Vor einem Jahr, im April 2017, vibrierte die Luft in den Universitäten dieser Welt. Es geschah Außergewöhnliches: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ließen ihre Arbeit liegen und drängten auf die Straße, Plakate unterm Arm. Eine Demo! In Washington, Berlin, Melbourne, in der Arktis. Zu Hunderttausenden setzten sie beim weltweit ersten March for Science ein Zeichen für die Bedeutung der Universitäten, erinnerten an verfolgte Forscherinnen und Forscher. Es war ein Fest wider die Wissenschaftsfeindlichkeit eines Donald Trump, der damals gerade ins Amt gekommen war und dessen Geringschätzung aufgeklärter Verstandesarbeit die Studierenden, Professoren, Nobelpreisträgerinnen als Affront empfanden.

Einstimmige Parolen allerdings liegen der Wissenschaft nicht. Und so folgte auf das neue Gemeinschaftsgefühl sogleich der Zwist, nämlich über den Plakatspruch, der auf allen March-for-Science-Demos zu sehen war: "Zu Fakten gibt es keine Alternative". Ein Satz, mit dem sich die Wissenschaft Autorität verschaffen wollte – weil sie redlich an der Wahrheit und dem Fortschritt arbeite, uneigennützig und nicht korrumpiert von politischem und wirtschaftlichem Einfluss. Klimawandel ist nun mal Klimawandel. Ein Satz aber auch, der seinerseits nicht dem erkenntnistheoretischen Stand der Forschung entsprach – weil Wissenschaft keine ewig gültigen "Fakten" schafft, sondern sich Erkenntnissen nur annähert. Forschung konstatiert nicht, sie operiert im Modus des ewigen Weiterfragens: Klimawandel, klar. Wie aber ist er zustande gekommen, was befördert ihn, wie ist auf ihn zu reagieren, was wissen wir alles noch nicht?

Auch mit der eigenen Zunft ging man hierzulande kritisch ins Gericht. Denn hatte die Inszenierung der Wissenschaft, die Deutungshoheit über die Welt gepachtet zu haben, nicht etwas Selbstgefälliges? Und sind die Hochschulen nicht selbst ein Hort der Missstände? Autoritätsgläubigkeit, prekäre Beschäftigungsbedingungen und eine heiß gelaufene Drittmittelmaschinerie, fanden viele, eignen sich nur schlecht als gesellschaftliches Vorbild.

Dieses Jahr wird wieder demonstriert, am kommenden Samstag, dem 14. April. Und was kommt aufs Plakat?

Zum Beispiel eine Parole von Voltaire: "Liebe die Wahrheit, doch verzeihe den Irrtum". Das schlägt Stefan Wegner vor, der für die Agentur Scholz & Friends professionelle Wissenschaftskommunikation macht. Voltaire sei eine "Galionsfigur der Aufklärung", ein "Vorkämpfer für Toleranz". Auch den Spruch "Make Science, Not War" fände er gut – eine solche Parole gegen die "Stimmen der Kriegstreiber", mit dem emotionalen Impetus von 68, sei heute nötiger denn je.

Jule Specht, Psychologin und Vorsitzende der Jungen Akademie, findet: "Wissenschaft zeichnet sich durch Vielfalt aus". Teamwork wider die Hierarchien sei das Signal der Stunde für die Erneuerungskraft akademischer Institutionen.

Wer es dialektisch mag, halte sich an den Vorschlag des Soziologen Armin Nassehi, der den March for Science vergangenes Jahr als "Wissenschaftskitsch" geißelte. "Sehr wohl gibt es Alternativen zur Wissenschaft: religiöse, politische oder ästhetische", sagt Nassehi. Die Leistungsfähigkeit der Wissenschaft bestehe darin, einen methodisch kontrollierten Blick auf sich selbst zu ermöglichen: "Zu diesem Faktum gibt es keine Alternative. Man kann sie aber, wie alles Wissenschaftliche, wissenschaftlich kritisieren."

Gut möglich, dass solche durchdachten Plakatsprüche nicht massentauglich sind. Das aber ist die denkbar charmanteste Volte des March for Science – eine Bewegung von Forscherinnen und Forschern zu sein, die sich homogenisierten Wahrheitsvorstellungen verweigert. So viel Komplexität ist dem Menschen zumutbar.