So viel öffentliches Interesse an katholischen Schulen gab es lange nicht mehr: Eltern und Schüler schrieben dem Papst, demonstrierten in der Innenstadt, debattierten mit Politikern – und einige gründeten sogar eine Initiative, die die Schulen gleich ganz übernehmen wollte. Seitdem die Erzdiözese Hamburg ankündigte, jede dritte katholische Schule zu schließen, weil ihr das Geld ausgehe, steht die Kirche in den Schlagzeilen. So viel Aufmerksamkeit gab es zuletzt wohl 2010: Damals wurde bekannt, dass sich Priester an mehreren Gymnasien über Jahre hinweg an Schülern sexuell vergangen hatten.

Misswirtschaft und Missbrauchsskandale – das also haben katholische Schulen zu bieten?

Natürlich nicht. Die Taten der übergriffigen Lehrer liegen Jahrzehnte zurück und wurden aufgearbeitet. Von der Schließung sind nur acht Schulen in Hamburg bedroht. Deutschlandweit unterhält die katholische Kirche mehr als hundertmal so viele Schulen, die skandalfrei und tüchtig ihren pädagogischen Aufgaben nachkommen.

Dennoch lässt sich fragen: Warum hört man so wenig von den katholischen Schulen in der Öffentlichkeit? Was – außer dem Vaterunser und Messgesang – lernen die Schüler hier, das Alterskameraden anderswo nicht lernen? Was also ist der katholische Beitrag zu den großen bildungspolitischen Debatten der Zeit: zu Bildungsgerechtigkeit und Toleranz, Integration und Inklusion?

"Leuchtturmprojekte" sollen die katholischen Schulen sein, so wünschte es sich der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Münchner Kardinal Reinhard Marx in einem Interviewbuch mit dem Augsburger Erziehungswissenschaftler Klaus Zierer. Dieser Anspruch aber ist größer als die Leuchtkraft der Schulen. Welche pädagogische Neuerung, welche didaktische Idee, welche schulpolitische Anregung ging in den vergangenen Jahren von katholischen Schulen aus? Selbst Kennern der deutschen Bildungsdebatte fällt es schwer, eine zu nennen.

In der Schullandschaft bilden katholische Schulen eine bedeutende Nische: Rund 900 Schulen befinden sich in katholischer Trägerschaft. Kein anderer Anbieter schulischer Bildung neben dem Staat ist größer. Die evangelischen Schulen sind zahlenmäßig nur halb so stark.

Katholische Schulen haben einen guten Ruf. Vielerorts sind Eltern bereit, das meist moderate Schulgeld von 50 bis 100 Euro zu zahlen; es gibt stets weniger Plätze als Bewerbungen – übrigens auch von nicht katholischen Schülern, die ebenfalls aufgenommen werden. Und das, obwohl die Bindungskraft der Kirchen nachlässt. "Das Religiöse ist bei der Schulwahl gar nicht so wichtig", sagt der Berliner Erziehungswissenschaftler Thomas Koinzer und verweist auf mehrere Umfragen: Hier taucht der Glaube als Motiv stets recht weit hinten auf. Vielmehr suchen die Eltern ein gutes Lernklima, einen gehobenen Leistungsanspruch sowie engagierte Lehrer. Und tatsächlich: Fragt man nach der Zufriedenheit der Eltern, schneiden katholische Schulen gut ab.

Die Bude voll, die Klientel zufrieden – gibt es trotzdem ein Problem? Ja. Denn von Institutionen, die der christlichen Botschaft folgen, erwartet man mehr als zufriedene Selbstgenügsamkeit. In Programmpapieren wie den "Qualitätskriterien für Katholische Schulen" der Bischofskonferenz liest man vom "ganzheitlichen Bildungsverständnis" und von der "personalen Würde des Einzelnen". Im Schulalltag dagegen findet man selten etwas, das es an staatlichen Einrichtungen nicht ebenso oder sogar besser gibt. Auch bei den großen Schulwettbewerben sind selten katholische Vertreter unter den Siegern – beim Deutschen Schulpreis, der bedeutendsten Auszeichnung für gute Schulkonzepte, waren sie noch nie dabei.

Katholische Schulen richten sich an eine bildungsbewusste Mittelschicht. Dafür sorgt schon die Tatsache, dass sich fast die Hälfte ihrer 360.000 Schulplätze in Gymnasien befindet, viele davon mit humanistischer Ausrichtung – Latein als erste Fremdsprache aber erscheint vielen Arbeitereltern weniger erstrebenswert. Katholische Schulen haben im Schnitt mehr Mädchen und weniger Migranten unter ihren Schülern. Das heißt nicht, dass die großen Probleme – Spracharmut, soziale Verwahrlosung oder kulturelle Konflikte –, denen sich Lehrer ausgesetzt sehen, den kirchlichen Schulen unbekannt wären. Doch sie erreichen sie nur gefiltert. Ein bisschen heile Schulwelt von früher, dieses implizite Versprechen halten viele katholische Schulen für interessierte Eltern bereit.