist nicht das Strafmaß, sondern die Tatsache, dass sich alle daran halten. Selbst der Verbannte.

Um tatsächlich einen jüdischen Staat zu erschaffen, müsste Ruppin nun diese noch winzige Form der Staatsgewalt ausbauen und stärken, er müsste Polizisten einstellen, Gerichte gründen, einen Verwaltungsapparat aufbauen. So wie bei einem Embryo die Organe: Früh angelegt, müssen sie nur noch wachsen. Aber das wird nicht möglich sein. Nicht unter den Osmanen. Die sprechen schon jetzt vom Palästina-Amt mit seinen 15 Mitarbeitern als heimlichem Ministerium, von Ruppin als dessen Ministerpräsident.

Ruppins Guerillataktik eignet sich gut, um einen Anfang zu machen, aber für den nächsten Schritt, für das Wachstum, muss sich etwas ändern. Ruppins Antwort wirkt auf den ersten Blick einfallslos, wird sich aber als effektiv herausstellen. Er wartet einfach ab.

Der Sultan mag auch morgen und übermorgen noch dieses Land regieren, das auch morgen und übermorgen noch zum Osmanischen Reich gehören mag, aber irgendwann, vielleicht, wird etwas geschehen, womit heute niemand rechnet, und dann wird sich das alles ändern. Auf diesen Moment muss man bestmöglich vorbereitet sein.

Eroberung ohne Waffen

Ruppin verbringt jeden Monat zehn Tage auf der Kutsche, die Knochen durchgeschüttelt von löchrigen Wegen. Wie ein fahrender Immobilienmakler kauft er billiges Land von Arabern und verkauft oder verpachtet es weiter an Juden. 30.000 Dunam Sumpfgebiet im Norden, 4.000 Dunam Sandboden in der judäischen Ebene, 2.000 bei Ramallah, 7.000 bei Gaza und, sein Favorit, ein Prachtgrundstück auf dem Skopusberg, im Osten Jerusalems.

Als er es besichtigt, blickt er hinunter zum Tempelberg, Heiligtum der Juden. Darauf erhebt sich, mit goldener Kuppel, der Felsendom, Heiligtum der Muslime. "Schon damals war mir klar, dass es keinen geeigneteren Ort für die Errichtung eines großen repräsentativen öffentlichen Bauwerks für uns Juden gäbe", schreibt Ruppin später.

Bisher war es in der Geschichte meistens so: Will jemand Land erobern, greift er zu den Waffen. Ruppin erobert Land – und tut das ohne Waffen.

In Kinneret eröffnet eine Landwirtschaftsschule für Mädchen. Die Kommune in Degania nennt sich jetzt Kibbuz. In Hulda wächst der Olivenwald. In Tel Aviv eröffnet das Hebräische Gymnasium. In Jerusalem finanziert ein galizischer Jude ein weiteres. Aber noch immer wartet Ruppin auf die entscheidende Veränderung, die es ihm erlaubt, die zarte Staatsgewalt zu vergrößern, die jüdische Herrschaft auszuweiten. Dann kommt ihm die Weltgeschichte zu Hilfe.

In Dünen am Mittelmeer gründen jüdische Siedler am 11. April 1909 Tel Aviv (oben). Heute ist daraus eine Metropole mit Hochhäusern geworden (unten). © United Archives/mauritius images, Corinna Kern für DIE ZEIT

Als sich 1918, nach vier Jahren Krieg, der Gefechtslärm über Europa und dem Nahen Osten legt, existiert das Osmanische Reich nicht mehr. Dafür stehen jetzt britische Truppen in Palästina. Da trifft es sich gut, dass Chaim Weizmann, ein Freund Ruppins und der wichtigste Zionist in London, während des Krieges immer wieder Mitglieder der britischen Regierung getroffen und diese vom Zionismus überzeugt hat.

Für Ruppin sind die Briten, mehr Verwalter als Herrscher, die idealen neuen Machthaber in Palästina. Er plant, in den kommenden Jahren Hunderttausende Juden ins Land zu holen. Die Araber werden protestieren, aber wird das die Briten wirklich kümmern?

Grafik zu Jerusalem

© ZEIT-Grafik

An einem sonnigen Julinachmittag 1918 strömen zionistische und britische Führer in ein blumengeschmücktes Zelt auf dem Skopusberg in Jerusalem. Dort legt Chaim Weizmann den Grundstein für das repräsentative Gebäude, von dem Ruppin geträumt hat – die Hebräische Universität. Gemeinsam singen die Gäste God Save the King und die Hatikva, die Hymne der Zionisten.

Innerhalb weniger Wochen bauen die Juden das Palästina-Amt zu einer Behörde mit einhundert Mitarbeitern aus. Sie nennt sich jetzt Zionistische Kommission und spiegelt exakt den Aufbau der britischen Verwaltung. "Weizmann zufolge sollte sie als eine Art ausländische Botschaft dienen, aber im Grunde entwickelte sie sich schon bald zur ersten zionistischen Regierung", schreibt der israelische Historiker Tom Segev in den neunziger Jahren.

Die Kommission versorgt die jüdische Bevölkerung mit Medikamenten, Mietzuschüssen, Krediten und Genehmigungen für den Synagogenbau. Sie unterstützt Alte, Schüler, Invaliden und Waisen mit Essen und bezahlt Kriegswitwen eine monatliche Rente. Das Geld kommt hauptsächlich von reichen Spendern in Amerika.

Wenn Arthur Ruppin nun das Land bereist, fährt er mit einem Auto über asphaltierte Straßen, überall wird gebaut. In Tel Aviv leben mittlerweile fast 4.000 Menschen, die Hauptstraße ist bis zum Meer gepflastert. In Dutzenden neuen Kibbuzen nach dem Vorbild Deganias bringen Bauern die Saat aus. Bei Hulda ist der Wald mittlerweile so stattlich gewachsen, dass die arabischen Nachbarn Anstoß daran nehmen. Als Ruppin hinfährt, erzählen ihm die Juden eine Geschichte, die er sofort in sein Tagebuch schreibt: Neulich sei der britische Gouverneur in Hulda gewesen, und die Araber hätten sich über ihre jüdischen Nachbarn beschwert. Der Gouverneur fragte: "Wie lange seid ihr schon hier auf dem Boden?" – "Seit undenklichen Zeiten, wahrscheinlich seit tausend Jahren", antworteten die Araber. – "Und wie lange sind die Juden hier?" – "Höchstens zehn Jahre." – "Und warum habt ihr in tausend Jahren keinen einzigen Baum angepflanzt, die Juden aber in zehn Jahren einen ganzen Wald?"

Unter der britischen Herrschaft gedeiht die jüdische Gesellschaft wie ein gesunder Embryo im Mutterleib. In den zwanziger Jahren wandern hunderttausend Juden ein. Die Zionisten erhalten von den Briten das Recht, lokale Steuern zu erheben, Strom zu erzeugen und die Schulen zu kontrollieren. Dort wird jetzt auf Hebräisch unterrichtet. Auch Steuerformulare und Bahnfahrkarten werden auf Hebräisch gedruckt. Gleichzeitig schließen sich Juden zu einer Miliz zusammen, die stolz durch die Städte paradiert.

Arthur Ruppin heiratet wieder, eine weißrussische Jüdin. Sie bekommen zwei Kinder und ziehen in ein neues Stadtviertel Jerusalems, im Garten pflanzt der Hobbybotaniker einen Olivenbaum. Ein Jahr nachdem 1925 die Universität eröffnet, hält Ruppin dort seine erste Vorlesung. Sein Hebräisch hat noch immer einen schweren Magdeburger Akzent.

Die Gewalt eskaliert

In den dreißiger Jahren kommt noch mal eine Viertelmillion Juden ins Land, viele fliehen vor den Nazis, unter ihnen zahlreiche Bürgerliche, die sich in den Städten niederlassen. Tel Aviv schwillt an zu einer 200.000-Einwohner-Metropole. Die Menschen leben in vierstöckigen Gebäuden, arbeiten in Fabriken und tanzen in Bars durch die Nächte. In den Konzertsälen der Stadt gastieren Weltstars, Ruppin gibt Abendessen für Arturo Toscanini und Albert Einstein.

Als er mit seiner Tochter ein Fußballspiel von Maccabi Tel Aviv besucht, staunt er über das neue Stadion, das 10.000 Zuschauer fasst. Ruppin führt ein Politikerleben, er leitet zehnstündige Sitzungen, in denen sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer streiten, reist auf diplomatischen Missionen nach Amerika, Russland und Brasilien, entwirft eine Nationalanleihe und gründet eine Bank. Um seine Dörfer kümmert er sich wie ein Vater. In Kinneret steckt er einmal einem Siedler 17 Lira zu. Er soll in den Irak fahren, um Dattelsetzlinge zu kaufen, in Palästina werden bisher keine Datteln angebaut, aber klimatisch müssten sie hier eigentlich wachsen, denkt Ruppin.

Am Anfang der britischen Herrschaft 1918 stellen die Juden ein Zehntel der Bevölkerung. Am Ende, 30 Jahre später, ein Drittel. Natürlich schauen die Araber dabei nicht einfach tatenlos zu.

1920 plündert ein arabischer Mob jüdische Geschäfte in Jerusalem.

Kurz darauf werden in einem Dorf acht Juden erschossen.

1921 zertrampeln Araber in einer Religionsschule in Jaffa Thora-Rollen. Am Ende sind 47 Juden tot und 48 Araber.

Ruppin ist geschockt. Zwar weiß er seit seiner ersten Reise, dass Palästina kein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land ist, wie viele Zionisten in Europa behaupteten. Schon bei der Gründung Kinnerets im Jahr 1908 musste ein arabischer Pächter vertrieben werden. Aber Ruppin hatte gehofft, dass beide Völker ausreichend Platz in diesem Land finden. Verzweifelt gründet er die Vereinigung Brit Schalom, "Friedensbund", die sich um Verständigung bemühen soll. Aber es ist zu spät, auf arabischer Seite findet er kaum einen Gesprächspartner, der etwas ausrichten kann. Unter den Arabern wächst der Nationalismus, aber politisch sind sie völlig unorganisiert.

1929 ermorden Palästinenser in Hebron 67 Juden.

1933 greifen sie im ganzen Land Juden an.

1936 entfesseln sie einen nationalen Aufstand. Ruppin schläft jetzt mit seinem Browning-Revolver auf dem Nachttisch.

Desillusioniert schreibt er: "Verhandlungen bringen uns zur Zeit nicht weiter. Sein oder Nichtsein der zionistischen Bewegung hängt davon ab, ob es uns gelingen wird, unter dem Schutze der Mandatsregierung noch weitere fünf oder zehn Jahre unsere Zahl und Kraft hier so zu vermehren, dass wir den Arabern ungefähr die Waage halten können. Das ist vielleicht eine bittere Wahrheit, aber es ist meiner Meinung nach die Wahrheit."

Die Gewalt eskaliert Ende der dreißiger und Anfang der vierziger Jahre so sehr, dass die Briten schließlich auf die arabische Forderung eingehen, die jüdische Einwanderung zu stoppen.

Ausgerechnet jetzt.

In Europa haben die Nazis damit begonnen, Juden in Konzentrationslagern zu ermorden. Der Antisemitismus, jahrhundertealt, gipfelt im Holocaust – diesem Menschheitsverbrechen, das endgültig zeigt: Wenn es überhaupt jemanden gibt, dem es zusteht, sich ein Land anzueignen, um dort Zuflucht zu finden, dann sind es die Juden. Das jüdische Volk sehnt sich nicht nach Macht, sondern nach Sicherheit. Es wird mehr nach Palästina getrieben als von dort angezogen. Zur Tragik der Geschichte gehört, dass Antisemiten in den folgenden Jahrzehnten auch das gegen die Juden wenden werden: Haben sie sich gierig ein Land zusammengerafft?

Man kann sich vorstellen, wie sich Ruppin gefühlt haben muss, als er in Jerusalem erfährt, dass in Deutschland seine alten Freunde ermordet werden und mit ihnen das halbe Volk. Natürlich ist es da unerträglich, dass die Briten keine Juden mehr ins Land lassen. Also folgen die Zionisten wieder ihrer Guerillataktik. Nachts lotsen sie Dutzende Schiffe mit Flüchtlingen heimlich in den Hafen.

Als die Briten den Ausbau der jüdischen Miliz verweigern, bilden Zionisten im Untergrund Terrorgruppen, die nicht nur Anschläge gegen Araber verüben, sondern auch gegen die Briten. Als die Herrscher daraufhin jüdische Kämpfer verhaften lassen, werden diese von ihren Kameraden befreit. Als die Briten einige Kämpfer töten, lynchen die Juden aus Rache zwei britische Offiziere.

Die moderaten Zionisten um Arthur Ruppin verurteilen die Gewalt und wollen die Briten im Land halten, um unter ihrem Schutz noch stärker zu werden. Aber radikalere Kräfte preschen jetzt voraus. Für sie gleicht die Lage der Schlussphase der osmanischen Herrschaft: So wie damals Ruppins Guerillataktik an ihr Ende gekommen war, lassen die Briten jetzt kein weiteres Wachstum mehr zu. Also muss sich etwas ändern. Statt nur zu warten, versuchen die radikalen Zionisten diesmal, den Wandel zu beschleunigen.

Als 1946 jüdische Terroristen mit in Milchkannen versteckten Bomben das King-David-Hotel sprengen, in dem ein Teil der britischen Verwaltung untergebracht ist, und 91 Menschen töten, reicht es den Briten. Sie beschließen zu gehen.

Dreißig Jahre zuvor, am Ende des Ersten Weltkriegs, waren die Juden besser vorbereitet auf die Zeitenwende als die Araber. Nun sind sie es wieder. Die Palästinenser haben weder Infrastruktur noch politische Institutionen, die Juden hingegen verfügen über einen Staatsapparat, dem nur noch eins fehlt – der Name.

Bevor die Briten abziehen, übergeben sie deswegen den Zionisten die Schlüssel. Im Fernsprechamt, in den Wasserwerken, beim Rundfunk, in der Statistikbehörde und dem Amt für Stadtplanung werden die Mitarbeiter weiterbeschäftigt, nur die Chefs wechseln, vorher waren es Briten, jetzt sind es Zionisten.

Am 14. Mai 1948 endet offiziell die britische Herrschaft über Palästina.

Am selben Tag trifft sich in Tel Aviv die zionistische Führung im Kunstmuseum am Rothschild-Boulevard. Unter einem Porträt Theodor Herzls steht David Ben Gurion, in den Jahren zuvor zum politischen Führer gewachsen, und verliest die Unabhängigkeitserklärung. Draußen im Land sitzen die Menschen vor den Radiogeräten und hören zu. 32 Minuten redet Ben Gurion, dann sagt er: "Der Staat Israel ist gegründet. Die Versammlung ist beendet." In den Straßen brandet Jubel auf.

Einer ist an diesem Tag nicht dabei: Arthur Ruppin.

Ruppins zwiespältiges Erbe

Sein Sohn erinnert sich noch heute, wie in der Euphorie dieser Tage Freunde zu ihm sagten: "Wäre dein Vater noch am Leben, wäre er jetzt Präsident Israels." Arthur Ruppin aber starb fünf Jahre vor dem Ereignis, für das er so hart gearbeitet hatte. Am 1. Januar 1943 brach er, 66 Jahre alt, in seinem Garten in Jerusalem zusammen.

Der amerikanische Präsident Harry Truman erkennt Israel sofort an, die britische Zeitung The Guardian schreibt vom "natürlichen und historischen Recht" der Juden auf ein eigenes Land. Auf der anderen Seite erklären fünf arabische Staaten ihrem neuen Nachbarn am ersten Tag seiner Existenz den Krieg. Die Kämpfe dauern Monate und bewirken einen gigantischen Bevölkerungsaustausch. 750.000 Palästinenser fliehen oder werden vertrieben. Umgekehrt suchen 700.000 Juden aus islamischen Ländern Schutz in Israel. Viele kommen in leer stehenden arabischen Häusern unter.

Israel gewinnt den Krieg und sichert seine Grenzen. Dass die nicht das Westjordanland einschließen, das Land der Bibel, bedauern nur die wenigen Frommen. Den meisten Juden in Israel geht es nicht um Religion, sondern um Sicherheit.

In den Jahrzehnten danach wächst Israel zu einem modernen, prosperierenden Staat. 1979 schließt Ägypten als erstes arabisches Land Frieden mit seinem Nachbarn. 1994 folgt Jordanien. Und vor wenigen Tagen hat auch der saudische Kronprinz das Existenzrecht Israels anerkannt.

In Kinneret liegen heute neben dem Dorf riesige Felder mit stattlichen Palmen. Nachdem der Siedler in Arthur Ruppins Auftrag Setzlinge aus dem Irak mitgebracht hatte, entwickelte sich von hier aus die israelische Dattelindustrie. Kinnerets 700 Einwohner exportieren Dattelprodukte in alle Welt.

Der Blick hinüber ins Jordantal, zum Kibbuz Degania, wo Ruppin begraben liegt, zeigt die unfassbare Entwicklung, die er angestoßen hat. 1908 war diese Landschaft tot, heute blüht hier, bewässert von Hightech-Anlagen, die das Jordanwasser in der ganzen Region verteilen, ein Paradies aus Orangenhainen, Melonenfeldern und Mandelbäumen. Im Zentrum Tel Avivs, wo einst die ersten Bewohner durch den Sand stapften, trinkt heute die Hipsterjugend Cashewmilch-Cappuccinos. Die Hebräische Universität hat inzwischen acht Nobelpreisträger hervorgebracht.

Viele Zionisten in Ruppins Zeit wussten um den Widerspruch, dass die Landnahme, die sie als ihr Recht verstanden, gleichzeitig ein Unrecht war. Am Ende beruhigten sie sich damit, dass sie den Palästinensern noch genug Land ließen zum Leben. Genug auch, kann man argumentieren, für eine Zweistaatenlösung. Das ist die Erfolgsgeschichte des Ruppin-Prinzips, aber sie ist nur ein Teil der Erzählung.

Es gibt noch einen zweiten Teil, denn einigen Zionisten war das nicht genug.

Ruppins Methode des Faktenschaffens ist nicht mit ihm gestorben, ein anderer Mann hat sie sich angeeignet, einer, der sich als Erbe Ruppins versteht, aber Motive hat, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Dieser Mann heißt Pinchas Wallerstein. Auf Videos und Fotos im Internet lächelt einem ein kleiner älterer Mann mit Kippa entgegen. Wenn man ihn anruft und nach einem Interview fragt, sagt er, er würde gern reden, nur dürfe er nicht. Dieser Regierungsjob, den er habe, das sei zu heikel. Aber Wallerstein, um die siebzig, ist schon einige Jahre dabei, und seine Geschichte ist gut dokumentiert, in Büchern, Artikeln und früheren Interviews.

Wallerstein benutzt dieselben Methoden, mit denen Ruppin den Juden Sicherheit verschaffen wollte, so, dass sie das Gegenteil bewirken: zunehmende Unsicherheit.

Um das zu verstehen, muss man zurückspringen in den Juni 1967, als Israel, gerade 19 Jahre alt, in sechs Tagen Krieg gegen seinen Nachbarn Jordanien das Westjordanland erobert. Wallerstein, ein ultrareligiöser junger Mann, kämpft als Soldat an der Front – und in seinem Herzen keimt das Verlangen, hier zu leben.

Religiöse Juden wie Wallerstein nennen dieses Land um Bethlehem und Jericho ehrfürchtig "Judäa und Samaria". Dies sind die Berge der Bibel, hier sprach Gott zu Abraham, hier regierte König David, nachdem er Goliath besiegt hatte.

Sie empfinden den Zionismus als unvollendet, als stehen geblieben in der Küstenebene, in einer Region, die religiös völlig unbedeutend ist.

Und da jetzt, im Sommer 1967, die israelische Armee dieses Land kontrolliert, kitzelt die Verheißung auf die ersehnte heilige Erde die orthodoxen Seelen.

Nachdem die Zionisten den Palästinensern einen Teil ihres Landes genommen haben, wollen die Religiösen auch den Rest. Dass sie auf diese Weise ein neues Volk ohne Land schaffen würden, ist für sie nicht so wichtig.

Mit einigen Getreuen schmiedet der junge Wallerstein in den Jahren nach dem Sechstagekrieg einen Plan – und es wiederholt sich das Ruppin-Prinzip. Wie die schlechte Neuverfilmung eines schönen Klassikers.

Diesmal sind die Pioniere, die siedeln wollen, religiöse Eiferer, und die Macht, die das verhindern will, ist keine fremde Regierung, sondern ihre eigene, geführt von Izchak Rabin von der sozialdemokratischen Arbeitspartei. Rabin will das Westjordanland zwar besetzt halten, aber gesiedelt werden soll hier nicht. Dies entspricht dem Willen der Vereinten Nationen, hier soll einmal ein Palästinenserstaat entstehen.

Wie einst Ruppin greift Wallerstein zur Guerillataktik. An einem Sonntag im April 1975 steuern die Siedler ihre Autos von Jerusalem nach Norden, hinein ins Land der Bibel, vorbei an der Stadt Ramallah, bis zur Ruine einer jordanischen Luftwaffenbasis. Dort nisten sie sich ein. Sie überkleben zerbrochene Fensterscheiben mit Plastikplanen, schleppen Wassertanks heran, zapfen eine palästinensische Stromleitung an und graben ein Loch für eine Kloake. Als die israelische Regierung die Aktion zwar verurteilt, aber keine Soldaten schickt, um die Siedler zu stoppen, wissen sie, dass sie gewonnen haben.

Ein neues 1948?

Die Osmanen nahmen die zionistischen Pioniere erst nicht ernst und verschwanden dann auf dem Friedhof der Großreiche.

Die Briten ließen die Juden erst machen, und als der Terror Menschenleben kostete, ergriffen sie die Flucht.

Die Rabin-Regierung schreitet nicht ein, weil sie sich fürchtet vor der Macht der orthodoxen Gemeinschaft, die seit der säkularen Zeit Ruppins beträchtlich gewachsen ist.

Und so dürfen die Siedler bleiben, sie taufen ihre Siedlung auf den Namen Ofra, Wallerstein wird ihr Chef. Wie einst Ruppin wartet er darauf, dass sich an der Spitze des Staates etwas ändert, denn Rabin hat zwar stillgehalten, aber den Bau weiterer, größerer Siedlungen, wie Wallerstein sie sich vorstellt, würde er wohl doch verhindern.

Wie Ruppin bleibt auch Wallerstein beim Warten nicht tatenlos. Er lockt weitere Menschen nach Ofra, er baut eine Synagoge, einen Kindergarten. Und dann, sehr schnell, hat das Warten ein Ende: Bei den Wahlen 1977 kommt die rechte Partei Likud an die Macht und erkennt die Siedlung Ofra an.

Unter dem Schutz der neuen Regierung und einiger ihrer Nachfolger boomt der Siedlungsbau wie einst unter den Briten. Im gesamten Westjordanland lassen sich Gruppen religiöser Juden nieder. Es ist erstaunlich, wie sehr sich die Entwicklung gleicht. Aus Wegen werden Straßen, aus Dörfern Städte, aus Vorläufigem wird Dauerhaftes. In Ruppins Zeit wanderten 500.000 Juden nach Palästina ein, in Wallersteins Zeit 400.000 ins Westjordanland. Damals brach alle paar Jahre Gewalt aus, sodass Ruppin von einem "latenten Kriegszustand" schrieb, in dem man mit den Arabern lebe und der sich "naturnotwendig von Zeit zu Zeit" entladen müsse. Heute ist es nicht anders. Alle paar Jahre führen die Israelis einen Minikrieg gegen die Palästinenser, dazwischen gibt es immer mal wieder Scharmützel wie in diesen Tagen im April 2018. Aber im Kern ist die israelische Gesellschaft davon nicht bedroht. Genauso wenig, wie es damals die zionistische war.

Es mag verwundern, dass Ruppin und Wallerstein, zwei Pragmatiker, die mehr ihrem Instinkt folgen als einer Strategie, die keine politische Ausbildung haben und ständig auf Unvorhergesehenes reagieren müssen, auf Zufälle und Rückschläge, so erfolgreich sind. Aber vielleicht hat das einen einfachen Grund.

In der Zeit, als bei den Briten nacheinander acht Hochkommissare und 18 Kolonialminister für Palästina zuständig waren, stand auf der anderen Seite immer Arthur Ruppin.

In Israel führten seit der Gründung Ofras acht Ministerpräsidenten zwölf Regierungen mit wechselnden Ministern. Auf der anderen Seite stand immer Pinchas Wallerstein.

Wenn man sein ganzes Leben einer Sache widmet, kann man auch mal warten, bis auf der Gegenseite jemand auftritt, der zu einem passt. Und in dieser Hinsicht ist Wallerstein sogar noch im Vorteil gegenüber seinem historischen Vorbild.

Während die Briten Ruppin meistens nur gewähren ließen, ohne ihn direkt zu unterstützen, wechselt die israelische Regierung spätestens unter Benjamin Netanjahu, der 1996 zum ersten Mal Ministerpräsident wird, die Seiten. Von "Wir sind dagegen, aber lassen euch machen" zu "Wir sind dafür und helfen, wo wir können". Die Regierung will es sich nicht mit den Religiösen verscherzen, die mittlerweile aufgrund ihrer hohen Geburtenrate mehr als ein Fünftel der jüdischen Bevölkerung ausmachen.

Jetzt kann eigentlich nur noch ein Akteur erfolgreichen Widerstand gegen neuen Siedlungsbau leisten, das eine Land, auf das die Israelis zumindest ein wenig hören – die USA.

Und tatsächlich schaffen es die amerikanischen Präsidenten Bill Clinton, George W. Bush und Barack Obama, alle drei Gegner der israelischen Siedlungspolitik, dass Israel während ihrer Amtszeiten keine neue Siedlung baut, seit 1992. Das mag so aussehen, als habe die israelische Regierung dem Druck nachgegeben. In Wahrheit wartet sie nur ab, dass sich etwas ändert, so wie Wallerstein, so wie einst Ruppin.

Im Januar 2017 zieht Donald Trump, nach einem sehr proisraelischen Wahlkampf, ins Weiße Haus ein. Einen Monat später genehmigt die Netanjahu-Regierung den ersten Bau einer neuen Siedlung im Westjordanland. Noch einen Monat später genehmigt sie den Bau Amichais.

Sieben Monate später gründet Netanjahu eine Siedlungskommission und ernennt Pinchas Wallerstein, den ehemaligen Rebellen, zu ihrem Chef. Seine Aufgabe: Er soll Wege finden, illegale Siedlungen zu legalisieren. Knapp hundert davon gibt es im Westjordanland laut der Organisation Peace Now. Jetzt, da die Bedingungen in Washington günstig sind, nutzt Israel die Chance und schafft neue Fakten.

Eine Zweistaatenlösung, immer noch Hoffnung der internationalen Politik, ist damit noch viel unwahrscheinlicher geworden. Da könnte man auch gleich auf die Rückkehr der Briten warten. Oder die der Osmanen.

Im Moment sieht es eher so aus, als könne Wallersteins Plan aufgehen, nicht morgen, nicht übermorgen, aber irgendwann: ein neues 1948. Ein großes Ereignis, vielleicht wieder ein Krieg. Einer, der die Palästinenser aus dem Westjordanland vertreibt, wie der Unabhängigkeitskrieg sie aus großen Teilen Israels vertrieben hat.

Am Montag vergangener Woche tragen die ersten Bewohner Amichais unter wolkenlosem Himmel Umzugskisten in ihre Containerhäuser. Unter einer Girlande aus roten und gelben Luftballons stoßen sie mit Rotwein auf ihr neues Zuhause an. Auf Twitter posten sie Bilder davon. Die Menschen auf diesen Bildern haben ein breites Lächeln im Gesicht. Und die meisten dieser Menschen sind Kinder. Wenn vom Faktenschaffen die Rede ist, wird die grundsätzlichste Art, dies zu tun, oft übersehen. Eine ultraorthodoxe israelische Frau bekommt im Durchschnitt sieben Kinder. In zwei Generationen werden die Ultraorthodoxen fast die Hälfte der jüdischen Bevölkerung ausmachen – und leben wollen sie vor allem an einem Ort: im Westjordanland.