Ich weiß noch, wie vorwurfsvoll er mich ansah, als mir das Datum nichts sagte: der 24. Juni? 1835? Vor 180 Jahren, auf den Tag genau? Keine Ahnung. Ich wollte bloß schnell einchecken. Es hatte ewig gedauert bis nach Hydra, meine Verabredung war in einer halben Stunde, und am nächsten Morgen musste ich schon wieder zurück. "Der Todestag von Admiral Miaoulis", sagte Takis hinter der Rezeption und nahm meinen Personalausweis entgegen. Und als wieder nichts von mir kam: "Hat damals das Flaggschiff der Türken versenkt. Im Freiheitskrieg." Takis sah mich an. "Das ist bei uns passiert. Hundert Meter vor der Hafeneinfahrt! Heute ist Inselfest!"

Erfahrenen Reisenden ist die Stelle vorhin bestimmt aufgefallen: Hoffentlich denkt er daran, sich den Perso zurückgeben zu lassen! Hat er nicht. Er hat nach seiner Verabredung das Miaoulis-Fest gefeiert, in einem ausgestorbenen Hotel übernachtet und am nächsten Morgen kurz vor Abfahrt der Fähre nach Athen gemerkt: Der Personalausweis ist an der Rezeption. Und an der Rezeption ist natürlich niemand.

In großen Hotels geht das beim Check-in meist ratzfatz: Der eine stellt einem ein Glas Ingwerlassi hin, und während man trinkt, hat der Kollege den Pass kopiert. In kleineren Hotels ist das komplizierter: Weil der einzige Rezeptionist nicht unhöflich sein möchte, nimmt er den Ausweis und wendet sich wieder dem Gast zu. Der kann den Pass später abholen. Er muss nur dran denken.

Aus eigener Erfahrung weiß ich: Macht man nicht. Vergisst man. Ist einem egal – man ist ja jetzt da im Urlaub. Der Rezeptionist wiederum wird abgelöst, die Nachtschicht packt den Pass in irgendeinen Schrank. Um also zur Ausgangsfrage zu kommen: Nein. Niemals. Auf gar keinen Fall. Scharwenzeln Sie in der Lobby herum, bis der Pass kopiert ist. Haken Sie nach, wenn es zu lange dauert. Wenn es wirklich nicht anders geht, setzen Sie einen Alarm auf dem Smartphone. Unternehmen Sie alles, um das Ding zurückzubekommen.

Habe ich auch. Bloß war es da schon zu spät. Beziehungsweise: sehr früh am Sonntagmorgen nach dem Miaoulis-Fest. Ich habe an der Rezeption die Schublade aufgebrochen (kein Perso), von der Fähre aus die Wahlwiederholung malträtiert (kein Takis) und den deutschen Botschafter in Athen geweckt, weil einem ein Anruf bei der Botschaft ja immer empfohlen wird. (Woher sollte ich wissen, dass der Chef selber dran geht, weil alle anderen im Wochenende sind?) Am Flughafen wurde ich von einem Airline-Mitarbeiter an der Passkontrolle vorbeigeschleust (höchst illegal) und bei der Rückkehr in Frankfurt verhört, weil ich mich nicht ausweisen konnte (höchst verständlich). Man belehrte mich, dass ich mein Dokument als gestohlen melden müsse, weil es gar nicht meins sei, sondern dem Staat gehöre. Ob ich denn zumindest eine Kopie gemacht hätte? Natürlich nicht.

Mein Perso? Kam am übernächsten Tag per Express. Zusammen mit einem "Sorry!"-Zettel und einer Einladung nach Hydra: eine Woche, in Takis’ Hotel.