Es geht ja nicht um viel: Eine ungefähr 50-jährige Berliner Journalistin erzählt von einigen Tagen des Berliner Großstadtsommers. Sie schreibt an einer Brotarbeit, einem von einer westfälischen Kleinstadt georderten Festvortrag über den Dreißigjährigen Krieg. Sie verbringt viel Zeit auf ihrem Balkon, auf dem sie raucht, Kaffee trinkt und sich mit einer Krähe unterhält. Sie hat eine Nachbarin, die auf einem der schräg gegenüber gelegenen Balkons lauthals Operettenschlager grölt. Das bringt die wegen der gegenwärtigen politischen Lage ohnehin schwer gereizten Anwohner vollends um den Verstand. Am Ende des Romans und des Sommers ist der Festvortrag fertig und die unliebsame Sängerin verschwunden. Das ist nicht gerade, was man einen mitreißenden Plot nennt.

Dennoch ist der Roman der 75-jährigen Berliner Autorin Monika Maron das Buch, über das in diesem Frühjahr am heftigsten diskutiert und gestritten wird. Allerdings nicht seiner unbestreitbaren stilistischen Eleganz wegen. Sondern wegen der darin von der Berliner Journalistin vorgetragenen politischen Zeitdiagnosen. Die Erzählerin ist eine aufmerksame Zeitungsleserin, sie macht uns mit den Thesen ihrer Kollegen in den Medien des Jahres 2016 bekannt, wobei sie insbesondere mit ausgeprägt düsteren Interpretationen des damaligen Geschehens sympathisiert, unter denen man die Einlassungen von Michael Stürmer, Chefkorrespondent der Welt, und die des Soziologen Gunnar Heinsohn nahezu wörtlich wiedererkennt. Der geschichtspessimistischen These der beiden im Roman anonym zitierten Publizisten, unsere Gegenwart trage alle Vorzeichen einer "Vorkriegszeit", schließt sich die Erzählerin umstandslos an – befinden wir uns nicht in einer dem Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges vergleichbaren Lage? Die historische Analogie springt der Amateurhistorikerin, die sich einen Sommer lang mit der Erforschung der Religionskriege des 17. Jahrhunderts abmüht, ins Auge. Sie schreibt: "Vielleicht faszinierte mich die Vorkriegszeit vor allem, weil sie sich bei unscharfer Betrachtung als grobe Vorlage für die Gegenwart darstellte und sich in Begriffen beschreiben ließ, die ich täglich in den Zeitungen lesen konnte: Klimawandel, Wassermangel, Hunger, Verdoppelung der Bevölkerung in fünfzig oder sogar dreißig Jahren, und die Religionen, natürlich die Religionen." Erschwerend kommt für unsere Gegenwart noch hinzu: die Vermehrung der Geschlechter und der freiwillige Verzicht auf "säkulare Selbstverständlichkeiten" zugunsten der "muslimischen Mitbürger". Die Erzählerin bringt eine umfangreiche Beschwerdeliste zum Vortrag, in der man die aus ihren Zeitungsessays bekannten politischen Ansichten der Autorin – die brave Seminaristenweisheit, dass Autor und Figur niemals verwechselt werden dürfen, hilft hier nicht weiter – nahezu ohne Abstriche wiedererkennt.

Daran ist grundsätzlich nichts auszusetzen. Der politische Thesenroman ist ein ehrwürdiges, in der deutschen Literatur viel benutztes literarisches Genre, zu dessen wichtigstem Ausstattungsmerkmal die politische Thesenhaftigkeit nun mal gehört. Berühmtes Beispiel: Günter Grass’ Die Rättin aus dem Jahr 1987. Erinnert sich noch jemand? Auch das war ein zeitgenössischer Thesenroman, der in wortgewaltiger Angstlust einen Weltuntergang heraufbeschwor. Sein Erzähler besprach seine Sorgen über das Waldsterben, die Umweltverschmutzung und den unabwendbaren Atomkrieg zwischen Ost und West damals seitenlang mit einer Rättin. Monika Marons Erzählerin bevorzugt eine Krähe für den apokalyptischen Gedankenaustausch. Doch egal, ob Ratte oder Krähe – die sprechenden Wappentiere sind nur Bauchrednerpuppen ihrer Erzähler, denen sie in allem immer nur recht geben.

Diese politische Einmütigkeit war schon in der Rättin ein Ärgernis, und auch den Roman von Monika Maron bringt die Eintracht zwischen der meinungsstarken Erzählerin und dem sprechenden Wappentier ihres Inneren in die akute Gefahrenzone politischer Rechthaberei. Schließlich ist nichts langweiliger als ein politischer Thesenroman, in dem alle einer Meinung sind, ganz egal, worüber.

Aber man muss auch gerecht sein: Monika Marons Krähe ist eine literarisch viel interessantere Figur als sämtliche Ratten, Schnecken, Katzen oder Mäuse aus dem Wappentier-Zoo von Günter Grass zusammen. Die Berliner Krähenliebhaberin hat schon vor zwei Jahren ein autobiografisches Büchlein mit dem Titel Krähengekrächz publiziert, in dem sie davon berichtete, wie sie sich den intelligenten Vögeln näherte, die in ihrem künftigen Roman "zur historischen und moralischen Instanz" werden sollten. An manchen Tagen sei sie in der Inkubationszeit des Romans "mit zehn, zwölf, fünfzehn Krähen" durch ihren Schöneberger Kiez gelaufen. Die Leute müssen die krähenumkränzte Monika Maron für völlig verrückt gehalten haben. Jedenfalls mindestens für so verrückt wie die verrückte Sängerin im Roman, deren Geschrei zum Anlass für einen Miniatur-Bürgerkrieg in ihrer Straße wird, für eine Art Dreißigjährigen Krieg im Berliner Wasserglas.

In ihrem Krähen-Essay erklärte Monika Maron den schlechten Ruf, den die Krähe gemeinhin genießt, mit dem "Sieg des Christentums und dem Verschwinden der Naturreligionen". In vorchristlicher Zeit habe man den schwarzen Vogel noch für ein heiliges Tier gehalten. Erst das Christentum habe sich dazu verstiegen, den Menschen zu vergöttlichen und die "Ur-Vernunft" der Krähe wie die aller Tiere abzuwerten. Marons Romankrähe trägt zum Ausgleich den altgermanischen Namen Munin (das war einer der beiden Raben auf den Schultern Odins, des altgermanischen Gottes der Schlachten und der Weisheit). Sie spricht einfühlsam mit der politisch unkorrekten Romanerzählerin, die sich vor den "abweisenden Gesichtern der kopftuchtragenden Frauen" und den allzu vielen "schwarzhaarigen Kindern auf dem Spielplatz an der Ecke" fürchtet. Dabei sagt sie, was die Erzählerin "auch selbst dachte" – aber der Götterbotin aus naturreligiöser Vorzeit erst nach dem Konsum von sehr viel Gin Tonic in den Schnabel zu legen wagt. Das altgermanische Krähen-Privatissimum gipfelt in der brutalen Empfehlung, sich nicht länger mit den komplizierten Abwägungen der christlichen Mitleidsethik aufzuhalten, sondern zum archaischen "Gesetz" zurückzukehren: "Sterben lassen, was nicht leben kann". Auch wenn der Roman derartigen Biologismen zugeneigt scheint: Spätestens hier wird klar, dass der sprechende Vogel auf dem Balkon der Berliner Journalistin von den Problemen aktueller Flüchtlingspolitik nicht die geringste Ahnung hat.

Am Ende versteht man, dass das Alter Ego der Autorin, das in ihren einsamen Lektüren ein wenig solipsistisch geworden zu sein scheint, den ganzen Roman über mit sich selbst gesprochen hat – mit der alten germanischen Krähe ihres Inneren. Die meinungspolitische Götterspeise, die ihr der seltsame Vogel auftischte, hat die Echokammer ihrer Ängste und Vorurteile noch vergrößert. Um ein Haar wäre das alles in einer grob vereinfachenden Polit-Parabel verendet. Doch funkelt im selbstironischen Porträt der komischen Berliner Alten, die die Vögel ihres verbohrten Unglücks mit Wurstscheiben aus dem Berliner Supermarkt füttert, noch immer die vertraute spöttische Intelligenz einer großartigen Schriftstellerin.

Monika Maron: Munin oder Chaos im Kopf. Roman; S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2018; 224 S., 20,– €