Rayan kam aus der Banlieue ins Ministerium, Delphine sitzt mit 32 im Parlament: Macrons Politiker sind jünger, bunter – aber sind sie wirklich anders als die alte Elite?

Der Abgeordnete Sacha Houlié hat die alte französische Politik überholt. Schnell, mit starrem Blick durchquert er einen Saal der französischen Nationalversammlung. Über ihm goldene Kronleuchter, unter ihm Marmorfußboden. Vorbei an einem älteren Abgeordneten, Mitte 50, Glatze, der gerade vor Radiojournalisten zur illegalen Parteifinanzierung seines Ex-Präsidenten Sarkozy Stellung nimmt. Houlié, Abgeordneter der Macron-Partei La République en Marche (LREM), ist gerade mal 29 Jahre alt und neu in der Nationalversammlung. Sein Weg ist frei, er biegt ab in den Gang Richtung Plenarsaal.

Sacha Houlié hat seinen Aufstieg auch dem Veränderungswillen von Emmanuel Macron zu verdanken. Der Präsident, 40, ein Jahr im Amt, will die Republik umkrempeln: inhaltlich, personell, politisch. Einigen Franzosen gehen diese Veränderungen zu weit. Im März und April protestierten Bahnmitarbeiter und Beamte gegen Reformen. Auch Studenten blockierten landesweit Hörsäle. Denn Macron will mit einem neuen Gesetz das Zulassungssystem der Universitäten ändern. Sie dürfen ihre Studenten nun stärker auswählen. Kritiker warnen, dass dadurch soziale Aufstiege erschwert werden könnten.

Macrons wichtigstes Wahlversprechen war: die Erneuerung, "le renouveau". Das gilt auch für die Politik. Er wetterte gegen die "Kaste" der Berufspolitiker, gegen das "Unter-sich-Bleiben", gegen das "System". Im alten System kamen viele hohe Beamte, Minister und vier der acht Präsidenten der Fünften Republik von Eliteuniversitäten wie der "École Nationale d’Administration" (ENA). Obwohl Macron selbst auf diese Schule gegangen ist, garantierte er als Präsident, neue Minister und Abgeordnete sowie mehr Leute aus der Zivilgesellschaft in die Politik zu holen. Auch symbolisch rückte er die Bewohner der vernachlässigten Vororte in seinen Fokus. Orte, an denen nur blieb, wer nicht gehen konnte. Macron verkündete seine Präsidentschaftskandidatur mitten unter ihnen: in einem Ausbildungszentrum in der Pariser Banlieue. Umgeben von kaputten Autos.

Hat Macron dieses Versprechen der Erneuerung in seinem ersten Jahr als Präsident eingelöst?

Vor einem Jahr saß der Anwalt Sacha Houlié in einer Bar im Pariser Ausgehviertel Oberkampf und schwärmte für den Fanclub Jeunes avec Macron, den er zusammen mit drei Freunden gegründet hatte. Heute sind 26.000 Jugendliche in dem Verein organisiert, Houlié hat den Gerichtssaal gegen den Plenarsaal getauscht. Er ist der jüngste Vizepräsident der Nationalversammlung in der französischen Geschichte. Die Zeitung Le Monde nannte ihn im Herbst einen "Sniper" Macrons, der auf Abruf vor Fernsehkameras die Politik seines Präsidenten verteidige. "Das schmeichelt", sagt Houlié in seinem Abgeordnetenbüro, "aber ich kann nicht nur austeilen." Er sei mehr als ein Aushängeschild der Erneuerung.

Die französische Nationalversammlung ist gerade eine Baustelle. Bretter verdecken am Eingang die mächtigen Säulen und Stufen, die ausgetauscht werden. Auch die Abgeordneten sind runderneuert, wie Studien der Universität Strasbourg und der Universität Sciences Po Paris von 2017 zeigen. Seit der Parlamentswahl im vergangenen Sommer ist das Durchschnittsalter der Abgeordneten auf 49,2 Jahre gesunken, vorher lag es bei 54,6 Jahren. Nur zweimal in der Geschichte waren sie jünger. Besonders die Parteimitglieder von La République en Marche sind verhältnismäßig jung – im Durchschnitt 46,2 Jahre. Fast alle, 89 Prozent, sitzen das erste Mal auf den roten Samtstühlen des Plenarsaals. Sacha Houlié ist einer von ihnen.