Als sie den Verurteilten auf Händen trugen, als Massen verzückter Fans sich vor die Polizisten schoben und seine Festnahme in letzter Minute verhindern wollten – da wurde klar: Brasiliens Korruptionsbekämpfer haben sich ein massives Problem eingehandelt.

Luiz Inácio "Lula" da Silva, 72 Jahre, Brasiliens populärer Staatschef aus den Jahren 2003 bis 2011, sitzt seit Samstag im südbrasilianischen Curitiba hinter Gittern und soll dort zwölf Jahre lang bleiben. Für die Strafverfolger ist es der bisher größte Erfolg in einer außergewöhnlichen Kampagne gegen die Korruption. Seit mehreren Jahren geht eine junge Generation von Fahndern, Staatsanwälten und Richtern mit neuen Strategien gegen die alte Geißel vieler Schwellenländer vor – die allgegenwärtige Bestechlichkeit in Verwaltung, Wirtschaft und Politik.

Ein Team um den südbrasilianischen Richter Sergio Moro deckte zuletzt eine Serie von Korruptionsskandalen auf und steckte etliche Politiker und Firmenchefs ins Gefängnis. Ihre Erfolge inspirierten ähnliche Kampagnen in mehreren Ländern Lateinamerikas und darüber hinaus. Vor drei Wochen etwa trat der peruanische Präsident Pedro Pablo Kuczynski wegen Bestechungsvorwürfen zurück. Vergangene Woche wurde die frühere südkoreanische Präsidentin Park Geun Hye zu 24 Jahren Haft verurteilt, unter anderem wegen Bestechlichkeit. Und jetzt sitzt Lula da Silva in Haft, weil er von einer Baufirma eine Wohnung als Geschenk angenommen haben soll.

In Brasilien zeigt sich nun aber auch ein ernstes Problem konsequenter Korruptionsbekämpfung: Je höher sich die Fahnder in Kreise von Spitzenpolitik und -wirtschaft hineinwagen, desto stärker werden sie auch selbst als politische Mitspieler gesehen. Der erfahrene Volkstribun Lula da Silva machte am Wochenende ein wahres Spektakel aus seiner Verhaftung. Statt aufforderungsgemäß mit gepackten Koffern auf der Wache zu erscheinen, organisierte er einen Massenaufmarsch seiner Anhänger in einem Gewerkschaftsgebäude in São Paulo. Er hielt eine messianische Ansprache ("Als Idee lebe ich in euch fort") und zögerte seine Verhaftung stundenlang hinaus. Von seiner Zelle aus erklärte er zum Wochenbeginn, dass er sich als "politischen Gefangenen" sieht.

Der Richter Moro und das ihn umgebende Team von Staatsanwälten vertreten schon seit Jahren offen die Meinung, dass sie auch politisch denken und agieren müssten. Viel Sichtbarkeit und eine große Beliebtheit der Strafverfolger in der Bevölkerung seien nötig, um zu verhindern, dass interessierte Machthaber in der Hauptstadt Brasília sie klammheimlich kaltstellen. Wann immer das Team Moro also etwas aufdeckt oder weitere Übeltäter festnimmt, wird die Sache mit wohlorchestrierten Kampagnen in die Medien gebracht. Die Fahnder betreiben eine volksnahe Website, Staatsanwälte schreiben Enthüllungsbücher, neuerdings läuft sogar eine brasilianische Netflix-Serie über Moro und Co.

Um mittelfristig die ganze Korruptionskultur des Landes zu zerschlagen, wollen die Fahnder Schluss machen mit dem Eindruck der sogenannten impunidade, der Straflosigkeit. Wer in Brasilien bisher einen hohen Posten in Politik oder Wirtschaft bekleidete, wurde selten strafrechtlich belangt oder konnte zumindest mit viel Geld und guten Anwälten seinen Kopf aus der Schlinge ziehen. Im Rest von Verwaltung, Politik und Wirtschaft setzte sich daher die Einstellung durch: Wenn "die da oben" so korrupt sind, warum nicht auch wir? Das ist der tiefere Grund dahinter, dass Moro den Ex-Präsidenten Lula unbedingt hinter Gittern sehen wollte. In dessen Amtszeit blühte in Brasilien eine Kultur gigantischer Selbstbedienung, wovon er unmöglich nichts gewusst haben kann. Moro sendet mit der Festnahme ein Signal: In Brasilien steht keiner mehr über dem Gesetz.

Trotzdem könnte es ein Riesenfehler gewesen sein, ausgerechnet Lula anzugehen. Das fängt damit an, dass da Silva bei den bevorstehenden Wahlen im Oktober erneut kandidieren will. In den Umfragen liegt er seit Wochen weit vorn, sogar in Blitzumfragen nach seiner Festnahme war das noch der Fall. Auch Lulas Arbeiterpartei erklärt bislang, dass sie an seiner Kandidatur festhalten will. Lula könne ja noch Berufung gegen seine Verurteilung einlegen, und notfalls werde er seinen Wahlkampf aus der Zelle heraus führen – unklar ist, ob das erlaubt würde. Die Botschaft ans Wahlvolk verfängt durchaus. Sie lautet: Lula, der politische Märtyrer, dieser Heilige der schwarzen Kassen, darf von seinen politischen Gegnern nicht unfair ausgeschaltet werden.