Wenn die Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) im Rampenlicht steht, ist es meist schon zu spät. So musste ihr Direktor José Graziano da Silva im Herbst eingestehen, dass wieder mehr Menschen hungern müssen. Auch wegen dieses Scheiterns von Agrarforschung und -politik legt sich der Brasilianer jetzt für einen Paradigmenwechsel ins Zeug: Für einen UN-Diplomaten erstaunlich deutlich erklärte er vergangene Woche in Rom die Grüne Revolution, diese Umwälzung hin zu einer industrialisierten Landwirtschaft, zum Anachronismus. Mit ihren chemieabhängigen Züchtungen habe sie hohe Getreideerträge nur um den Preis einer dramatischen Zerstörung der Lebensgrundlagen erzielt, sagte da Silva. In Rom sollte ein großes Symposium die Alternative erkunden: Agrarökologie.

700 Teilnehmer kamen zusammen, um die Grenzen linearen Innovationsdenkens zu sprengen. Neben Agrarforschern waren Bauern, Hirten, Fischer, Indigene, Naturschützer, Entwicklungshelfer, Vertreter von Frauengruppen und Lokalregierungen in den FAO-Palast gekommen. Moderne und traditionelle, spezialisierte und übergreifende Kenntnisse in der Vielfalt lokaler Zusammenhänge zu verbinden: Das ist ihre Kernidee.

So wollen agrarökologische Netzwerke Kunstdünger und Pestizide nicht nur reduzieren (siehe dazu das Interview mit dem Präsidenten des Deutschen Bauernverbands), sondern ganz ohne Chemie auskommen. Böden wollen sie nicht nur schonen, sondern erneuern. Dabei haben sie nicht nur Wertschöpfung im Blick, sondern Kulturlandschaften, Zusammenhalt, Demokratie und vor allem: eine sichere Ernährung der Armen.

Wissenschaftler und Landwirte haben etwa im Senegal die Wüste wieder fruchtbar gemacht. In der Demokratischen Republik Kongo halfen solche Netzwerke Dorfbewohnern, im Krieg ohne Hilfe von außen zu überleben. In Indien, Italien oder Mexiko experimentieren sie mit nährstoffreichen Mischkulturen.

Vor zehn Jahren forderte der Weltagrarrat diese Form des "horizontalen Lernens" erstmals ein. Seitdem haben Studien viele Erfolge der Agrarökologie belegt. Noch aber fehlen weitere Empirie und politische Förderung. Umso bedauerlicher, dass die FAO bei ihrer Initiative nur von wenigen einflussreichen Regierungen, etwa Frankreich, Rückhalt bekam.

Die Bundesregierung hingegen ist in der UN-Politik derzeit auf ihre Kandidatur für den Sicherheitsrat fokussiert. Auch der steht erst im Rampenlicht, wenn es zu spät ist. Dabei ist der Kampf gegen Raubbau und Hunger oft die beste Antikriegspolitik, wie ein Bauer aus Mali in Rom betonte: "In Afrika greifen viele Menschen zu den Waffen, weil die Regierungen nichts für sie tun."

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