Die Frage ist in der Tat interessant und etwas beunruhigend, warum so viele Männer zur #MeToo-Debatte schweigen, auch solche, die sonst wenig Hemmungen haben, zu zahllosen Themen ihren Beitrag zu leisten, also Männer wie Jens Jessen oder ich. Meine eigene Antwort darauf lautete während des vergangenen halben Jahres, also seit Beginn einer neuerlichen breiten Diskussion über männliche Gewalt, dass ich dazu nichts zu sagen habe. Männer mit anzugreifen wäre mir opportunistisch vorgekommen, Männer zu verteidigen, dazu hatte ich ebenso wenig Lust wie auf einen Aufruf zu Mäßigung und Differenzierung. Und warum kann man nicht einfach mal nur zuhören und dem inneren Unbehagen nachlauschen?

Privat habe ich durchaus mit Männern über all das geredet und festgestellt, dass viele ihr Leben gewissermaßen rückwärts gescrollt haben, um zu überprüfen, ob da womöglich irgendwann irgendwas nicht in Ordnung war, zumindest aus heutiger Sicht. Keine angenehme Übung.

Insofern kann es gut sein, dass ich mir einfach keine Blöße geben wollte und deshalb schwieg. Daher bin ich Jens Jessen dankbar, denn er hat sich in seinem Text mutwillig so viele Blößen gegeben, dass meine darin locker Platz haben, ohne weiter aufzufallen. Darüber wird dann also zu reden sein, über seine und meine Wut, die Verletzungen, die Ungeduld, die Ängste und all das.

Allerdings hat Jens Jessen seine Gefühle, namentlich seine Wut, mit recht vielen Argumenten umstellt, genauer gesagt hat er alle seine ideologischen Flugzeugträger losgeschickt, um das feministische Imperium zu attackieren. "Bolschewistischer Schauprozess", "Hexenlabyrinth", "feministischer Volkssturm", "Zusammentreiben und Einsperren aller Männer ins Lager der politisch Minderwertigen", "Aufkündigung der Conditio humana", "offene Barbarei", "ideologischer Triumph des totalitären Feminismus".

Nun ja. Das muss dann wohl alles erst mal abgetragen werden, bevor über das wirklich Wichtige gesprochen werden kann.

Jessen macht in seinem Text exakt das, was er "den" Feministinnen vorwirft. So wie jene alle Männer angeblich in einen Topf werfen und zum Schlechteren hin homogenisieren, so veranstaltet er es mit den Feministinnen. Meines Wissens sind es nicht so arg viele Frauen, die eine Terrorgruppe gründen möchten, um sich an alten weißen Männern wie Jens Jessen und mir zu rächen. Selbstverständlich finden sich in jeder Bewegung Überspitzungen und Übertreibungen, wie könnte es anders sein. Beim Feminismus ist hier allerdings eine gewisse Vorsicht gegenüber dem eigenen männlichen Maß geboten. Schließlich wurde Alice Schwarzers Kampf gegen häusliche Gewalt in den Siebzigern von vielen ebenso als übertrieben empfunden und hingestellt wie 1983 die Forderung der Grünen Petra Kelly im Bundestag, Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe zu stellen, was dann erst 1997 wirklich geschah. Ob es sich also bei denen, die zu weit gehen, um Durchgedrehte handelt oder um eine Avantgarde, ist nicht immer so leicht auszumachen.

Zudem ist die publizistische Beschäftigung mit angeblichen oder tatsächlichen feministischen Übertreibungen mittlerweile zu einem Geschäftsmodell geworden, bei dem Kolumnisten regelmäßig den ganzen Globus abscannen, um vielleicht in den USA, in Schweden oder in Deutschland etwas zu finden, das als Gender-Wahn angeprangert werden könnte. Ein publizistisches Perpetuum mobile von Empörung und Gegenempörung hat sich da etabliert, das den Verdacht nahelegt, dass die allfälligen feministischen Übertreibungen in der Öffentlichkeit etwas übertrieben rüberkommen.

Natürlich wohnt jedem Ismus eine totalitäre Drift inne; das gilt sogar für den sich diesbezüglich immer so unschuldig fühlenden Liberalismus, wie Patrick J. Deneen in seinem Buch Why Liberalism Failed kürzlich eindrucksvoll gezeigt hat. Schwer zu glauben ist, dass diese Drift den gesamten Feminismus ergriffen haben soll. Da führt Jens Jessen ein Argument ins Feld, das mich verwundert: In der unterstellten Kollektivverantwortung aller Männer für die Untaten jedes Einzelnen habe der Feminismus eine Grenze überschritten, die den Bezirk der Menschlichkeit von der offenen Barbarei trenne, schreibt er. Gewiss, man kann eine Kollektivverantwortung als Mann zurückweisen, so sie denn erhoben wird, aber wieso gleich Barbarei? Schließlich gehört es, nur als Beispiel, zum Kernbestand der deutschen Erinnerungskultur, dass man als Deutscher mit Blick auf den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg in eine Verantwortung für Taten eintritt, die man nicht selbst begangen hat. Als Politik-Journalist der ZEIT streite ich mich immer wieder mit Alexander Gauland darüber, ob dieses In-die-Verantwortung-Treten den Deutschen jegliches gesunde Selbstbewusstsein nimmt, wie er glaubt – oder ob es eine Befreiung darstellt, was ich glaube.