Er sollte jetzt besser schweigen. Nicht sagen, warum er in einem gepanzerten Wagen durch Berlin gefahren wird. Oder warum fünf Personenschützer auf ihn aufpassen. Denn mit allem, was er erzählt, könnte er sein Leben noch mehr in Gefahr bringen.

Hayko Bağdat, 41, ist in ein Café am Rande des Berliner Regierungsviertels gekommen. Er wirkt nervös, seine Bewegungen sind fahrig. Als er versucht, sich eine Zigarette zu drehen, fällt sie zweimal auseinander, der Tabak verteilt sich auf dem Tisch. Man habe Profikiller auf ihn angesetzt, sagt Bağdat. Warum er trotzdem reden will? Weil die deutsche Öffentlichkeit wissen müsse, welchen Gefahren man als Kritiker des türkischen Staatspräsidenten Erdoğan ausgesetzt sei.

Bağdat ist Journalist, Autor und Kabarettist. In der Türkei schrieb er für die regierungskritische Online-Zeitung Diken. Im Sommer 2016, nach dem Putschversuch gegen Erdoğan, floh er nach Deutschland, wie so viele Oppositionelle und Akademiker. Wäre er in der Türkei geblieben, sagt er, säße er längst im Gefängnis. In Berlin dagegen konnte Hayko Bağdat endlich wieder schreiben und öffentlich auftreten. Bis zu jenem Tag im vergangenen Dezember, an dem er erfuhr, dass er umgebracht werden soll.

Ein türkischer Abgeordneter der Oppositionspartei HDP habe ihn gewarnt, erzählt Bağdat beim Gespräch im Café: Sein Name befinde sich auf einer Todesliste der Regierung. Ebenso wie die Namen von anderen in Deutschland lebenden Erdoğan-Gegnern. Seitdem steht Hayko Bağdat unter Polizeischutz. Als er an jenem Tag im Dezember abends mit seinem Comedyprogramm öffentlich auftrat, trug er eine kugelsichere Weste. Die hatte ihm die Polizei verpasst. Richtig sicher aber habe er sich dennoch nicht gefühlt, sagt Bağdat: "Ich dachte die ganze Zeit, wenn es der Attentäter wirklich ernst meint, kann er ja einfach auf meinen Kopf zielen."

Wie ein dunkler Schatten hängt die ständige Bedrohung über Hayko Bağdat. Wer genau diesen Schatten wirft, lässt sich nicht endgültig benennen. Aber vieles spricht dafür, dass er von Ankara nach Deutschland reicht.

Auch Bağdats Kollege Can Dündar, ehemals Chefredakteur der türkischen Zeitung Cumhuriyet und aktuell ZEIT -Kolumnist, hat Personenschutz in seinem Berliner Exil. Wenn er seine Wohnung verlässt, folgen ihm sechs Beamte in Zivil. Er fährt nicht mehr Taxi, seit er von türkischstämmigen Fahrern beleidigt und bedroht wurde. Im türkischen Fernsehen wurde ganz offen darüber gesprochen, ob es nicht besser sei, Dündar von Agenten im Ausland umbringen zu lassen.

Bereits seit 2016 steht der Grünen-Politiker Cem Özdemir unter Polizeischutz. Er erhielt Morddrohungen, nachdem er im Bundestag dafür stimmte, den Völkermord an den Armeniern anzuerkennen.

Der Berliner Linken-Politiker Hakan Taş wurde im vergangenen Dezember von einem Unbekannten auf offener Straße angegriffen, auf Türkisch als "Hurensohn" und "Vaterlandsverräter" beschimpft und ins Gesicht geschlagen. Taş erlitt eine Platzwunde, blutete am Kopf. Der Mann floh. Als Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses hatte Taş die antidemokratischen Entwicklungen in der Türkei unter Erdoğan kritisiert.

Und Memet Kılıç, ein Rechtsanwalt und ehemaliger Bundestagsabgeordneter der Grünen aus Heidelberg, erzählt, dass er nun jedes Mal, bevor er in sein Auto steige, kontrolliere, ob die Schrauben an den Rädern noch fest angezogen seien. Kılıç hatte einen Kurden, der in der Türkei Bürgermeister war und dann nach Deutschland floh, bei dessen Asylantrag beraten. Danach schrieb ihm jemand, er habe "den kleinen Kılıç" vor dessen Schule beobachtet. Der Unbekannte nannte auch den Namen der Straße, in der sich die Schule von Kılıç’ Sohn befindet. Kılıç bekommt regelmäßig Drohungen per Mail und aus den sozialen Netzwerken.

All diese Menschen leben in Deutschland und können sich dennoch nicht sicher fühlen – weil sie die türkische Regierung kritisieren. "Es ist ein unerträglicher Zustand", sagt Özdemir. "Wie kann es sein, dass türkischstämmige Bürger hierzulande bedroht oder eingeschüchtert werden? In Deutschland gibt es Parallelstrukturen eines fremden Staates, über die man in den Sicherheitsbehörden viel zu wenig weiß."